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Gewichtig: „Simons Geheimnis“ von Atom Egoyan

Von Peter Körte

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20. Mai 2009 Der Regisseur Atom Egoyan, 1960 in Kairo geboren und in Kanada aufgewachsen, steht im Ruf, sich unbeirrbar dem Mainstream zu widersetzen und die Bastion des Autorenkinos in Nordamerika zu verteidigen. Auch in seinem neuen Film „Simons Geheimnis“ hat Egoyan, der mittlerweile thematisch etwas erschöpft wirkt, noch immer genau im Blick, was er will. Doch weil all die Themen und Stoffe, die in seinen Film eingehen, auch explizit werden müssen, ist die Agenda länger als der Atem des Films. In „Simons Geheimnis“ (im Original „Adoration“) liest der Titelheld im Französischunterricht einen Artikel über einen Palästinenser, der seiner schwangeren Braut vorm Flug nach Israel eine Bombe in den Koffer packt, die jedoch rechtzeitig entdeckt wird. Simon stellt sich vor, er sei der Sohn dieses Paares, und er wird von seiner ziemlich undurchsichtig agierenden Lehrerin (Arsinée Khanjian) noch ermuntert, diese Fiktion auszuarbeiten.

Das ist seine Art, mit dem schon länger zurückliegenden Unfalltod der Eltern fertig zu werden, und sie bahnt den Weg zur Rekonstruktion einer Familiengeschichte. Simon lebt bei seinem frustrierten Onkel, der Autos abschleppt, er besucht seinen moribunden Großvater, der Simons libanesischstämmigen Vater nie akzeptiert hat. Simon verbreitet seine Geschichte im Internet, sie wird zum Thema in Chatrooms, und dem Jungen schwirrt der Kopf, weil sein Computerbildschirm zum Splitscreen wird, auf dem sich bisweilen neun sprechende Köpfe aus der Chatgemeinde tummeln.

Bleigewicht der Konstruktion

Egoyans Filme setzen immer in einem Danach ein. Es geht, nicht nur in „Das süße Jenseits“ (1997), um Schäden und Beschädigungen, und nicht zufällig ist in einem seiner schönsten Filme, im „Schätzer“ (1991), die Hauptfigur ein Mann, der für eine Versicherung Brandschäden begutachtet und im Grunde ungeeignet ist für den Job, weil seine Empathie für die Opfer zu groß ist. Auch in „Adoration“ ist das Unglück längst geschehen. Der Tod der Eltern ist das Trauma, doch wie Egoyan diese Familiengeschichte verknüpft mit dem Terrorismus, mit dem Clash der Kulturen und Religionen, mit der Welt der Chatrooms, wie er das Private ständig durch das Politische mediatisiert, das führt am Ende zu einer Überfrachtung, die dem Film gar nicht bekommt.

Ohne die Pose des allwissenden Erzählers kann er die zentrifugalen Tendenzen der Geschichte nicht mehr bremsen, und so muss Egoyan seinen Charakteren ständig einen Schritt voraus sein, Rückblenden fingieren, die nicht Simons sein können, und die Protagonisten zudem Zufällen aussetzen, die viel zu haarsträubend konstruiert sind, als dass man ihnen noch folgen wollte. Dieses Bleigewicht der Konstruktion lässt auch Egoyans stilistische Eigenheiten nur noch wie gepflegte Manierismen erscheinen.

Das filigrane Sounddesign, das die Charaktere wie ein Kokon umgibt, wirkt nicht mehr organisch, und die suggestiven, langsamen Fahrten, das subtile Licht von Kameramann Paul Sarossy geraten in eine gefährliche Nähe zu schlechten Lyrizismen. Simons Mutter, die in einer Rückblende am Ufer eines Sees steht und Geige spielt - das ist nur noch Kitsch, der unverbunden neben dem Wunsch steht, gewichtige Dinge über den Zustand der Welt und die Wirkungen der modernen Medien mitzuteilen.

Schon von diesem Mittwoch an im Kino



Text: F.A.S.
Bildmaterial: X-Verleih

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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