14. Juni 2009 Der ICE-Bahnhof in Wolfsburg ist eine karge Baracke. Und die Gegenseite, jenseits des Mittellandkanals, ist auch nicht einladender. Aber so sieht die neusachliche Industriearchitektur der Volkswagenwerke mit ihren vier riesigen Backsteinschornsteinen nun einmal aus. Von der urbanistischen Insel der "Autostadt", einem Themenpark mit Museen und VW-Markenpavillons, sieht man bei der Ankunft zunächst kaum etwas. Dann tritt man aus dem Bahnhof heraus, blickt ohne große Erwartung um sich und bleibt auf der linken Seite staunend hängen. Man denkt nur "wow", auch wenn man das sonst nicht so oft denkt. Denn dort steht das Phaeno.
Zur Eröffnung im Jahr 2005 war viel Lobendes über dieses Gebilde zu lesen. Wenn man das architektonische Meisterwerk von Zaha Hadid jetzt auch nur aus der Ferne sieht, weiß man sofort, warum. Man ist überrascht von seiner fremdartigen Präsenz und möchte es gleich aus der Nähe bestaunen. Erst aber gilt es, die beiden mitgereisten, von der Zugfahrt ermatteten Söhne im Kindergartenalter zu einem Tempowechsel zu motivieren. Wobei es nicht das Gebäude ist, das sie schließlich antreibt, sondern die neue Sonderausstellung "SpürSinn" im Science Center Phaeno, in der es, wie sie auf Fotografien gesehen haben, ein Hexenhaus gibt, das sich um die eigene Achse dreht, die Besucher mittendrin, außerdem einen "Verrückten Salon" mit schiefen Böden, Nagelbretter und manch anderes, nach Vergnügen aussehendes Gerät, das man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt.
Der Trick mit der Eingangstür

Schiefe Wahrnehmung: Die Sinne werden getäuscht im „Verrückten Salon“, der gerade erscheint, tatsächlich aber um 25 Grad geneigt ist.
Es sind nur hundert Meter vom Bahnhof zum Phaeno, und man macht sich auf den Weg, ohne recht zu wissen, wo der Eingang ist. So verschlägt es einen, von einer pistenartigen Vertiefung gelenkt, zunächst unter das Gebäude, das auf zehn eleganten schrägen Kegelfüßen aus selbstverdichtendem Beton, sogenannten Cones, steht. Alle Cones haben eine Funktion: In einem befindet sich ein Wissenschaftstheater, in einem anderen ein kleines Restaurant und in dem zur wirklich grausligen Wolfsburger Fußgängerzone zugewandten der fast unscheinbare Haupteingang. Schon das Betreten des ganz dem Erleben naturwissenschaftlicher Phänomene gewidmeten Museums führt in das, was kommt, vielleicht unbeabsichtigt, aber völlig passend ein: Die automatische Eingangsschiebetür besteht aus zwei extrem schrägen Glasflügeln; wenn man sich nach der Gewohnheit in einigem Abstand dort aufstellt, wo die beiden Flügel in der Mitte zusammenlaufen, passiert zunächst nichts - und man schaut sich wegen der erwähnten Unscheinbarkeit schon nach dem vermeintlich richtigen Eingang um. Doch dann drückt sich eines der beiden Kinder vorbei, steuert einfach auf die Tür zu, die sich nun wie geschmiert öffnet. Experimentierfreude zahlt sich aus. Jetzt entdeckt man auch den Sensor, der sich in der oberen Mitte der beiden Flügel befindet.
Innen empfangen den Besucher zwei lange Rolltreppen, die die jährlich etwa zweihunderttausend Besucher auf eine Höhe von sieben Metern hinauftransportieren. Ansatzlos gelangt man in eine weitläufige, nicht allzu hohe Halle mit Kratern, Plateaus und Nischen, dazwischen lauter sanfte, fließende Übergänge, die dem Auge schmeicheln und aussehen, als seien sie im Windkanal erprobt worden. Man ist in ein neuntausend Quadratmeter großes offenes Spielfeld in gedämpftem Licht getreten und muss jetzt selbst bestimmen, wie es weitergeht.
Anfassen, Ziehen, Stoßen

Menschenmultiplikation: Ein Besucher vervielfacht sich im Spiegelsalon der Sonderausstellung "SpürSinn".
Ohne erkennbare Systematik geordnet stehen dreihundert Experimentierstationen bereit, gleichgewichtig angeordnet, selbst die Dauerausstellung geht fließend in die Sonderausstellung über, angeregt von bestehenden Science Centern wie dem Technorama in Winterthur. Den Kindern scheint das gleich zu gefallen. Sie sind nicht mehr zu halten und stürzen schon auf die erstbeste Versuchsstation zu, während automatisch der elterliche Gefahren-Scannerblick umherschweift: Was könnten die Kinder anrichten, was könnte sich als gefährlich für sie erweisen? Aber die Antwort ist schlicht und entspannend: nichts. Hier ist, bis auf wenige Ausnahmen wie die Schrägen, die zum Runterrutschen einladen, alles kindersicher und überaus stabil. Anfassen, Ziehen, Stoßen, all das ist gewollt.
Aus alter Gewohnheit versucht man zunächst noch, die Familie zusammenzuhalten. Vergeblich. Der jüngere Sohn will unbedingt mit Karacho gegen eine Polsterwand rennen, ohne sich großartig für die Messung der Aufprallgeschwindigkeit zu interessieren. Der Ältere steht gebannt vor Paul Friedlanders Lichtskulptur "String Theory", bestehend aus einem langen Seil, das durch Motoren angetrieben und mit farbigem Licht beleuchtet wird, wobei die seltsamsten Muster entstehen, weil das Auge langsamer ist als das Seil. Doch lässt sich der Ältere nach einer Weile immerhin zu einer Runde "Mind-Ball" überreden, die derjenige gewinnt, der sich, angeschlossen an ein Gerät zur Messung von Gehirnströmen, als der Entspannteste erweist.
Die ganze Welt ist lilafarben
Das tischgroße Fußballfeld liegt in dem der Autostadt zugewandten Teil des Phaeno. Durch mannshohe, runde, verschiedenfarbige Linsen kann man sie eingehend betrachten. Wenn man sich dann abwendet, stellt man fest, dass die nähere Umgebung plötzlich ganz in die Farbe des Komplementärkontrasts getaucht und in dieser vorübergehend lilafarbenen Wahrnehmung auch der ältere Sohn verschwunden ist. Wieder kommt ein ungutes Gefühl hoch, wieder verteilt sich die Sorge auf Sohn und Phaeno gleichermaßen. Doch fragt man sich durch "Mind-Ball" und das vertraueneinflößende Museumskonzept gelockert, ob diese ewige elterliche Übervorsicht nicht völlig übertrieben und eigentlich hemmend ist.
Arglos gerät man beim Weiterschlendern in eine Rückwärtsaufnahme der eigenen Bewegung, die einem auf einer großen Leinwand entgegengeworfen wird. Kurze Zeit später taucht hinter einer Brüstung eine Stichflamme auf, die sich als riesiger Feuertornado herausstellt; jede Stunde wird er unter einem rotierenden Luftzug entzündet und dreht würdevoll seine Bahnen. Angenehm, dass hier nirgends mit Sensationen geprotzt oder die Wahrnehmung über die Maßen manipuliert wird. So kommen auch kleine Glanzlichter wie die tanzenden elektromagnetischen Igel zu ihrem Recht - ein Meer von Eisenspänen auf kleinen Rundungen verteilt, die sich rhythmisch zu Musikstücken bewegen.
Torkeln im Verrückten Salon
Nachdem wir an einer der Stationen endlich das Differentialgetriebe verstanden haben, stoßen wir mehr zufällig auf den jüngsten verlorenen Sohn, der andächtig vor einer Sandinstallation steht, die wundersam gleitende Strömbewegungen vollzieht, wenn man den runden Kasten dreht. Dieses kindliche, erkennende Staunen, an dem man sich nicht sattsehen kann, sieht man im Phaeno allerorten, altersunabhängig. Es gibt dabei nur zwei Sorten von kindlich Experimentierenden: Während die einen sich ihrer Selbstversunkenheit hingeben, schauen die anderen sich ab und zu leicht verschämt um, weil sie offenbar ihre Entdeckerfreude für unwürdig halten.
Der jüngere Sohn führt uns zum älteren, der wiederum irgendwo seiner Mutter begegnet ist. Wir treffen beide mitten in der "SpürSinn"-Region, vor dem "Verrückten Salon" wieder, von dem die vereinten Brüder in der nächsten Viertelstunde nicht mehr fortzubewegen sind. Ständig laufen sie von Neuem in das um fünfundzwanzig Grad gekippte Haus hinein, verlieren innen das Gleichgewicht und schleppen sich torkelnd und lachend wieder hinaus. Zum Glück gibt es ein Café in der Nähe.
Experimente mit der Luftkanone
Doch langsam drängt die Zeit, weil jeder dem anderen unbedingt noch etwas zeigen will, was ihn besonders beeindruckt hat: die Plasmakugel, die auf Berührung mit einem Blitzgeflecht reagiert, das Nagelbrett, das sich bei richtigem Umgang als sehr bequem erweist, den Dampf-Vulkan, mit dem man schwebende Ringe versenden, die Luftkanone, mit der man Schallexperimente vornehmen kann. Der Mitteilungsdrang ist dabei nicht etwa durch Wissensstolz verursacht, sondern von Entdeckerlust, die sich teilen will.
Zum Abschluss zieht es einen zum höchsten Punkt des Phaeno, einer Plattform kurz unter der Stahldecke, von der aus man fast die gesamte Fläche überblicken kann. Dabei fällt einem abermals die Dunkelheit auf, in die das Phaeno getaucht ist, die aber - das leuchtet einem jetzt ein - zu der kontemplativen Stimmung passt, die die einzelnen Versuchsgegenstände benötigen. Auch wenn die Fläche hier oben wegen der Lichtverhältnisse nicht als Wachturm geeignet ist, ermöglicht sie eine bemerkenswerte Beobachtung: Wie gleichmäßig die Besucher sich hier auf die Ausstellungsfläche verteilen, wie rücksichtsvoll sie sind, wie gut es tut, keiner Vorschrift, keinem Parcours folgen zu müssen und Rücksicht nehmen zu können, weil die äußeren Umstände einem das Gefühl geben, man vergebe sich dadurch nichts.
Beim Verlassen des Phaeno meistert man nicht nur die schräge Schiebetür souverän, fühlt sich nicht nur klüger, sondern auch besser, philosophisch gestimmt und so, als hätte man seinen Kindern eine Freude gemacht. Ein wirklich unheimliches Gebäude, dieses Phaeno.
Information: Phaeno, Willy-Brandt-Platz 1, 38440 Wolfsburg, Telefon: 0180/1060600 (aus dem Festnetz bundesweit zum Ortstarif), Internet www. phaeno.de. Die Sonderausstellung SpürSinn ist bis zum 18. Oktober geöffnet. Preise Phaeno: Erwachsene 12 Euro, Kinder von sechs bis siebzehn Jahren 7,50 Euro, Familienkarte (zwei Erwachsene, zwei Kinder) 26,50 Euro, Kleinfamilienkarte (ein Erwachsener, zwei Kinder) 17 Euro, jedes weitere Kind 2 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Jan Grothclags