Gnadenlos günstig (3): Last Minute nach Mallorca

Wenn der Durst kommt, ist schon alles vorbei

Von Alex Westhoff

Mallorca ist wunderschön, aber nicht überall. Das lernt man schnell, wenn man auf die letzte Minute ein Spontan-Schnäppchen bucht.

Mallorca ist wunderschön, aber nicht überall. Das lernt man schnell, wenn man auf die letzte Minute ein Spontan-Schnäppchen bucht.

28. Juni 2009 Feierlich lässt er seinen Finger über der Enter-Taste schweben. "Buchen?" Er will Vollzug, ich will Vollzug. Es ist kurz vor neun Uhr abends. Ein profaner Tastendruck noch - und er hat seine Provision, ich meinen Urlaub. "Also, buchen?", fragt er schneidend. "Billiger kommen Sie nicht weg", kreischt unentwegt der Slogan über seinem Kopf im Reisemarkt am Frankfurter Flughafen. "Okay, buchen!" Morgen früh um sechs geht's los.

Kurz vor elf am nächsten Vormittag: Von null auf Urlaub in vierzehn Stunden. Eben noch bei der Landung des Ferienfliegers freundlich mitapplaudiert - der Kapitän hatte aber auch eine freundliche Stimme. Jetzt schon die Zehen im Sand, die Sonne auf der Haut, die Gischt im Gesicht, das Salz in der Luftröhre. Praxistest für die neuen Badeshorts. Jawoll, genau richtig temperiert dieses Mittelmeer Ende Juni. Fünf Tage und vier Nächte auf Mallorca, ab jetzt. All inclusive im dreisternigen Hotel "Yate" in Can Picafort an der Ostküste der Insel. Das ist doch wohl 324 Euro wert, oder? Malle für alle!

Schöne Lobby, karge Zimmer

"Haben Sie Last Minute gebucht?", hat die Rezeptionsfrau vorhin unwirsch gefragt. Jahaaa, lautet die triumphierende Antwort im Gefühl, in miesen Zeiten ein spontan-bekömmliches Schnäppchen gemacht zu haben. "Wir haben nämlich keine Buchung von Ihnen vorliegen." Einen Zimmerschlüssel lässt sie dann trotzdem über den marmornen Empfangstresen wandern. Das hautfarbene All-inclusive-Bändchen schließt sich geräuschlos um mein rechtes Handgelenk. Die weiß glänzende Lobby des klobigen Zweckbaus - hier dudelt tatsächlich der heimische Radiosender HR1 - verspricht mehr, als die kammerähnlichen Zimmer im Jugendherbergsstil halten können. Die ersten beiden augenscheinlichen All-inclusive-Lügen: Die Nutzung des Safes kostet drei Euro am Tag, der abgeschlossene, leise vor sich hin brummende Kühlschrank zwei Euro am Tag. Ohne mich. Mal schauen, was die versprochenen Snacks und Getränke an der Bar so taugen: ungetoasteter Toast mit Wurst. Leider klebt jede feuchte Wurstscheibe mit der nächsten zusammen, so dass sie unmöglich mit der Gabel, sondern nur mit den Fingern zu trennen sind. Und der Cola im Pappbecher ist schon lange die Kohlensäure abhandengekommen.

Aber was soll's, ich bin auf Mallorca. Das allein zählt. Und am Strand sind wir doch alle gleich, ob Drei-, Vier- oder Fünfsterner. Der lange Strand an der weit geschwungenen Bucht von Alcúdia ist übrigens sehr hübsch. Breit, feinsandig und gar nicht so voll, jenseits der Promenade sogar fast menschenleer. Ideal für lange Läufe oder Spaziergänge. An den Stellen, an denen die Hotels und Appartementhäuser ein Stück landwärts eingerückt stehen, haben sogar ein paar Dünen überlebt. Außerdem ist Can Picafort ja nur mein Basislager, mein Camp Zero. Hier schlafe ich in einem gerade noch passablen Bett, hier esse ich schon ein wenig weniger als passabel, hier nutze ich Dusche und Waschbecken, auf dessen Rand übrigens fünf Tage lang meine Shampooflasche parken wird - als Ersatz für ein täglich erhofftes, aber vom Zimmerservice nie ausgelegtes Stück Seife. Aber um ein Rennrad zu leihen, bietet dieser austauschbare Touristenort, der von fern hässlich und von nah langweilig aussieht, eine sehr gute Auswahl. Rein in die Radklamotten und zum Einrollen erst mal ins nur wellige Land der Mitte und des Südostens der Insel. Ein paar Minuten mit einer soliden Rennmaschine unter dem Hintern und keine Spur mehr von Angeboten in Leuchtschrift, die britische und deutsche Kost sowie zwei große Glas Bier für fünf Euro anpreisen. Mein Bier im Hotel kostet ja null Euro. Keine Läden mehr, die bunte Badehosen, Bikinis und Luftmatratzen unters Badevolk bringen wollen. Dafür während der Siesta-Zeit vor sich hindösende Städtchen wie Llubí oder das schöne Petra mit seinen schmalen Gassen, hübschen mallorquinischen Bars und Plätzen und überdimensionierten, schattenwerfenden Kirchen.

