28. August 2008 Diesen Titel hat Joseph Biden schon sicher: Er ist der größte Pendler in der Geschichte des amerikanischen Kongresses. Seit mehr als 35 Jahren vertritt er seinen Heimatstaat Delaware als Senator in Washington, und an jedem Tag der Sitzungsperiode des Kongresses fährt er morgens von seinem Wohnort in Wilmington mit dem Zug zur Union Station nach Washington, von wo es nur noch ein Steinwurf bis zum Kapitol ist, und am Abend wieder heim.
80 Minuten hin und 80 Minuten zurück. Die Lokführer und Zugbegleiter, die Kellner und Kassierer im Caféwagen sind für Senator Biden, der ein rechtschaffener Familienmensch ist, zu so etwas wie einer zweiten Familie geworden. Jedes Jahr gibt Biden eine Weihnachtsparty eigens für die Angestellten des staatlichen Bahnunternehmens Amtrak.
Mit 29 erlebt Biden einen schlimmen Schicksalsschlag
Sollte Joseph Biden unter einem Präsidenten Barack Obama dessen Stellvertreter werden, wäre es vorbei mit der Pendelei. Dann müsste er doch nach Washington umziehen - in die Residenz des Vizepräsidenten am Observatory Circle Nummer 1 auf dem Gelände des Observatoriums der Marine. Joseph Biden hält sich viel zugute auf seine Herkunft aus einfachen, aber keineswegs armen Verhältnissen. Er wurde am 20. November 1942 in Scranton im Bundesstaat Pennsylvania als Sohn eines Autoverkäufers geboren. Die katholische Familie zog in den Landkreis New Castle im Bundesstaat Delaware, als Joe Biden elf Jahre alt war.
Zum Einstieg in die Politik entschloss sich Biden bald nach dem Abschluss des Politik- und Geschichtsstudiums an der Universität Newark in seinem Heimatstaat und nach der Promotion in Jura an der Universität Syracuse im Bundesstaat New York. 1966 heiratete Biden seine Frau Nelia, in rascher Folge wurden die Söhne Joseph Beau und Robert Hunter sowie die Tochter Naomi Christina geboren. Als dem aufstrebenden Politiker, der 1970 erstmals in den Gemeinderat der Hauptstadt Wilmington gewählt worden war, im November 1972 im Alter von nur 29 Jahren die Wahl in den Senat zu Washington gelang, ereilte ihn der schlimmste Schicksalsschlag seines Lebens.
Im Krankenhaus leistet Biden doch seinen Amtseid
Seine Frau Nelia und die kleine Tochter Naomi Christina starben auf dem Weg zum Christbaumkauf bei einem unverschuldeten Autounfall, die Söhne Joseph Beau und Robert Hunter wurden schwer verletzt. Biden erwog, auf sein politisches Amt zu verzichten, um die verletzten Söhne gesundzupflegen, leistete aber an deren Betten im Krankenhaus doch seinen Amtseid, nachdem ihn Freunde und Weggefährten überredet hatten, sein Mandat im Senat doch anzutreten. Seit 1977 ist Biden mit seiner zweiten Frau Jill Tracy Jacobs verheiratet, die gemeinsame Tochter Ashley wurde 1981 geboren.
Als Senator wurde Biden, dessen Abstimmungsverhalten und Gesetzesinitiativen ihn als gemäßigten Linken auszeichnen, rasch eine feste Größe im Justiz- und vor allem im Außenausschuss. Mit Vehemenz bekämpfte er konservative Kandidaten für Posten an wichtigen Bundesgerichten und für das Oberste Gericht. Wahrscheinlich ist es unausweichlich, dass ein Senator, der das erforderliche Mindestalter von 30 Jahren zum Eintritt in die kleinere Kammer des Kongresses erst kurz vor seiner Vereidigung erreicht, irgendwann ans Präsidentenamt denkt. Biden tat das erstmals 1988 mit dem Ziel, das Feuer des Idealismus in unserer Gesellschaft wieder zu entzünden.
Gesundheitliche Probleme erschweren seinen Weg
Doch der Anlauf endete früh, weil Biden in einer Wahlkampfrede ohne Zitatnachweis Abschnitte aus einer Rede des britischen Labour-Führers Neil Kinnock übernommen hatte. Kurz darauf wurden weitere Beweise für Bidens Kopierfreude gefunden: Ein Papier, das er während des Jurastudiums verfasst hatte, enthielt fünf Seiten eines Artikels aus einer Fachzeitschrift; in manche Wahlkampfrede ließ Biden Passagen aus Reden Robert F. Kennedys einfließen - jeweils ohne Urhebernachweis.
