Internet-Zensur in China

Wie man dem Zensor in die Suppe spuckt

Von Michael Müller

Vorkämpfer für die Freiheit im Internet: Cao ni ma

Vorkämpfer für die Freiheit im Internet: Cao ni ma

27. Juni 2009 Der neue Superstar des chinesischen Internets erinnert an ein Alpaka: Er hat einen kleinen rundlichen Kopf, zwei schwarze Punkte als Augen und rosa Wangen. Rechts und links am Kopf sind winzige Knopföhrchen zu erkennen. Sein langer Hals geht direkt in einen wurstähnlichen Körper über, dazu noch vier kurze Strichbeine. Seit Wochen versetzt das kleine Ding die Online-Welt Chinas in helle Aufregung. Sein Name: Cao ni ma.

Von dem niedlichen Tierchen scheint eine unglaubliche Anziehungskraft auszugehen: Innerhalb von nur zwei Monaten wurde das dazugehörige Internetvideo mehr als 1,4 Millionen Mal aufgerufen. Mittlerweile gibt es ein Dutzend neuer Videos. Gibt man bei „YouTube“ die chinesischen Zeichen ein, werden 207 Treffer gemeldet.

Im Januar 2009 war zum ersten Mal von dem kleinen Alpaka die Rede. Seine Geschichte erzählt sich wie folgt: Eine Cao-ni-ma-Herde lebt friedlich und zufrieden in der abgeschiedenen Wüste Male Gebi. Die Tiere sind mutig, zäh und trotzen den harschen Lebensbedingungen. Eines Tages fällt eine Horde Flusskrebse (chinesisch: Hexie) in das Gebiet ein, frisst unersättlich das spärliche Gras auf und bedroht die Existenz der Alpakas. Diesen gelingt es, den Angriff abzuwehren und die Flusskrebse in die Flucht zu schlagen. Auf den ersten Blick scheint die Geschichte wenig aufregend. Doch es steckt etwas dahinter. Hier tobt ein Kampf zwischen animalisierten Internetzensoren, verkörpert durch die Flusskrebse, und den Alpakas als Vorkämpfern für Freiheit im Internet.

Doppelsinnige Namen

Diese Deutung ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich bei allen Namen - Cao ni ma, Male Gebi und Hexie - um chinesische Homophone handelt. Das bedeutet, die Namen erhalten bei unterschiedlicher Betonung völlig andere Bedeutungen. Homophone sind keine chinesische Eigenart, es gibt sie auch im Deutschen: Leere beispielsweise bezeichnet den Zustand des Nichts, Lehre hingegen versucht diesen Zustand in so manchem Gehirn zu beseitigen. Typisch chinesisch ist, Homophone im Kampf gegen Internetzensur zu verwenden.

So könnte man „Cao ni ma“ wörtlich als „Gras-Schlamm-Pferd“ übersetzen, bei anderer Betonung wird eine wüste Schimpftirade daraus. Des Pudels Kern verbirgt sich hinter der Bezeichnung „Hexie“. Der Ausdruck für Flusskrebse bedeutet bei leicht anderer Betonung „Harmonie“. Unter dieser Parole hat die chinesische Aufsichtsbehörde eine staatliche Säuberungskampagne im Internet gestartet, die sich gegen pornographische und abweichlerische Inhalte richtet. Was „abweichlerisch“ ist, bestimmen die Behörden. „Hexie“ ist auch seit Jahren ein Leitmotiv der chinesischen Regierung. Internetblogger, deren kritische Inhalte gelöscht wurden, sprechen deshalb auch davon, dass sie „harmonisiert“ respektive Opfer eine Flusskrebsattacke wurden.

Die Geschichte vom kleinen Alpaka ist somit eine raffinierte Form der Kritik an der Zensur: für Chinesen klar verständlich, aber subtil genug, die Zensur zu umgehen. Für viele ist das kleine Alpaka zur Ikone im Kampf gegen Zensur avanciert, zu einer Art Freiheitsstatue - und hat sich dabei längst vom Internet emanzipiert. Das knuffige Tierchen gibt es mittlerweile in Plüschform, lächelt von T-Shirts, Mützen und Tragetaschen.

Der „Grüne Damm“ hält sicher nicht

Guo Yuhua, Soziologin an der Pekinger Tsinghua-Universität, vergleicht die „Cao ni ma“-Bewegung mit dem von James Scott entwickelten Konzept der „Weapons of the Weak“. Der Griff zu dieser Art von Waffe ermögliche zumindest einen „versteckten Diskurs“. Übertragen auf die Geschichte des kleinen Cao ni ma bedeutet das für Guo: „Wir sollten diese Ausdrucksform nicht unterschätzen, denn sie ist Zeichen einer freien Wahl: Entweder ist man eine stumme gezähmte Ziege oder ein stures mutiges Gras-Schlamm-Pferd.“

Das Cao ni ma hat auch Intellektuellenkreise erfasst. Die Pekinger Professorin Cui Weiping bezeichnet sich in ihrem Internetblog als Cao ni ma und bekundet damit ihre Kritik an der Zensur, ohne bestehende Gesetze zu brechen. Auch Xiao Qiang, Professorin an der Universität in Berkeley, ist von der Schlagkraft des Alpakas überzeugt und verweist auf die starke Reaktion von Chinesen aus den verschiedensten Milieus - von Wissenschaftlern bis zur Arbeiterschaft.

Das kleine Alpaka schlägt (bisher) die staatlichen Flusskrebs-Zensoren in die Flucht, denn die haben mit der Filtersoftware „Grüner Damm“ zu kämpfen. Sie soll vom 1. Juli an sämtliche Computer in China vor pornographischen und „schädlichen“ Inhalten „schützen“ (F.A.Z. vom 9. Juni), ist aber schon jetzt vollends diskreditiert - moralisch, technisch und rechtlich. Es gehe nicht nur um pornographische Inhalte, unter dem Begriff „schädliche und ungesunde“ Inhalte werden laut J. Alex Halderman von der Universität Michigan auch politische Inhalte zensiert. „Tiananmen“ und „Falun Gong“ seien nur zwei Beispiele.

Kritik aus den Vereinigten Staaten

Auch technisch droht ein Fiasko. Chinesische Blogger testeten die Nackterkennung der Software und staunten nicht schlecht: Blockiert werden Bilder von Babys, aber auch von Schweinen, derweil der Anblick entblößter farbiger Schönheiten den „Grünen Damm“ nicht stört. Wissenschaftler der Universität Michigan fanden zudem große Sicherheitslücken: Über den „Grünen Damm“ könne von jeder besuchten Internetseite auf den Computer und die privaten Daten zugegriffen werden. Vor allem der Aktualisierungsvorgang mache die Software unsicher, sagte Halderman im Gespräch mit dieser Zeitung. Er rate, den „Grünen Damm“ umgehend zu deinstallieren.

Selbst juristisch gerät das Programm unter Druck. Für den amerikanischen Softwarehersteller „Solid Oak“ handelt es sich um eine Raubkopie von „Solid Oak“ entwickelter Codes. Das Unternehmen hat die Computerhersteller Hewlett-Packard und Dell per Unterlassungsverfügung aufgefordert, die Filtersoftware nicht mit auszuliefern. Unzufrieden zeigt sich auch die amerikanische Regierung. Ian Kelly, Sprecher des Außenministerium, sagte der „Financial Times“: „Wir sind besorgt in Bezug auf den Grünen Damm - sowohl was die potentiellen Auswirkungen auf den Handel anbelangt, als auch, was die ernsten technischen Probleme angeht.“ Amerikanische Firmen vermuten, die Pekinger Behörden wollten sie lediglich aus dem chinesischen Markt heraushalten.

Freiberufliche Online-Fahnder

Die Suchmaschine Google steht bereits im Fokus der chinesischen Regierung. Das Staatsfernsehen CCTV berichtete, bei der Suche nach „Erzi“ (Sohn) würden Verweise auf pornographische Seiten mit aufgeführt. Um die Bevölkerung zu schützen, wurden Funktionen wie die assoziierte Wortsuche abgeschaltet, die Seite Google.com gestern kurzzeitig gar ganz gesperrt. Das „China Internet Illegal Information Reporting Center“ droht mit weiteren Repressalien. Google gibt sich reumütig und kündigte eine umfassende Untersuchung an.

Während die automatisierte Zensur nicht in Tritt kommt, besinnen sich die Pekinger Stadtbehörden einer alten chinesischen Stärke: die Kraft der Massen. Zusätzliche 10 000 freiberufliche Online-Fahnder sollen das Internet nach „ungesunden Inhalten“ durchforsten. Ganz neu ist die Idee nicht: Schon 2006 heuerten die Behörden zweihundert Teilzeitkräfte an. Für monatlich hundert Yuan (zehn Euro) mussten die Freizeitfahnder fünfzig „ungesunde“ Internetseiten melden - ein Entgeld, für das bisher noch keiner Jagd auf das kleine Alpaka macht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: YouTube

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