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Großes, teures, totes Kino: „Illuminati“

Von Peter Körte

Video in voller Größe

13. Mai 2009 Größer als die Rätsel, die im Lächeln der Mona Lisa liegen, tiefer als das Geheimnis des Heiligen Grals, verwirrender als die Existenz der Antimaterie - das sind nur die Fragen, welche einem die Verfilmungen der Romane von Dan Brown aufgeben. Als Symbolologe, zu dem man mit Browns Helden Robert Langdon notgedrungen wird, möchte man nicht bloß wissen, wofür dieser Brown-Effekt denn nun steht und was sich aus ihm folgern lässt, sondern vor allem, wie es kommt, dass sich tatsächlich noch Menschen den Film ansehen, die bereits den entsprechenden Roman gelesen haben.

Trendforscher ermitteln bei Brown-Lesern den Wunsch nach einer „Wiederverzauberung der Welt“, immer wieder wird gesagt, es liege daran, dass in Brown-Büchern hinter der sichtbaren Welt unsichtbare Mächte wirken, welche den Verlauf der Geschichte ungleich mehr beeinflussen als die greifbaren Akteure auf der Bühne. Das mag ja auch alles sein, man hat ja selber die Bücher verschlungen und weiß, dass solche Massenphänomene immer eine Restratlosigkeit hinterlassen - aber all das erklärt einem nicht, warum man sich das auch noch anschauen soll, es sei denn, man hat sich die Lektüre erspart und gleich auf den Film gewartet.

Diesmal erregt sich allenfalls noch ein 102-jähriger Kardinal

Diese Rechnung ist bisher aufgegangen: 81 Millionen Exemplare des Romans „Da Vinci Code“ wurden insgesamt verkauft, rund 760 Millionen Dollar spielte die Verfilmung ein, was bei einem durchschnittlichen Ticketpreis von sieben Dollar mehr als einhundert Millionen Zuschauer bedeutet. Über die Schnittmenge zwischen Lesern und Zuschauern ist nichts bekannt, aber man kann sicher sein, dass sie Dan Browns Produktpalette nicht geschadet hat und auch für die Verfilmung von „Angels and Demons“ - der in Deutschland so hartnäckig „Illuminati“ heißt wie der „Da Vinci Code“ den faden Titel „Sakrileg“ trug - ordentliche Werbeeffekte erzeugt.

Die Schlacht an der PR-Front fiel diesmal allerdings etwas weniger turbulent aus, obwohl die Produzenten daraus symbolisches Kapital zu schlagen versuchten, dass der Heilige Stuhl keine Drehgenehmigungen erteilte, weder für den Vatikan selbst noch für die im Roman genannten Kirchen und ihre unmittelbare Umgebung. Und weil der Vatikan profan genug ist, hat er auch begriffen, dass sein Aufruf zum Boykott beim „Da Vinci Code“ Gratiswerbung für den Film gewesen war. Jetzt erregt sich allenfalls noch ein 102-jähriger Kardinal, wogegen Pater Federico Lombardi, der Pressesprecher des Papstes, dem Branchenblatt „Daily Variety“ erklärte, er werde nur dann einen Kommentar zu „Illuminati“ abgeben, „wenn die Filmproduktion tausend Zehnjahresabonnements unserer offiziellen Zeitung erwirbt“, des „Osservatore Romano“ also. Er kann die Arbeit ruhig anderen überlassen, der „Universal Society of Hinduism“ zum Beispiel, die sich mit einem Boykottaufruf dafür revanchieren möchte, dass die amerikanische Bischofskonferenz sie beim Boykott des Films „The Love Guru“ unterstützt hatte.

Dem Vatikan reichte schon der Name Dan Brown

So viel Nächstenliebe kann sich Ron Howard, der Regisseur, nicht leisten. Er hat während einer Pressekonferenz versichert, der Vatikan habe seinen Einfluss in Rom auch nach Verweigerung aller Drehgenehmigungen geltend gemacht und die Dreharbeiten damit erschwert. Der Vatikan hatte schon bei den ersten Anfragen erklärt: „Normalerweise lesen wir das Drehbuch, aber in diesem Fall war das nicht notwendig. Der Name Dan Brown reichte schon.“

Lassen wir mal beiseite, dass die Dämonisierung des so harmlos und bieder wirkenden Dan Brown etwas Absurdes hat. Jedenfalls hatte die Produktion eine tolle Idee: Ungefähr zwanzig Teammitglieder verkleideten sich als Touristen - was Amerikanern in Rom nicht allzu schwer gefallen sein dürfte - und drangen, bewaffnet mit ultraleichten Digitalkameras, in den Vatikan ein, um mehrere Stunden Videomaterial und mehr als 200.000 Fotos zu erbeuten. Doch eine Produktion, die mehr als hundert Millionen Dollar gekostet hat, als visuelle Freibeuterei zu inszenieren, das war schon im Vorfeld nicht sonderlich überzeugend - und ist es noch weniger, wenn man den Film gesehen hat.

