
Preise runter, Vergnügen rauf: Ab sofort müssen Restaurants in Frankreich weniger Mehrwertsteuer abtreten. Einige reagieren mit einem vergünstigten Angebot.
01. Juli 2009 An dem Tag, an dem in Frankreich die Ferien beginnen, die sich über zwei Monate hinstrecken und den Rhythmus des Lebens wie das Programm des Fernsehens verändern, wird meist die Pariser Métro teurer. Die Tarife für Gas und Strom werden erhöht. Es ist der Augenblick, in dem Schüler und Studenten ihre Streiks beenden und die Regierung neue Abgaben einführt. Zum gleichen Zeitpunkt bestimmt sie auch die Anpassung des gesetzlichen Mindestlohns, die vielleicht dem Index der Inflation entspricht - nie aber der Wahrheit der Preise. Doch im Juli, wenn der Urlaub vom Alltag beginnt, nimmt die Nation von den schlechten Nachrichten keinerlei Notiz. Es gibt die Preiserhöhungen bei der Staatsbahn und die Stellenstreichungen in den Schulen - dreißigtausend Hilfskräfte wurden zum Ferienbeginn aussortiert. Es gibt zu Beginn dieses ersten Sommers im Zeitalter der Finanzkrise allerdings auch eine gute Nachricht. Eine uralte Forderung wird erfüllt, an deren Verwirklichung man so wenig glaubte wie an das Monster vom Loch Ness. Es geht um nicht weniger als einen bedrohten Stützpfeiler der französischen Kultur: um das Restaurant als Tempel der gehobenen Gastronomie. Und um ein hehres Prinzip der Revolution: die Gleichheit.
Endlich eine neue Küche
Warum müssen Fastfood-Fabriken, die Hamburger und Sandwichs am Fließband verkaufen, nur eine Mehrwertsteuer von 5,5 Prozent abliefern, während der entsprechende Satz für die Restaurants bei zwanzig Prozent liegt? Dieser unverständliche Missstand wurde zum 1. Juli aus der Welt geschafft, und diese ist damit ein bisschen gerechter geworden. Ob auch billiger, ist eine andere Frage. In einer Charta, die ihr Verband mit der Regierung aushandelte, verpflichteten sich die Wirte, mindestens sieben Preise auf ihrer Speisekarte zu senken und dies auch anzuzeigen: vorher, nachher. Eine durchgehende Preissenkung ist nur bei den Restaurantketten festzustellen. Die unabhängigen Betriebe versprechen dafür bessere Arbeitsbedingungen für die Angestellten, deren Zahl erhöht werden soll, die Modernisierung ihrer Küchen - da gibt es offenbar Nachholbedarf. Auch solche Versprechen zählt die Regierung, die immerhin auf drei Milliarden Euro verzichtet, durchaus zu ihren Zielen. Arg leiden die Restaurants unter der Krise. Die Kunden verzichten auf Vorspeise, Wein oder Dessert. Hier wollen sogar eher renitente Gastwirte Konzessionen machen. Aber obligatorisch ist rein gar nichts. Doch zum Ferienauftakt ist die Nachricht von der gesenkten Mehrwertsteuer eine frohe Botschaft, über die sich vor allem die Tourismusbranche freut.
Freiheit für die Gurken
Und sie kommt nicht einmal allein: Auch die Gurken-Norm fällt! Sie schrieb einen Neigungsgrad von maximal zehn Millimetern pro zehn Zentimeter Länge vor. Auch andere Gemüse- und Früchtesorten profitieren von einer neuen Freiheit, die ihnen Brüssel nach zwanzig Jahren bürokratischer Normwirtschaft einräumt: Möhren, Lauch, Spargel, Bohnen, Erbsen, Knoblauch, Haselnüsse, Aprikosen. Karotten dürfen wieder Knoten aufweisen und die Gurken herrlich krumm sein, so wie sie am liebsten wachsen. Damit ist garantiert, dass das Essen auswärts nicht nur billiger, sondern auch besser werden kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters