13. Juni 2009 Alles so blau. Das Meer. Das Schiff. Der Himmel. Spiegelglatt die Ostsee bis zu ihrem rosa Rand am Horizont, morgens, wenn die Sonne aufgeht, abends, wenn sie glühend sinkt. Märchenwetter zwischen Stockholm und St. Petersburg. Zehn strahlende Tage, zehn weiße Nächte.
Mittendrin, beladen mit unseren Träumen, Mein Schiff auf Jungfernfahrt. Was für ein Name! Was für Sehnsüchte, die es weckte! Entschleunigung. Individualität. Service. Die Freiheit der Wahl. Stil. Ruhe. Innere Werte. Health Food. Soul Food. Erotic Food. Der Katalog für das Schiff, das es noch nicht gab, beschäftigte unsere Phantasie, obwohl darin nur Himmel und Meer und ein kleines Stück vom Bug zu sehen waren und sonst eben Lifestyle-Prosa.
Service statt Schnitzeljagd
Das war grandios, das ließ alles offen. Und das ist gefährlich. Immer. Und ganz besonders, weil Mein Schiff second hand ist, eine Notlösung, entstanden nach einer spektakulär kurzen Umbauphase von achtunddreißig Tagen, aus der dreizehn Jahre alten Galaxy. Jetzt lasten auf der gelifteten Schiffs-Lady, die noch bis März für den amerikanischen Joint-Venture-Partner der Tui, Royal Caribbean, im Einsatz war, alle Hoffnungen. Sie soll die unendliche Geschichte des Wiedereinstiegs der Tui ins Kreuzfahrtgeschäft zum Happy End führen. Sie soll die gutverdienenden Kreuzfahrtverweigerer verführen. Leger, aber stilvoll, Service statt Schnitzeljagd ums Büffet, lautet ihr Sirenengesang - das ist die in Deutschland noch immer unbesetzte Marktlücke zwischen klassischer Kreuzfahrt und den Superspielplätzen à la Aida.
Was für ein Schiff ist Mein Schiff? Ich fange mit der guten Nachricht an. Erstens: Nach der ersten großen Reise in der Wirklichkeit will ich kein Wort über Eingewöhnungsschwierigkeiten von Service und Küche oder Technikpannen in Kabine Nummer eins oder Ersatzkabine Nummer zwei verlieren. Nur die Highlights, die sieben Handwerker - endlich! - zum Reparieren um Mitternacht oder das Sprinklerärmchen, das nach nächtlichem Geschepper über dem Bett aus der Decke hüpfte. Aber das sind nur die Wehen einer Jungfernfahrts-Frühgeburt, sie gehen vorbei.
Sushi in der Blaue-Welt-Bar
Zweitens, und das ist viel wichtiger: Mein Schiff ist viel hübscher, als es der Lebenslauf vermuten lässt. Weiß lackierte Säulen zu polierten hellen Holzpaneelen und weißem Marmor, so elegant und zurückhaltend zugleich empfängt uns die aufgefrischte Lady, und so geht es nach der Rezeption weiter: Rundum urban chic.
Das mit Kirschholz getäfelte Gourmetrestaurant könnte in jeder Großstadt bestehen, die große weiße Tui-Bar mit ihren Lichteffekten in Designhotelkreisen Furore machen. Und warum sollte man ins Unterwasserrestaurant des Burj al Arab nach Dubai fliegen, wenn man hier an Bord in der dreistöckigen Blaue-Welt-Bar vor eindrucksvollen virtuellen Aquarien auf Flachbildschirmen Sushi essen kann? Überall nette Ecken, Teakholzpromenaden mit Messinglampen zu marineblauen Wänden draußen, innen das vornehm kühle Spa und die großzügig-moderne Aussichtslounge am Bug. Am Heck ein fröhliches Bistro-Dreigestirn für Pasta, Tapas und Fisch mit dazu passenden hummerfarbenen Polsterbänken. Und nicht zu vergessen der Neue Wall, eine der elegantesten Einkaufspassagen, die ich je auf See sah. Damit allerdings endet die Designschwärmerei. Nur so viel: Den Konferenzraum mit den durchgesessenen Sitzen sollte man schließen. Und: Atemraubende Effekte, ironische Elemente sucht der Passagier vergebens.
Das Abendkleid bleibt im Koffer
Und was ist mit dem Versprechen von Ruhe und Platz? Zweitausend Passagiere fasst das Schiff, tausendsechshundert sind an Bord. Die Privatheit der Kuschelinseln ist ein Werbegag, fünf gibt es auf jeder Seite, aber es ist laut da oben, es brummen die Maschinen. Überfüllt ist das Schiff, außer im einzigen Selbstbedienungsrestaurant, nirgends. Im Gegenteil. Viele Bars bleiben leer. Es fehlt ein Marktplatz, ein Mittelpunkt, wie ihn die Aida-Schiffe mit ihrem genialen gläsernen Theatrium besitzen. Hier, an Bord des Tui-Schiffs, ist man stets auf der Suche nach dem Ort, an dem man, in aller Individualität, das Leben beobachten kann. Und wenn man sich in seine Kabine zurückzieht und sich auf seinem großzügigen Balkon sonnen möchte, fehlt die Liege. Und es fehlt auch der Kabinenservice für den Drink. Und meine Lieblingsplätze auf dem Schiff, Pizzeria, Tapas-Bar und Fischrestaurant, sind trotz Überdachung Schönwetterplätze, nicht heizbar und nicht zu kühlen. Denn hier war vorher ein Außenpool.
