Berlins Mitte

Klotzt nicht so romantisch

Von Peter Richter

Zwischen verlorener Vergangenheit und ungewisser Zukunft: Um Berlins Stadtmitte ist ein architektonischer Grundsatzstreit entbrannt

Zwischen verlorener Vergangenheit und ungewisser Zukunft: Um Berlins Stadtmitte ist ein architektonischer Grundsatzstreit entbrannt

07. Juli 2009 Über die historische Mitte Berlins kann man sagen, was man will. Nur öde ist es dort im Augenblick nicht, ganz im Gegenteil: Auf der weiten freien Fläche zu Füßen der Museumsinsel spielen sich zurzeit so viele Dramen gleichzeitig ab, dass man sich fast fragt, ob der Platz überhaupt ausreicht dafür. Erst scheitert hier der Wettbewerb für ein Deutsches Einheitsdenkmal, dann geht die Temporäre Kunsthalle in die Knie, und jetzt wird der Wiederaufbau des Stadtschlosses mit Verfahrens- und Inhaltsfragen torpediert, und währenddessen wird auf der anderen Seite der Spree plötzlich der Wiederaufbau einer Berliner Altstadt gefordert. Man darf sagen, es geht rund. Man sieht es nur nicht. Die fast einen Kilometer lange Freifläche in der Mitte von Berlin ist im Moment ein Schlachtfeld, auf dem sich schattenhafte Armeen metzeln, mit allen Rücksichtslosigkeiten, Finten und Taktierereien, die bei so etwas dazugehören.

Diese Woche wurden Vorwürfe laut, Franco Stella, der designierte Architekt des Schlossneubaus, habe gegen bestimmte Anforderungen in den Wettbewerbsvoraussetzungen verstoßen (sein Jahresumsatz sei zu klein, seine Mitarbeiterzahl zu gering), er hätte deshalb gar nicht teilnehmen dürfen. Irgend so etwas hatte in der Luft gelegen: Schon als der Wettbewerb im vergangenen Herbst überraschend von dem international wenig bekannten Italiener gewonnen wurde, war zu spüren, dass damit keine Ruhe einkehren würde in den jahrelangen Streit, sondern allenfalls ein unversöhntes Knurren. Aber je länger die Konkurrenzentwürfe im Gespräch blieben und je nachdrücklicher auch andere Architekten auf ihre Alternativideen hinwiesen, desto deutlicher wurde, weshalb die Jury den Preis so einstimmig und gleichzeitig so begeisterungslos an Stella vergeben hatte: Er war einfach derjenige, der am folgsamsten und am wenigsten eigensinnig erfüllte, was nach dem Bundestagsbeschluss über die Schlossrekonstruktion gefordert war.

Diskrepanz zwischen Form und Zweck

Im Wartezustand: Franco Stellas Konzept des Schlossneubaus ist keineswegs unumstritten

Im Wartezustand: Franco Stellas Konzept des Schlossneubaus ist keineswegs unumstritten

Stella hat die Vorwürfe inzwischen erwartungsgemäß zurückgewiesen, aber man darf sicher sein, dass der Streit um die Formalien fortgesetzt wird, es geht schließlich um etwas ganz anderes. Es geht um die Formen. Es geht um die Gestaltung der Mitte Berlins, die zugleich die der Nation symbolisieren soll; und es geht darum, wie bei einem Strategiespiel, den Aufbau des Gegners zu stören, um andere Optionen offenzuhalten. Immerhin kam die Aufregung rechtzeitig, bevor die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der nächsten Woche den Stand der Überlegungen zum sogenannten Humboldt-Forum vorstellen wird, welches das Schloss einmal füllen soll - ein Verbund von Bibliotheken, universitären Forschungseinrichtungen und ethnologischen Museen. Und auch von dort droht Stellas Schlossplänen neuerdings Gefahr. Jetzt rächt sich, dass dem ästhetisch begründeten Wunsch nach einem weitgehend originalgetreu rekonstruierten Schloss nachträglich und wie aus schlechtem Gewissen über die eigenen restaurativen Sehnsüchte ein Nutzungskonzept hinzuerfunden wurde, das bewusst so universell formuliert war, dass man sich alles Mögliche darunter vorstellen konnte.

Und genau das passiert jetzt auch: Während an diesem Wochenende linke Gruppen zu einem Kongress „Der Anti-Humboldt“ laden, um zu diskutieren, ob die Inszenierung von Kunstschätzen aus Afrika, Asien oder Ozeanien hinter den Fassaden eines Hohenzollernschlosses nicht in erster Linie auf einen kolonialistischen Skandal hinausläuft, schwingt in den Selbstankündigungen für die „Begegnungsstätte der Weltkulturen“ immer deutlicher der Zweifel mit, ob sie in ihrer museologischen Neu- und Großartigkeit den von Stella gesteckten räumlichen Rahmen nicht zwangsläufig sprengen muss. Es ist die Option auf einen gänzlich modernen Neubau, der hier über die Hintertreppe wieder hochgeschlichen kommt.