Da knistern allenfalls die alten Buchseiten in der vatikanischen Bibliothek

Es ist deshalb vielleicht nötig, endlich mal etwas über diesen Film zu sagen, ohne dabei allzu viel zu verraten. Er ist deutlich frommer, zumindest kirchenfreundlicher als das Buch, denn der Papst hat hier kein Kind gezeugt, der Heilige Stuhl ist es, der Langdon nach dem Diebstahl von Antimaterie aus dem Forschungszentrum Cern und der Entführung von vier Kardinälen zu Hilfe ruft, und es müssen auch nicht alle vier Preferiti, also die Favoriten bei der Papstwahl, sterben; einer überlebt - und schafft es bis ganz nach oben.

In seinem Gestus gibt sich der Film feierlich und gravitätisch, von der Auftaktsequenz, in welcher der Fischerring des eben verstorbenen Papstes zerstört wird, bis zum glorreichen Ende. Leider hat man jedoch bei den Actionsequenzen gespart, da ist im Roman wesentlich mehr los, und leider ist das sogenannte love interest auch zu schwach, so dass Langdon und die Physikerin Vittoria kein Paar werden dürfen - womit einem allerdings nicht wirklich etwas entgangen ist, weil zwischen Tom Hanks und der jungen israelischen Schauspielerin Ayelet Zurer allenfalls die alten Buchseiten in der vatikanischen Bibliothek knistern.

Dem Zombie Kino wurde hier alles Leben ausgetrieben

Es ist einer dieser Filme, welche das Kino als hübsch hergerichteten Zombie erscheinen lassen, dem alles Leben ausgetrieben wurde. Ein Star, der sich sichtbar langweilt, der völlig unterfordert ist und lediglich zeigen darf, dass er zügig ein paar Bahnen im Schwimmbad von Harvard kraulen kann, und der am Ende guckt wie Forrest Gump; ein Regisseur, der meist für volle Kassen garantiert, aber keinerlei Neigung erkennen lässt, mehr als ein Fahrdienstleiter zu sein, der für reibungslosen Betrieb am Set sorgt. Und ein Aufwand, der ästhetisch in keinem Verhältnis steht zum Ertrag.

Die Kamera steigt und taucht und schwebt und gleitet, um die Schauwerte ordentlich ins Bild zu rücken, und von der Tonspur dröhnt und orgelt es ständig bis zur Besinnungslosigkeit. Selbst die Leistung, Petersplatz und Peterskirche samt Sixtinischer Kapelle in Kalifornien nachgebaut zu haben, ist kein Anlass zu übermäßigem Applaus. Sieht zwar alles wirklich gut aus; andererseits muss man das natürlich auch erwarten, wenn man sich all die Europa-Repliken in Las Vegas ansieht oder jenes „Little Europe“ auf dem Studiogelände in Universal City, wo es sehr nett und bei Bedarf natürlich auch sehr römisch aussieht.

Eine ökonomisch sinnvolle, ästhetisch sinnfreie Investition

Es sind dann 140 zähe Minuten, die den Effekt haben, das Spekulative, Geheimnisvolle, das auf den Buchseiten noch lockt, restlos in der Sichtbarkeit und den Schauwerten einer Großproduktion verschwinden zu lassen. Die Romane von Dan Brown sind im Grunde nicht verfilmbar - das ist, als sollte man sie ein zweites Mal lesen, was vermutlich niemand freiwillig tut. Brown ist als Autor schon kein sprachlicher Filigrantechniker, aber wenn man die Bildsprache des Films sieht, wie er anfangs das alteuropäische Ritual des Konklaves gegen die stählerne Kälte des Forschungszentrums Cern ausspielt, weiß man, dass es viel kruder kaum geht. Aber es geht die ganze Zeit so weiter.

Und statt Einsichten über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft zutage zu fördern (die ernsthaft keiner erwartet hat), verkörpert der Film vor allem ein Geschäftsmodell. „Illuminati“ ist eine ökonomisch sinnvolle, ästhetisch sinnfreie Investition. Sie wird aller Voraussicht nach eine hübsche Rendite abwerfen, sie ist dazu krisenfest und beständig, weil die Verfilmung des erst im September erscheinenden neuen Romans von Dan Brown bereits für 2012 angekündigt ist. Das Buch heißt „The Lost Symbol“. Vermutlich will einem das auch etwas sagen - wenn man bloß wüsste, was. Im Kino wird man es sicher nicht herausfinden.

Schon von diesem Mittwoch an im Kino



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Sony Pictures

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Schriftsteller

Sein Name ist Brown, Dan Brown

Dan Brown

Seine literarischen Vorbilder sind John Steinbeck, Robert Ludlum und Shakespeare. Den ersten bewundert er für seine Beschreibungen, den zweiten für die Kunstfertigkeit des Plots und den dritten für seinen Wortwitz.

Da Vinci Code

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