Der Vater aller Schlachtermeister

Gruppenfahrt mit Windmühle: Auch die Profis bringen sich gerne auf Mallorca in Schwung.

Gruppenfahrt mit Windmühle: Auch die Profis bringen sich gerne auf Mallorca in Schwung.

In Sineu, das ziemlich genau in der Inselmitte liegt, läuft gerade noch der Mittwochsmarkt. Über schmale Treppen und Terrassen gelangt man zu den kleinen Ständen entlang der Gassen. Auf dem zentralen Platz liegt die geruchsintensive Verkaufsbude mit allerlei Käse und Schinken eines Mannes, der, gemessen an seinen riesigen Händen und rinderschenkelbreiten Oberarmen, aussieht wie der Vater aller Schlachtermeister. Ein Fuchs in Sachen Vertrieb ist er obendrein. Immer nur ein Bocadillo mit Serranoschinken bietet er wohlüberlegt auf einem Tablett feil. Viele Marktbesucher - ja, auch ich - denken wohl: Oha, bevor nichts mehr da ist, nehme ich das letzte eben mit. Und schwupps, legt er ein neues hin. Es schmeckt auf jeden Fall großartig und weckt neue Kräfte - wohl auch, weil der Schinkenmann so viel Schinken zwischen die beiden Baguettedeckel geklemmt hat, dass es sogar für ihn zu einem Zwischenhappen gereichen würde. Drei ausgezeichnet investierte Euro. Dazu zwei Fläschchen Wasser aus dem Supermarkt für 98 Cent. Es kann weitergehen.

Diese Insel gibt ihre Schönheit gerne preis. In der Ferne erheben sich die Berge der Tramuntana, davor einige weithin sichtbare Hügel mit Klöstern, die mitunter schon das erhabene Gefühl einer Bergankunft bieten können - und ein mit Muskelkraft verdientes kühles Getränk obendrein. Im Hotel wäre die Cola umsonst gewesen, hier oben kostet sie zwei Euro. Das Panorama - weiter Blick übers Land statt der Sechsmeterbetonmauer, die das Hotel von der Straße trennt - zahle ich gerne mit. Die Mai- und Junisonne hat vielerorts schon buchstäblich verbrannte Erde hinterlassen. Dann ändert sich die Landschaft wieder, zeigt grüne Hänge und weite Ebenen. Die Landstraße zieht sich mal schnurgerade durchs wellige Land, mal windet sie sich, schmal und holprig, um die riesigen Grundstücke mit blühenden Sträuchern am Eingang, prächtigen trächtigen Orangenbäumen und wilden Gärten herum.

Sparmobil auf zwei Rädern

Phantastisch ist das Stück Straße von Manacor nordwärts zur Küste. Brusthohe Trockensteinmauern pferchen die Straße in ein schmales Korsett, drehen der eben noch frischen, leichten Brise die Luft ab. Sie stauen garstig die Hitze und scheinen sie sich zigfach über die Straße hin und her zu werfen - des Radlers Glutofen, aber ein schöner.

Es ist ein Leichtes, die vereinzelt vorbeihuschenden Mietwagenfahrer in ihren klimatisierten Fahrgastzellen zu bemitleiden. Die zahlen doch bestimmt vierzig Euro am Tag plus Sprit. Mein Sparmobil hat zwei Räder und kostet sechzehn Euro am Tag. Auf ihren Autositzen festgeschnallt, sehen und riechen die doch all das kaum. Sie hören das rasselnde Zirpen der Grillen nicht, das Bimmeln der Glöckchen am Hals der Schafe, die sich in den Schatten verdrücken, wo sie nur können. Sie können die edlen Ferienhäuschen und die halb verfallenen Gehöfte gar nicht richtig betrachten, deren Zeit vielleicht mal wieder kommt. Wie wollen sie diese malerische mallorquinische Gesamtkomposition denn richtig erfahren, wenn sie nicht mal in die laute Stille hineinhorchen können? Und sie können sich gar nicht recht darüber freuen, wenn vor ihnen kostenlos der dunkelgrau-schwarze Teppich ausgerollt wird: ein frisch gemachtes Teerband, das die Räder fast alleine laufen lässt.

Tausend Kilometer sind doch nichts

Im Frühjahr wird Mallorca ja regelrecht heimgesucht von Radfahrern, die in dem milden Klima und auf dem velofreundlichen Straßennetz die Radelsaison gebührend eröffnen. Dann kommen die Sportlichen, die in einer Woche die tausend Kilometer knacken, sogar die Profiteams, die hier ihr Trainingsquartier aufschlagen, aber auch die Genussradler, die jeden zweiten Tag in ein Nachbardorf radeln, um sich dort nach zwei Dutzend Kilometern Fahrt zufrieden in der Sonne bei Kaffee und Kuchen zu erholen. Im Juni schaut der gemeine Mallorquiner jedenfalls schon etwas mitleidig auf den Deutschen in Radlerhosen, der sich in der Nachmittagshitze abstrampelt, während andere sich für die Nachmittagsruhe rüsten. Dafür hat der abgekämpfte Pedaleur dieses grandiose Gefühl exklusiv, in der Abendsonne am Strand von Can Picafort die müden Beine hochzulegen und die Faulenzerei auf einer ganz anderen Ebene zu genießen.

Ich bin auf Mallorca. Und da wird sich nicht geärgert! Über nichts. Aber es ist schon erstaunlich, wie das Hotel „Yate“ mit einem Frühstücksbuffet hausieren gehen kann, bei dem es zwar in Fett Gebadete en masse gibt, Obst aber komplett ausgespart wird. Abends wird der Gast dann zur Nahrungsaufnahme in deutsche Abendbrotzeiten - 18.30 bis 20.30 Uhr - gezwängt. Wer erst um acht erscheint, findet nicht nur ein schlechtes, sondern ein abgegrastes schlechtes Bufett vor nach dem Motto: Was weg ist, ist weg. Ab 20.24 Uhr wird man dann gebeten, den auf gefühlte original amerikanische sechzehn Grad heruntergekühlten Speisesaal zu verlassen. Den Nachtisch dann noch schnell - extrem verbotenerweise - aufs Zimmer geschmuggelt. Von meinem etwa sechs Quadratmeter großen Balkon hat man einen vorzüglichen Blick auf all die anderen etwa sechs Quadratmeter großen Balkone auf der anderen Straßenseite. Man nickt den Leuten da drüben, von denen man während ihres Kartenspiels jedes gehässige Wort versteht, ab und an mal freundlich zu, wenn die Blicke sich kreuzen. So, jetzt aber genug gemeckert. Das Wetter ist übrigens prima!

Lauter Drachen im Himmelblau

In Can Picafort ist es an zwei Orten am schönsten: am Strand und wenn man Can Picafort auf zwei Rädern über den großen Kreisverkehr verlässt. Heute geht es zu der nordöstlichen Halbinsel Formentor. „Die Strecke ist das Schönste von ganz Mallorca, finde ich“, sagt der Rennradverleiher und stellt den Sattel des edlen rot-weißen Velos auf meine Maße ein. Baujahr 2009, Leihgebühr neunzehn Euro, Neupreis etwa fünfzehnhundert Euro. Und das spürt man. In flotter Fahrt geht es entlang der Bucht Richtung Alcudia und weiter direkt am Meer entlang bis Port de Pollença. Die Drachen der vielen Kitesurfer zaubern farbige Fixpunkte ins konstante Himmelblau.

Kurz hinter Port de Pollença beginnt die Tour der Leiden. In steilen Rampen und Kehren schwingt sich die Straße hinauf entlang des hitzestarrenden Gesteins. Der Berg, die Hitze und ich: Wir drei begeben uns nun auf das schönste, aber auch brutalste Stück der Strecke. Auf halber Höhe befindet sich die Aussichtsterrasse zu der kleinen Felsinsel Colomer, angeblich Mallorcas am häufigsten fotografierter, ins Meer geplumpster Gesteinsbrocken. Und ein offener Lieferwagen, der Müsliriegel für unverschämte 1,80 Euro verkauft. Mit uns Touristen kann man es ja machen! Aber nicht mit mir! Dann folgen weitere schmale, spitze, fast ungesicherte Kehren. Der Schweiß klebt an den Beinen, trocknet, läuft wieder, trocknet und vermengt sich mit der krümelig gewordenen Schicht Sonnencreme. Zur Belohnung gibt es oben einen phantastischen Rundumfernblick. Und das Gefühl, das Dach Mallorcas erklommen zu haben. Dunkelblaues Wasser mit türkisen Flecken, davor Berg und zerklüfteter Fels - diese Melange wirkt immer. Die Bucht von Alcudia sieht von hier aus wie mit dem Zirkel gezogen. Ganz hinten erspäht man sogar die Hotelsilos von Can Picafort. Ob im Hotel „Yate“ schon die ersten kühlen Biere für uns Bändchenträger über den Tresen gehen? Ob sie Schlange stehen vor der Eistruhe - eigentlich ja ein Traum aus Kindheitstagen - und sich eins von dieser einen mickrigen Sorte genehmigen?

Hähnchen am Spieß

In Windeseile sind die erkämpften Höhenmeter wieder futsch, es geht hinunter zum Strand von Formentor. Wie weit mag es noch sein bis zum Cap de Formentor, dem Ende der Halbinsel, dem Schlusspunkt dieser malerischen Straße? Auf und nieder wölbt sich das Land - und mit ihm die Straße und mit ihm der angestrengte Radler. Ob das stimmt, was Jan Ullrich damals, als man ihn noch ernst nahm, sagte: Wenn du während des Rennens richtig Hunger oder Durst verspürst, dann ist es schon vorbei. Ich habe großen Durst. Wieder geht es steil hinauf, wieder gibt die Strecke großartige Fernblicke auf Meer und Berge frei. Die herrliche Cala Figuera liegt einsam unten im Tal. Eine weiße Yacht ist hineingeschippert und vor Anker gegangen. Die Felswände entlang der Straße geben die gespeicherte Hitze gerne und ausdauernd an den Radler ab. Wie ein Hähnchen am Spieß wird er gebraten. Erst von der einen Seite, nach der nächsten Kehre dann von der anderen Seite. Klettermaxes Treibstoff - Wasser und Cola als Flüssigenergieträger - sind längst alle. Ich klettere, also bin ich. Man muss es sich nur einreden. Auch wenn die trockene Kehle keinen anständigen Laut mehr vorbringen kann.

Da ist er, da hinten, der Leuchtturm: das Cap de Formentor. Endlich! Welch ein Anblick. Kurz schießt mir ein Gedanke an den bekanntlich exakt gleich langen Rückweg durchs Gebein. Eine Touristin bemerkt meinen gähnend leeren Flaschenhalter am Fahrradrahmen. In dem deutsch-englisch-spanischen Kauderwelsch, in den man hier schon mal fällt, wenn man die Nationalität des Gegenübers nicht sofort errät, bedeutet sie mir, aus ihrer Flasche zu trinken. Herrlich! Nicht nur, weil es umsonst ist. Das Wasser hat mallorquinische Autoinnenraumtemperatur. Zügig zwei kleine Fläschchen Wasser und eine Limo gegriffen in der Cafeteria im Leuchtturm: 8,60 Euro. Unfassbar!

Ich glaube, ich habe mich gar nicht bei der Frau vorhin bedankt für den edlen Trunk. Dafür tue ich das jetzt bei dem Herrn am Last-Minute-Markt am Frankfurter Flughafen. Für den Moment, als er mit dem Habitus eines Gebrauchtwagenhändlers fragte: „Wie wäre es denn mit Mallorca, der Herr?“

Mallorca ganz billig

Fünf Tage, vier Nächte all inclusive im Hotel „Yate“ in Can Picafort, Flüge mit Condor, Transfer zum Hotel und Flughafen: 324,00 Euro

Drei Tage Leihgebühr für Rennräder: 51,00 Euro

Wasser: 26,90 Euro

Cola, Limo: 21,00 Euro

Diverse Bocadillos mit Serrano-Schinken und Chorizo unterwegs: 18,00 Euro

Tapas: 8,00 Euro

Eis: 3,80 Euro

Insgesamt: 401,70 Euro

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa

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