20. Dezember 2008 Allianz-Finanzchef Paul Achleitner sagte noch im Juli, die schlimmsten Momente der Krise seien schon vorbei. Voreilig, so gibt er nun im Interview zu - und erklärt, wie Euphorie und Panik ausgeartet sind. Und warum schon jetzt wieder die nächsten Gefahren lauern.
Herr Achleitner, die Krise ist gut für die Märkte, haben Sie im Juli gesagt. Bleiben Sie heute dabei?
Grundsätzlich schon. Die Krise ist heilsam, weil sie Auswüchse an den Finanzmärkten beendet. Ich will aber nicht verharmlosen. Die Krise hat historische Dimensionen und sie trifft viele Menschen hart. Man darf nur ein paar Grundsätze nicht übersehen.
Da bin ich gespannt.
Die Globalisierung der letzten 20 Jahre wäre ohne Kapitalmärkte und ihre jetzt kritisierten Finanzinstrumente nicht erfolgt. Zwei Milliarden Menschen sind der Armut entronnen. Ich gehöre zu den Menschen, die das begrüßen. Wir sollten deshalb nicht das ganze Finanzsystem über Bord werfen.
Aber die Krise nützt den Armen doch nichts!
Nein. Doch ohne Kreditverbriefungen und andere Finanzinstrumente wären die Investitionen niemals finanziert worden, die den Schwellenländern Wohlstand beschert haben. Die Banken allein wären überfordert gewesen.
Es hat geholfen, dass Käufer dieser Finanzinstrumente nicht wussten, was sie kauften, oder?
Vorsichtig. Nicht alle Finanzprodukte haben es verdient, verdammt zu werden. Bei vielen sitzt am Ende ein Schuldner, der brav bezahlt. Das geht unter in der Krise. Ich rechne damit, dass solide Werte mit soliden Schuldnern bald die Anerkennung der Märkte finden. Die Lage wird sich beruhigen.
Hätte es nicht auch eine leichtere Krise getan?
Ich hoffe, es entsteht nicht der Eindruck, ich nehme die Krise locker. Sie wird die Finanzwelt gravierend verändern. Es wird ähnlich wie nach der Internetblase. Das Internet selbst ist für die Gesellschaft heute wichtiger als 2000, aber die meisten Internetfirmen von damals sind verschwunden.
Große Banken und Versicherungen verschwinden, heißt das.
Es wird eine Konsolidierung in der Finanzwirtschaft geben. Entscheidend ist, Geschäftsmodelle langfristiger auszurichten und am Kunden zu orientieren.
Gier, Dummheit und unmoralisches Verhalten fallen uns als Krisenursachen ein. Was fällt Ihnen ein?
Es ist eine Mischung. Dazu kommt noch etwas Wichtiges: Doping. Wir hatten uns alle an billigen Krediten und unlimitierter Liquidität berauscht. Wir waren alle wie gedopt. Die Finanzindustrie verdient zwar die größte Kritik. Aber Regierungen haben sich über höhere Steuereinnahmen, Unternehmen über günstige Kredite und die Investoren über hohe Renditen gefreut. Keiner ist unschuldig.
Doch am Hebel saßen die Banken.
Einverstanden. Doch ich darf den Ökonomen Friedrich August von Hayek zitieren: Wir sehen die Ergebnisse menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs. Verschwörungen oder böse Absichten haben eine geringere Rolle gespielt, als jetzt herumgeraunt wird.
Mal abgesehen vom Börsenmakler Madoff, der Anleger um 50 Milliarden Euro betrogen hat.
Betrug hat es zu allen Zeiten gegeben. Gegen kriminelle Energie fehlt ein Zaubermittel. Madoff hat sich allerdings offenbar zunutze gemacht, dass viele Käufer wie im Rausch gekauft haben. Das ist leider typisch für Blasen.
Warum lernen wir nicht aus der Geschichte der Blasen?
Da wäre unsere Generation ja die erste. Wir sind leider nicht klüger als unsere Vorgänger. Allerdings hat diese Finanzkrise zwei einmalige Elemente: die Globalität des Finanzmarktes und die Globalität der Informationsverbreitung. Nachrichten erreichen binnen Sekunden jeden Fleck der Erde mit den entsprechenden psychologischen Wirkungen.
Panik ist leichter auszulösen.
Panik und Euphorie. Die Volatilität an den Kapitalmärkten ist eine Folge. Die Leute haben kaum Zeit, Informationen zu verdauen.
Das Dramatische ist nicht der Krisenherd, sondern der Multiplikatoreffekt durch die Verbreitung der Kriseninformation?
Ja. Nur ein Prozent des global angelegten Vermögens steckt in amerikanischen Subprimepapieren, die der Auslöser der Krise waren. Jetzt ist die ganze Welt infiziert.
Wann haben Sie persönlich das erste Mal gedacht: O Gott, das wird ja ein Drama?
Die Allianz hat in den letzten zwei Jahren die Aktienquote erheblich zurückgefahren, im Schnitt bei einem Dax-Wert von 7000. In Subprime-Papieren steckt von den 400 Milliarden aus Versicherungen nur ein zweistelliger Millionenbetrag. Die Anlage in den Kreditversicherungsprodukten, den Credit Default Obligations, haben wir vor drei Jahren aufgegeben, als es uns zu mulmig wurde. Trotzdem haben wir nicht das Ausmaß, das die Krise vor allem im letzten Quartal bekommen hat, geahnt. Und natürlich sind wir mit mancher Investition auf die Nase gefallen.
Sie haben am 17. Juli gesagt: Für eine Entwarnung ist es noch zu früh, auch wenn wir das Schlimmste hinter uns haben.
Das war eindeutig voreilig.
Was ist seit Juli passiert?
Wenn der Geldverkehr der Blutkreislauf ist, dann hatten wir im Sommer Bluthochdruck, im Oktober standen wir vor dem Herzinfarkt, der durch die staatlichen Programme abgewandt wurde.
Die Lehman-Pleite am 15. September und die Notrettung des Versicherungsriesen AIG waren der Auslöser?
Ja. Das hat einen Schock ausgelöst. Die Banken erstarrten, die Investoren flüchteten. Es haben viele Institute so viel Geld verloren, wie man es sich nie hätte vorstellen können.
Wo waren Sie eigentlich in dieser historischen Woche?
Ich war in New York.
Einkaufen?
Eher Window-Shopping. Es gab Finanzinstitute, die Investoren suchten. Wir können dank unserer im Vergleich starken Kapitalausstattung auch jetzt noch Chancen nutzen, die uns die Märkte bieten. In New York sind wir dann von den Ereignissen überholt worden.
Sie wurden schnell in Deutschland gebraucht. Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal an der Verstaatlichung von Banken mitwirken?
Nein.
War der staatliche Eingriff nötig?
Ja. Der Patient wäre sonst tot.
Ein ungeteiltes Lob für die Bundesregierung?
Der Bund war klar, schnell und effektiv. Aber, um bei der Analogie zu bleiben, wir müssen uns hüten, dass nicht als Nächstes noch eine Schönheitsoperation angehängt wird. Auch der Staat kann nicht alle Probleme lösen und muss sich auf die wesentlichen konzentrieren, etwa die drohenden Finanzierungsprobleme in der Wirtschaft.
Die Kreditklemme.
Wenn Sie so wollen. Firmen brauchen Refinanzierung. Von den Banken kann man nur bedingt einerseits eine Rückführung ihrer Bilanzen und andererseits eine erhöhte Kredittätigkeit verlangen. Die Märkte für Unternehmensanleihen und Commercial Papers sind ausgetrocknet. Investoren zeichnen dort keine Unternehmensanleihen, weil sie den Ratings misstrauen. Bewegung könnte in den Markt kommen, wenn der Bund die Käufer solcher Anleihen oder Commercial Papers versichert.
Das ist Ihr Vorschlag? Eine staatliche Ausfallversicherung für Unternehmensanleihen?
Ja. Der Bund praktiziert Vergleichbares schon bei den Hermesbürgschaften für Exportfinanzierungen. Hermes springt ein, wenn der ausländische Kunde ausfällt. Das funktioniert und könnte helfen.
Sie selbst haben jüngst für 1,6 Millionen Euro Allianz-Aktien gekauft. Ein Signal zum Aufbruch?
Ein Geschäft mit Gewinnerzielungsabsicht. Allianz muss anders als viele Wettbewerber weder sein Geschäftsmodell ändern noch die Bilanz reparieren. Unsere Strategie ist richtig und wird unserem Aktienkurs bekommen. Unsere notorische Langeweile als Investor ist en vogue geworden.
Wieso? Zuletzt hat die Allianz nur noch in der Schaden- und Unfallversicherung gut verdient.
Das ist falsch. Wir haben im Lebensversicherungsgeschäft und auch im Asset-Management positiv abgeschnitten. Das soll uns dieses Jahr mal einer nachmachen.
Wann ist der ganze Schlamassel endlich vorbei?
2009 sollten wir abhaken. Ich sehe für 2010 positiver. Vor allem Obamas Wachstumsprogramm wird dann wirken. Was mich allerdings besorgt, ist die Geldmengenentwicklung. Ich fürchte keine Deflation, ich fürchte Inflation, gespeist durch die Geldpolitik der Fed mit ihrem Leitzins von null Prozent. Ich bin froh, dass die Europäische Zentralbank im Vergleich dazu einen so besonnenen Kurs fährt.
Der Keim für die nächste Krise ist gelegt?
Ja, das ist ein Risiko.
Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder / F.A.Z.
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