Mit Mein Schiff soll ein neues Kapitel der deutschen Seefahrt beginnen. Ob es gelingt? Die Aida-Schiffe folgen einer Vision, die Queen Mary 2 zelebriert den Mythos der Oceanliner. Europa und Deutschland fahren als Grandhotels zur See. Mein Schiff offeriert Individualität. Das weckt Erwartungen. Doch zweitausend Passagiere haben logistische Konsequenzen - in zwölf Bussen geht es zur Stadtrundfahrt -, das kann man nicht wegdiskutieren. Und was ist sonst noch anders? Auf den ersten Blick sieht es an Bord des Tui-Schiffs ähnlich aus wie bei der vergleichbaren Konkurrenz, von der Musikberieselung bis zu Essen und Publikum. Mit ein paar Ausreißern, Herrschaften in Jeans und Kapuzenshirt beim Ausflug mit dem Thema Zarenball in St. Petersburg einerseits, und andererseits einige großbürgerlich aussehende ältere Paare, die man sich auf der Europa vorstellen könnte. Manche hatten Abendkleid und Juwelen dabei, das Ornat aber gar nicht erst ausgepackt, wie an Bord getuschelt wurde.
Der Traum vom Wohlfühlschiff
Es ist noch zu früh, ein Urteil zu fällen. Das werden, wie einst bei der Aida, basisdemokratisch der Markt und die Fortschritte beim learning by doing an Bord entscheiden.
Nehmen wir als Beispiel das Servicerestaurant Atlantik. Es ist doppelstöckig, hat tausend Plätze, eine Showtreppe für den großen Auftritt und, wie die Kapitänskajüte in Piratenfilmen, eine riesige, zwei Stockwerke hohe Glaswand zum Meer. Was für eine Szenerie! Und was macht Mein Schiff daraus? Eine Art Mensa, in die jeder zu unterschiedlichen Zeiten im Freizeitlook eintrudelt. Das wirkt deplaziert zum Ambiente. Und sind nur wenige Gäste da, fühlt man sich verloren. So kann kaum Atmosphäre entstehen. Auf der Jungfernfahrt kam es zu kleineren Aufständen, weil es streng nach Konzept - es heißt ja Freiheit der Wahl - nicht möglich war, einen Tisch zu reservieren.
Aber wir geben nicht auf und träumen weiter. Was wäre am schönsten in diesem festlichen Speisesaal, hinter dessen Riesenfenster man die weiße Schaumschleppe sieht, die das große blaue Schiff hinter sich herzieht? Antwort: die an- und abschwellende Melodie eines gepflegten Mahls mit entsprechend gestimmtem und gekleidetem Publikum. Zuerst, vor dem Essen, die lebhafte Unterhaltung, das fröhliche Lachen, und dann, wenn die Stimmen sich dämpfen und in zufriedenem Behagen fast gänzlich verstummen, nur noch ein Glas oder ein Besteckteil leise in die Stille klingt, dann genösse man sie hier, die reine Lust am Sein. Das passte zu einem Wohlfühl- und Verwöhnschiff, wie es sich uns in der Werbung vorstellt. Die Bühnen dafür sind da. Auf dem ganzen Schiff. Welches Stück darauf gespielt wird, ist noch offen. Wir bleiben gespannt.
Das Bordprogramm enthält zahlreiche kostenpflichtige Aktivitäten. Sogar der Tanzkurs, eine Unterhaltung, die üblicherweise auf Schiffen gratis bleibt, kostet 40 Euro je Paar für einen Workshop von drei Stunden. (Alle Preise beziehen sich auf die Ostseereisen in der Sommersaison.) Preise: von 130 Euro je Tag und Person (Innenkabine, Nebensaison) bis 320 Euro (Kabine mit Veranda, Hochsaison). Suiten von 280 bis 470 Euro je Tag und Person. Vollpension einschließlich Tischwein in den beiden Hauptrestaurants. Die Anreise kostet extra.
Ebenso die Spezialitätenrestaurants wie Steakhaus, Sushi-Bar oder das Gourmetrestaurant Richard's, das der Übungsphase von allen Essplätzen schon am besten entkommen ist. Hauptgerichte bis 22,50 Euro, Degustationsmenü 36 Euro, ein Glas Champagner (Pommery) 7,50 Euro.
Weitere Informationen unter www.tuicruises.com oder im Reisebüro
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Anna Mutter