Interview

„Vor allem die Finanzmärkte treiben den Ölpreis“

Dr. Barbara Meyer-Bukow, deutscher Mineralölverband

Dr. Barbara Meyer-Bukow, deutscher Mineralölverband

24. Mai 2008 Der Preis für Öl lief in den vergangenen Wochen an den Terminmärkten so nach oben, als ob morgen das Öl ausgehen würde. Der deutsche Mineralölwirtschaftsverband hält dagegen.

Der Markt habe sich längst von der fundamentalen Entwicklung abgekoppelt, erklärt Barbara Meyer-Bukow, vom Mineralölwirtschaftsverband.

An den Terminmärkten schießt der Preis für Rohöl schon seit Wochen immer weiter nach oben. Spielt diese Preisentwicklung die Realität des Marktes wider?

Nein, ich denke die Preise haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten zunehmend von den Fundamentaldaten des Marktes entfernt. Wir konnten in den vergangenen Wochen verstärkt beobachten, dass gar nicht mehr Nachrichten aus dem Ölmarkt die Preise bewegen, sondern dass er unabhängig davon auf Aussagen von Brokern und Investmentbanken reagiert. Das heißt, er ist sehr viel stärker vom Finanzmarkt getrieben als von der fundamentalen Lage.

An den Börsen werden auch nur die Meldungen nach vorne gebracht und kommentiert, die den Ölmarkt negativ beeinflussen. Alle Mitteilungen, die beruhigend wirken könnten, werden derzeit im Markt ignoriert.

Das heißt, fundamental hat sich wenig verändert, im Vergleich zu dem, was die Preisentwicklung offensichtlich unterstellt?

Die OPEC, also die Organisation Erdöl exportierender Länder, sagt nach wie vor, wir haben eine ausreichende Versorgung, eine Mehrförderung würde überhaupt keine Abnehmer finden. Sie hat im vergangenen Herbst die Förderung erhöht, ohne dass es den Markt in irgendeiner Weise beeindruckt hätte. Normalerweise würde er auf so eine Aussage reagieren.

Wie reagieren die Kunden der Mineralölindustrie auf die Preisentwicklung? Sehen Sie eine Kaufzurückhaltung?

Das ist kurzfristig sehr schwierig zu sagen. Wir haben ja beispielsweise im deutschen Kraftstoffmarkt schon seit vielen Jahren eine rückläufige Nachfrage. Wir sind in der Nachfrage heute ungefähr dreißig Prozent unter dem vor zehn Jahren beim Benzin. Erst einmal sind die neueren Autos alle deutlich sparsamer als alte, die stillgelegt werden. Dann reagieren die Verbraucher ohnehin mit sparsamerem Verhalten auf die Preisentwicklung. Das heißt, die Tipps, die immer wieder gegeben werden, wie man seinen Verbrauch senken kann, werden gerade angesichts so hoher Preise von den Konsumenten auch berücksichtigt.

Auf der anderen Seite gibt es Statistiken und Berichte, nach denen die deutschen Heizöltanks ziemlich leer sind. Kommt von dieser Seite in den kommenden Monaten nicht zusätzliche Nachfrage in den Markt?

Wahrscheinlich wird beim Heizöl Nachfrage einsetzen. Wir konnten in den ersten Monaten des Jahres gegenüber dem vergangenen schon ein deutliches Plus verzeichnen. Wobei das auch darin begründet ist, dass die Heizölnachfrage im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel nach unten gegangen war. Das heißt, schon im vergangenen Jahr haben die Verbraucher sehr wenig Heizöl nachgekauft und sitzen nun deswegen auf sehr niedrigen Beständen. So kann man davon ausgehen, dass spätestens im Herbst eine Nachfrage einsetzen muss, da sich wieder eindecken müssen für den nächsten Winter.

Würden sie den Leuten zum Kauf raten auf diesem Preisniveau?

Da wir keine Preisprognosen machen ist es ungemein schwierig, darauf zu antworten. Aber die Verbraucher verhalten sich schon so, dass sie relativ kleine Mengen kaufen in der Hoffnung darauf, dass die Preise wieder nach unten gehen. Wenn man die Erwartung hat, dass sich die Preisgestaltung an den Börsen wieder stärker an den Fundamentaldaten des Marktes orientiert, dann kann man auch davon ausgehen, dass die Preise wieder zurückgehen. Auf der anderen Seite wirken Äußerungen von Brokern und Investmentbanken, dass die Preise auf 150 oder gar 200 Dollar je Barrel steigen könnten, Preis treibend. So ist es schwierig einzuschätzen, wie lange dieser Aufwärtstrend anhält.

Auf der anderen Seite sind solche Äußerungen nicht selten ein Anzeichen dafür, dass der Markt reif ist und dass er bald „kippt“.

Richtig. Darauf kann man hoffen, dass es bald passiert.

Ein interessanter Diskussionspunkt ist zur Zeit das Preisverhältnis zwischen Benzin und Diesel. Was sagen Sie dazu?

Wir beobachten schon seit Jahren, dass die Nachfrage nach so genannten Mitteldestillaten - das sind Diesel, Heizöl und Kerosin - deutlich stärker steigt als die nach Benzin. Das hat schon in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Diesel am Weltmarkt teurer war als Benzin. Das hat in den vergangenen Jahren auch an den deutschen Tankstellen dazu geführt, dass der Preisabstand zwischen Benzin und Diesel vor allem auch in den Herbst- und Wintermonaten immer enger geworden ist. Im Moment ist es so, dass der Preisunterschied, den wir am deutschen Markt aufgrund der unterschiedlichen Besteuerung hatten, völlig aufgebraucht worden ist.

Das heißt, wenn die fundamentale Nachfrage am Markt im Moment irgendwo richtig spielt, so ist es im Verhältnis zwischen Diesel und Benzin?

Die Frage ist, ob nur Diesel oder Mitteldestillate. Vermutlich ist es aber nur Diesel im Weltmarkt, weil vor allen Dingen in China sehr viel Diesel importiert wird.

Technologischer Fortschritt verlängert die Reichweite der Ölreserven

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Die häufig statische Betrachtung der Endzeit-Szenarien lasse außer Acht, dass der technologische Fortschritt die Reichweite der Ölreserven um viele Jahrzehnte verlängert werde. Mit verbesserter Technik würden neue Felder entdeckt, vorhandene Felder effektiver ausgefördert und schwer zugängliche Vorkommen erschlossen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, Privat

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