Langzeitprojekte versus Interimslösungen

Schwierige Lage für die Freunde der Rekonstruktion: Gegen das listige Argument, dass ein neuartiges Museum eine adäquate Hülle brauche, ist wenig vorzubringen. Außer der Wahrheit. Außer der Tatsache, dass es um so ein Museum im Kern nie ging. Man müsste nur die Bundestagsabgeordneten einmal fragen, was sie vor Augen hatten, als sie damals für den Abriss des Palastes der Republik stimmten: ein wiederaufgebautes Barockschloss am Ende von Unter den Linden - oder ein Völkerkundemuseum, in dem „sich auch ein Besucher aus Neuguinea seiner Geschichte vergewissern“ kann (sofern er sie nicht eher lautstark zurückfordert). Es ist nun ein Konflikt zwischen Innen und Außen, Mittel und Zweck - wobei vor allem strittig ist, welches was ist. Der Fall der Temporären Kunsthalle weist jedenfalls im Kleinen schon mal darauf hin, dass es nicht ganz unproblematisch ist, einen Bau an dieser Stelle ganz aus seiner inneren Funktion her zu begreifen. Die Kunsthalle war auch einmal so ein Mittel zum Zweck, und ihr Zweck war die Verteidigung des Palastes der Republik. Als in dessen letzten Lebensmonaten hier junge Berliner Kunst gezeigt wurde, war das ein durchschlagender Erfolg. So eine Kunsthalle wurde dauerhaft gefordert. Sie kam dann wenigstens temporär, als der Palast weg war und bis das Schloss da ist. Und kaum einer wollte mehr hin. Nach vielen Querelen und Personalrauswürfen sollte in dieser Woche bekanntgegeben werden, wie es weitergeht. Selbst das fiel aus, denn zuletzt war auch der künstlerische Beirat entnervt zurückgetreten. Dieser Misserfolg kann nicht ausschließlich am Programm gelegen haben. So schlecht waren die Ausstellungen nun auch nicht. Vielleicht war es zum Teil auch so, dass dem Projekt, das am Anfang alle so unbedingt wollten, schlicht der Palast fehlte, zu dessen Unterstützung es im Ursprung erfunden worden war. Letzte Hoffnungen, dass die Berliner Gegenwartskunst als Platzhalter gegen den Schlossneubau taugen könnte, dürften sich dadurch nun auch zerschlagen.

Seit mit dem Abriss des Palastes der Republik die letzte geschichtliche Realie abgeräumt ist, schweben nur noch papierne Konzepte über dem Schlossplatz. Und im Grunde können einem alle Beteiligten inzwischen nur noch leid tun: Der Palast ist weg, das Museum nur halbherzig und als Schlossfüllung erwünscht. Und die Verehrer des Stadtschlosses trifft es sogar am härtesten: Ihnen war von Wilhelm von Boddien Schlüterscher Barock versprochen worden. Jetzt bekommen sie Franco Stellas italienischen Razionalismo. Beides verhält sich ungefähr so zueinander wie ein Thron zum gipsernen Modell eines Schemels. Es ist die beinernste und akademischste Schwundstufe der klassischen Tradition und erklärt sich historisch aus dem Versuch, die architektonische Moderne mit Hilfe rigider Raster an Härte und Monotonie noch einmal deutlich zu übertreffen.

Enge und Trieb

Um ein Bücherregal, wie es Stella als zeitgenössische Ostfassade des Schlosses vorschlägt, ernsthaft als „Belvedere“ bezeichnen zu können, braucht es schon ein Architekturverständnis, das von Häusern im Grunde nicht viel mehr verlangt, als dass sie Straßen begrenzen und ansonsten den Mund halten. Genau dieser Anspruch an Architektur als Kulisse für den Stadtraum hat die Berliner Baupolitik in den letzten beiden Jahrzehnten geprägt und immer entsprechend heftigen Widerspruch, das Beharren auf der Individualität der Bauten provoziert.

Der geplante Schlossneubau (r.) in einer Computersimulation

Der geplante Schlossneubau (r.) in einer Computersimulation

Zwei wichtige Neuerscheinungen stehen paradigmatisch für diese gegensätzlichen Haltungen. Da ist zum einen Gerrit Engels Bildband „Berlin“ (Schirmer und Mosel, 78 Euro): 234 Berliner Bauwerke von der Nicolaikirche bis zu Chipperfields Galeriehaus, vor strikt neutralem grauen Himmel. Die These: Jeder Bau ein Solitär, und lauter Individuen bilden schließlich eine Stadt. Die Gegenthese heißt „Berliner Altstadt - Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“ (Dom, 38 Euro) und stammt von dem pensionierten Senatsbaudirektor Hans Stimmann, viele Jahre lang der mächtigste und streitbarste Mann im Berliner Baugeschehen. Sein Buch ist vielleicht noch faszinierender. Es bricht einem regelrecht das Herz - nicht nur weil es eine Tragödie beschreibt, sondern weil es gewissermaßen selbst eine darstellt. Stimmann weist mit dem Impetus eines Volkspädagogen darauf hin, dass auch Berlin einmal eine Altstadt gehabt hat, zwischen Schloss und Alexanderplatz; und man möchte, wenn man die vielen historischen Aufnahmen und Pläne betrachtet, unmittelbar spazieren gehen in diesen geschwungenen schmalen Straßen und Gassen, die zum großen Teil eben kein Opfer des Krieges, sondern der Nachkriegsplanungen wurden.