Gesundheitlich Probleme traten hinzu: Aus Bidens Gehirn mussten zwei gefährliche Veränderungen der Blutgefäße entfernt werden, mehr als ein halbes Jahr blieb der Senatssitz des genesenden Biden vakant.
Auch Bidens zweiter Anlauf auf das Weiße Haus in diesem Jahr führte nicht weit. Seinen Konkurrenten und jetzigen Mentor Obama bezeichnete er als ersten schwarzen Anwärter auf den Einzug ins Weiße Haus, der redegewandt, klug, sauber und ein gutaussehender Kerl ist - was mindestens herablassend klang. Beim Wahlkampf in Iowa schien er sich über indische Einwanderer und deren Akzent lustig zu machen. Überhaupt scheint der Senator mit der sonoren Stimme, der er auch selbst sehr gerne hört, seine Gedanken und seine Zunge nicht immer im Zaum halten zu können.
Schon 2003 wandte sich Biden gegen den Irak-Krieg
Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Senats ist Biden zwar prinzipiell Internationalist, die amerikanisch geführten Interventionen der Nato in Bosnien-Hercegovina und im Kosovo während der Amtszeit von Präsident Bill Clinton hat er aber energisch befürwortet. Ebenso den Krieg gegen Saddam Hussein - jenen von 2003 wohlgemerkt, nicht aber den von George H. W. Bush nach dem irakischen Überfall auf Kuweit von 1991. Doch schon im Sommer 2003 wandte sich Biden gegen den Krieg im Irak, den er im Oktober 2002 noch befürwortet hatte.
Im Mai 2006 schlug er eine föderale Teilung des Iraks in einen schiitischen, einen sunnitischen und einen kurdischen Teilstaat vor, die nur locker miteinander verbunden sein und sich die Öleinnahme fair teilen sollten - die Teilung Bosnien-Hercegovinas in ethnische Entitäten nach 1995 stand bei dieser Idee erkennbar Pate. Die von Präsident George W. Bush Anfang 2007 befohlene Truppenaufstockung lehnte Biden mit folgenden Worten ab: Wir haben eine Truppenverstärkung schon vorher versucht und sind gescheitert. Wenn wir es nochmals versuchen, werden wir wieder scheitern.
Als Falke soll Biden eine Schwäche Obamas abdecken
An diese Aussage wird Biden im Wahlkampf vor den Präsidentenwahlen vom 4. November vom Republikaner John McCain gewiss noch oft erinnert werden: Denn der hatte die Truppenverstärkung, die wesentlich zum Umschwung im Irak beitrug, schon lange gefordert und ist überzeugt, dass die surge den amerikanischen Soldaten einen siegreichen Abzug aus dem Irak ermöglichen werde. Biden verbindet ein fast enzyklopädisches Wissen über die Krisenherde der Welt mit jener Bodenständigkeit und Hemdsärmeligkeit, die bei Obama immer gekünstelt erscheint. Das soll die unentschlossenen Wechselwähler in der politischen Mitte, die weiße untere Mittelschicht, die verbitterten Anhänger Hillary Clintons ins Boot bringen helfen.
Und er soll als Falke in der Außen- und Sicherheitspolitik eine weitere vermeintliche Schwäche Obamas abdecken. Während Obama auf den russischen Einmarsch in Georgien zunächst mit verhaltener Kritik reagierte, wetterte Biden nach einem Besuch in Tiflis bald gegen Moskaus Kraftprotzerei und forderte ein entschiedenes und entschlossene Vorgehen der Nato: Der Westen müsse für die Rechte freier Völker in der gesamten Region eintreten.
Der ältere Sohn will in die Fußstapfen des Vaters treten
Als Beförderer des von Obama gepredigten Wandels in Washington kann der ultimative Insider Biden freilich nicht gelten. Zwar lebt der Senator selbst weiter in eher bescheidenen Verhältnissen, doch der jüngere Sohn Robert Hunter ist als Berater der Kreditbank MBNA, die ihren Sitz in Delaware hat, gleich nach dem Studienabschluss und ohne berufliche Erfahrung äußerst großzügig entlohnt worden.
In die politischen Fußstapfen des Vaters will dagegen unverkennbar der ältere Sohn Robert Beau treten: Er ist seit 2006 Justizminister von Delaware und gilt als Anwärter auf den Senatssitz seines Vaters. Vorerst aber muss der sich von Wilmington in eine andere Himmelsrichtung aufmachen: Als Mitglied der Nationalgarde wartet er auf den Marschbefehl in den Irak.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa