Im Gespräch: Ölexperte Rafael Sandrea

„Das Öl geht nicht schon morgen aus“

Rafael Sandrea, IPC Petroleum Consultants

Rafael Sandrea, IPC Petroleum Consultants

27. August 2008 Öl ist knapp - diese These wurde in den vergangenen Jahren zum Allgemeinplatz und führte dazu, dass der Ölpreis nach oben lief und in den vergangenen Wochen Rekordwerte von bis zu 145 Dollar je Barrel der Sorte WTI erreichte.

Inzwischen ist er zwar wieder leicht zurückgekommen. Allerdings scheint unterschwellig weiterhin ein gewisser Preisauftrieb da zu sein. Tatsächlich hat die Nachfrage in den vergangenen Jahren rascher zugenommen als die Produktion, erklärt Dr. Rafael Sandrea von den IPC Petroleum Consultants im folgenden Gespräch. Das führt kurzfristig zu einer gewissen Knappheit.

Langfristig sind die Reserven jedoch noch lange nicht erschöpft, da bisher gerade einmal zehn Prozent der in der Vergangenheit entdeckten Reserven gefördert wurden. Sie lassen sich mit modernen Technologien heben. Allerdings setzen diese stärkere Investitionen voraus, die durch zu hohe Steuern behindert werden.

Der Ölpreis lief in den vergangenen Jahren nach oben, als ob es morgen kein Angebot mehr gäbe? Was denken Sie über die Entwicklung?

Bei der Ölproduktion insgesamt, den etwa 84 Millionen Barrel pro Tag, müssen wir unterscheiden zwischen der Rohölproduktion in Höhe von etwas 71 Millionen Barrel pro Tag und den so genannten Gas Liquids, die den Rest ausmachen.

Die wichtige Zahl ist die Rohölproduktion. Sie nahm von 1990 bis 2000 um 1,22 Prozent jährlich zu, blieb in den vergangenen vier Jahren jedoch mit einem Zuwachs von gerade einmal 0,14 Prozent pro Jahr auf 71,3 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2007 stagnant.

Die Produktionszuwächse, die wir zuletzt gesehen haben, sind auf die Gasverflüssigung zurückzuführen. Sie sind zu gering im Vergleich mit der zunehmenden Nachfrage. Daran dürfte sich in den kommenden Jahren kaum etwas ändern.

Das heißt, die Nachfrage wächst schneller als das Angebot; Anleger haben also recht, wenn sie auf steigende Preise setzen?

Daran gibt es keinen Zweifel. So funktioniert der Markt: Ist die Nachfrage größer als das Angebot, so steigt der Preis. Es mag eine gewisse Spekulation geben. In jedem Rohstoffmarkt hat sie einen Anteil von zehn Prozent. Das ist jedoch nicht so wichtig.

Selbst nach der jüngsten Korrektur ist Rohöl mit einem Preis von 117 Dollar je Barrel der Sorte teuer. Können wir nichts gegen die hohen Preise unternehmen?

Um weglaufende Preise zu vermeiden können wir - abgesehen von einer Rezession, was keine gute Sache wäre - verschiedene Maßnahmen ergreifen, um das Nachfragewachstum zu bremsen.

Es gab in den vergangenen Monaten einzelne Stimmen, die einen Ölpreis von bis zu 200 Dollar prognostizierten. Ist das realistisch?

Ich halte es nicht für völlig unrealistisch.

Ein hoher Ölpreis wird unweigerlich das Wirtschaftswachstum bremsen oder möglicherweise gar zu einer Rezession führen. Wird er darauf nicht reagieren?

Wenn wir das Nachfragewachstum bremsen können, wird der Ölpreis nicht mehr so stark steigen wie in diesem Jahr von 100 auf 150 Dollar in sechs Monaten. Die hohen Preise sind eine starke Belastung für alle, die sie bezahlen müssen. In den Vereinigten Staaten ist die Nachfrage in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres um drei Prozent gefallen. Selbst Länder wie China und Indien müssen aufgrund der hohen Kosten ihre Subventionen anpassen. Das setzt der Nachfrage gewisse Grenzen. Kurzfristig sehen wir starke Nachfrageanpassungen. Wir können so einen Ölpreis von 100 Dollar sehen plus-minus zehn Prozent. Das ändert jedoch wenig daran, dass das Öl teuer geworden ist. Grundsätzlich brauchen wir jedoch einen Preis im Bereich von 80 bis 100 Dollar, damit die Anreize groß genug sind, Alternativen zu entwickeln.

Gibt es keine Möglichkeit, die Produktion zu steigern?

In den vergangenen 20 Jahren blieb die so genannte On-shore-Ölproduktion so gut wie unverändert. Die so genannte Off-shore-Produktion war das einzige Segment der Ölindustrie, das wachsen konnte. Die gesamten Produktionszuwächse kamen praktisch von den Förderstätten auf den Weltmeeren.

Wir haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte insgesamt elf Billionen Barrel Öl entdeckt. In den vergangenen 100 Jahren wurde davon gerade einmal eine Menge von einer Billion Barrel, also etwa zehn Prozent der entdeckten Reserven, gefördert. Folglich befinden sich noch 90 Prozent im Boden. Wir wissen sogar, wo sie sind.

In der Vergangenheit war es einfacher und günstiger, die ersten zehn Prozent eines Vorkommens zu fördern und zum nächsten zu wechseln, statt die restlichen 90 Prozent des verbliebenen Öls aus dem Boden zu holen. Immerhin war das Barrel nur zehn Dollar wert.

Das hat sich geändert. Was schlagen Sie vor?

Die Grundidee ist, die im Boden verbliebenen zehn Billionen Barrel Öl nach und nach herauszuholen. Jeder weitere Prozentpunkt, der gefördert werden kann, entspricht etwa 100 Milliarden Fass. Das ist die zehnfache Menge dessen, was in den vergangenen Jahren neu entdeckt wurde.

Die Ölunternehmen sollten sich auf so genannte EOR-Methoden (enhanced oil recovery) konzentrieren. Sie verbessern die Produktionseffizienz und führen zu einer Extraförderung von etwa einem Prozentpunkt in jedem Jahr.

Ist das möglich?

Ja, denn in der Nordsee waren die Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren in der Lage, die Ausbeute beziehungsweise die Produktionseffizienz jedes Jahr um 0,8 Prozentpunkte pro Jahr zu steigern. Sie kommen inzwischen auf die höchste Ausbeute weltweit von 46 Prozent. Die durchschnittliche Ausbeute der restlichen Welt liegt dagegen bei etwa 22 Prozent, in Saudi Arabien liegt sie bei etwa 25 Prozent.

Wieso steigern die Unternehmen ihre Ausbeute nicht bisher schon?

Sie haben es nicht einfach. In der Nordsee, also in Norwegen und Großbritannien, werden die Ölunternehmen stark besteuert. Die Regierungen greifen auf etwa 75 Prozent der Gewinne zu und lassen den Unternehmen kaum Mittel, um in die notwendigen Technologien zu investieren. In Russland werden 90 Prozent der Gewinne wegbesteuert, die bei einem Ölpreis von mehr als 25 Dollar auflaufen. Kein Wunder, dass die Unternehmen nicht investieren. Das ist das, was ich sagen will - so einfach ist das.

Was ist zu tun?

Wir müssen den Unternehmen steuerliche Anreize geben, in innovative Fördertechnologien zu investieren. EOR-Technologien bieten die besten Möglichkeiten weltweit, die Ölproduktion zu steigern.

Lassen Sie uns über die so genannte Peak-Oil-Theorie reden, die im Kern besagt, dass die globale Ölproduktion ihren Höhepunkt überschritten hat.

Das Problem ist nicht Peak-Oil, auch wenn letztlich alles endlich ist. Das Peak-Oil-Konzept suggeriert, dass wir bald kein Öl mehr haben werden. Dabei haben wir bisher gerade einmal zehn Prozent der entdeckten Reserven gefördert. Ich rede lieber über Halbwertszeit: Haben wir die Hälfte unseres Lebens hinter uns, so heißt das noch lange nicht, dass wir morgen sterben werden. Die Situation am Ölmarkt lässt sich damit vergleichen.

Verschwörungstheoretiker unterstellen, die Ölstaaten bremsten ihre Produktion. Je weniger sie förderten, desto stärker steige der Preis und desto wertvoller würden die im Boden verbliebenen Reserven.

Die Ironie ist: Je stärker der Preis steigt, desto weniger müssen die Ölförderstaaten und die Ölunternehmen tun, um höhere Einnahmen zu generieren. Sie können es sich auf dem Sofa bequem machen und sich darauf konzentrieren, die hereinrollenden Taler zählen. Ich glaube nicht an eine intelligente, übergeordnete „Superstrategie“. Auch wenn der Effekt derselbe ist.

Siehe auch: Oil & Gas Journal Research Center

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: Privat

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