Geplante Erinnerungslosigkeit?

Aber Stimmanns Buch ist nicht nur Klage, es ist vor allem ein Manifest, es versteht sich „als Anstiftung zur Revision, als Ermutigung für eine Rückkehr der Bürger in die Geburtsorte der Stadt, für die Sanierung und den Neubau entsprechender Häuser und Geschäfte sowie Kirchen und kommunaler Institutionen“. Und ab da wird es nahezu gespenstisch. Die wichtigsten, auf fast jeder Seite wiederkehrenden Vokabeln lauten: „ausgelöscht“ und „geplante Erinnerungslosigkeit“. Sie beschreiben aber nicht nur das, was Stimmann beklagt, sondern auch das, was er selber will. Seine „Wiederherstellung von Geschichtlichkeit in diesem Teil der Berliner Altstadt“ läuft in erster Linie auf eine Negierung jeglicher dort jetzt sichtbaren Geschichtlichkeit hinaus. In einem seit Walter Ulbricht in Berlin nicht mehr erlebten Furor rast da einer gegen Bauten und Plätze, die ihm ideologisch nicht passen. Wäre dies ein Fußballspiel, müsste man Stimmann wegen Konterfouls vom Feld pfeifen.

Zukunftsmusik: So soll Berlins Stadtmitte künftig einmal aussehen

Zukunftsmusik: So soll Berlins Stadtmitte künftig einmal aussehen

Man muss kein Freund der DDR sein, um die Bedeutung zu begreifen, die die Gestaltung ihres Staatszentrums hatte, ganz im Gegenteil. Aufschlussreich ist doch viel eher, wie sie sich in ihrem gebauten Sozialismus immer mehr in Widersprüche verstrickte auf dem langen Weg von der Stalinallee über den Alex und dann auf breiter Bahn zwischen metabolistischen Hochhausriegeln entlang in Richtung Weltindustriegesellschaft, bis sie im Palast der Republik ankam, wo sie sich schließlich abschaffte. Stimmann dagegen fragt: „Wo bleibt die Debatte über den Großen Jüdenhof?“ Stadtgeschichte schlägt bei ihm Weltgeschichte, und wenn Geschichte etwas ist, was bei Francis Fukuyama 1989 endet, dann schafft Stimmann das schon hundert Jahre vorher.

Weite und Vielfalt

Am meisten ärgert Stimmann merklich der Fernsehturm, längst das eigentliche Wahrzeichen der Stadt. Ungeachtet seiner Beliebtheit heißt es da: „Ein solches Maß an optischer Dominanz eines technischen Bauwerks bei gleichzeitig vollständiger Erinnerungslosigkeit an eine bald 800 Jahre alte mittelalterliche Stadt ist einmalig in Europa. Auf dieses Alleinstellungsmerkmal sollte man aber weder stolz sein, noch es als ein unveränderliches Denkmal der DDR-Moderne betrachten.“ Hatte ihn Hans Kollhoff in immer noch gültigen Plänen aus den neunziger Jahren schon ein ganzes Rudel Hochhäuser zur Bewachung in den Rücken gezeichnet, so skizziert in diesem Buch Bernd Albers, ein ehemaliger Assistent Kollhoffs und Mitverantwortlicher für das umstrittene Planwerk Innenstadt, eine komplette Umbauung des Turms. Hauptsache, die expressiven, an der brasilianischen Moderne geschulten Vorbauten kommen weg, Hauptsache, der Turm wird möglichst unsichtbar.

Es ist leider kein Wunder, dass in der Stadt schon politische Unterstützung für solche Pläne laut wird. Der Regierende Bürgermeister müsste keinen Aufmarschplatz für politische Großkundgebungen unter seinem Rathausfenster mehr ertragen. Und den Finanzsenator dürfte die Aussicht auf Privatisierung des Grundes reizen.

Unpassende Italianità

Das triftigste Argument gegen solche Vorhaben liefert allerdings Stimmanns Buch ebenfalls gleich mit. Es sind die Entwürfe im Geiste des italienischen Rationalismus, vage, akademische Anklänge ans Klassische. Jede Fassade ein einziges Kolumbarium, ein monumentaler Setzkasten zum Einstellen von Urnen. Der sogenannte Stadtbürger: eine fröstelnde Figurine zwischen De-Chirico-Staffagen. Diese Art von Italianità hat nicht nur Berlin, sondern eigentlich auch Italien nicht verdient.

Sollen sie doch das Schloss bauen, dann sinnvollerweise aber auch eher barocke Gemälde hineinhängen als afrikanische Masken - und der Altstadt von Berlin ansonsten gefälligst ihre Geschichtlichkeit belassen, wie sie nun einmal ist.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, dpa

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