Energie & Rohstoffe

Amerikas Benzinverbrauch sinkt

Von Christopher Palmeri

Hohe Benzinpreise beschneiden die Kaufkraft

Hohe Benzinpreise beschneiden die Kaufkraft

25. April 2008 Seit nunmehr 20 Jahren werden im Palm Beach County (Florida) an strategischen Punkten des 4.000 Meilen umfassenden Straßennetzes des Verwaltungsbezirks Verkehrszählungen durchgeführt. Und so sicher wie der Wechsel der Gezeiten des nahe gelegenen Atlantiks nahm das Verkehrsaufkommen fast jedes Jahr um mindestens zwei Prozent zu.

Im vergangenen Jahr wurde jedoch eine geringere Zahl von Fahrzeugen auf den Straßen gezählt, und im Jahresverlauf bis März wurde gar ein Rückgang von 7,5 Prozent gemessen. „Wir erleben einen äußerst bedeutsamen Wandel“, sagt Ingenieur George Webb.

Kommt der erste Rückgang des Jahresverbrauchs seit 1991?

Dieses Phänomen ist jedoch nicht auf Palm Beach beschränkt. Das Verkehrsvolumen tendiert landesweit nach unten. Vorläufige Zahlen der amerikanischen Autobahnverwaltung zeigen für 2007 einen Rückgang von 1,4 Prozent. Nachdem die Benzinpreise des Landes vor kurzem den Rekord von inflationsbereinigt 3,40 Dollar je Gallone (3,79 Liter) aus dem Jahr 1981 gebrochen haben, prognostiziert die amerikanische Energieinformationsbehörde (EIA) für das laufende Jahr einen Rückgang des Benzinverbrauchs von 0,3 Prozent. Dies wäre der erste Rückgang des Jahresverbrauchs seit 1991. Andere Beobachter gehen davon aus, dass der Verbrauch sogar noch stärker sinkt als es die Zahlen der amtlichen Statistik zeigen. „Unsere Marktforscher beobachten einen deutlich stärkeren Nachfragerückgang als die EIA“, sagt Tom Kloza, leitender Ölanalyst des Informationsdienstleisters Oil Price Information Service.

Öl wird immer teurer

Öl wird immer teurer

Findet im spritdurstigen Amerika etwa ein Umdenken statt? Einige sind dieser Ansicht, wenngleich zu berücksichtigen ist, dass die Vereinigten Staaten noch immer ein Drittel der weltweiten jährlichen Benzinproduktion verbrauchen. „Es scheint, als hätten wir inzwischen eine Schmerzgrenze erreicht, die Amerikaner zum Nachdenken bewegt, wie und wo sie ihre Fahrzeuge einsetzen“, meint Paul Weissgarber, Leiter der Energieabteilung bei der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney.

Ein Blick auf die jüngsten Automobilabsätze genügt. Im ersten Quartal 2008 sanken die Absatzzahlen aller Fahrzeuge um acht Prozent, während die Absätze spritdurstiger Geländewagen (SUVs) und Pick-ups um 27 resepektive 14 Prozent einbrachen. Hohe Benzinpreise zwingen selbst SUV-Liebhaber zum Umdenken. Ron Gesquere, leitender Angestellter eines Autoteileunternehmens, war es leid, fünf Mal im Monat 100 Dollar für die Tankfüllung seines Chevrolet Suburban hinzublättern; vor kurzem ersteigerte er auf eBay für 10.000 Dollar einen gebrauchten Mini Cooper S. „Den Mini kann ich mit dem Geld bezahlen, das ich beim Tanken einspare“, sagt Gesquere, der in einem Detroiter Vorort wohnt.

Jahrelang wunderten sich Branchenanalysten, dass der Benzinverbrauch trotz stetig steigender Preise zunahm. Nun scheint jedoch eine Art psychologische Schwelle überschritten worden zu sein. Die Kraftstoffpreise steigen schneller als die Einkommen, der Irakkrieg schürt Befürchtungen über die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von ausländischem Öl und die Verbraucher werden zusehends klimabewusster.

Hinzu kommt, dass die Inanspruchnahme öffentlicher Verkehrsmittel im Jahr 2007 nach Angaben des amerikanischen Verbands für öffentliches Verkehrswesen auf ein 50-Jahres-Hoch stieg, was zum Teil auch damit zusammenhängt, dass mehr und mehr Unternehmen zumindest einen Teil der Fahrscheinkosten ihrer Mitarbeiter übernehmen. Auch der Absatz sparsamerer Fahrzeuge zieht an, eine Entwicklung, die den großen drei Automobilkonzernen mit Sitz in Detroit nicht verborgen blieb, deren Gewinne zu einem beträchtlichen Teil aus dem Verkauf von SUVs und Pick-ups stammen. „Kraftstoffökonomie als Verkaufsanreiz hat definitiv eine Zukunft“, sagt James Farley, stellvertretender Vorsitzender für Marketing und Kommunikation bei Ford. „Unsere Zukunftspläne bauen auf der Vorstellung auf, dass die Benzinpreise ausgehend vom gegenwärtigen Niveau seitwärts und aufwärts, aber nicht abwärts tendieren werden.

„Wir beobachten eine Sättigung des Automobilmarktes“

Daneben könnten sich auch demographische Faktoren auf den Benzinverbrauch auswirken. Als in den 1950ern und 1960ern der Trend zur Ansiedlung in den Vororten in vollem Gange war und die Fernstraßen der Vereinigten Staaten ausgebaut wurden, stieg der Benzinverbrauch im Durchschnitt jährlich um vier Prozent. In den vergangenen Jahren verlangsamte sich dieses Wachstum auf 1,2 Prozent. Aus einer im April veröffentlichten Studie der EIA geht hervor, dass ein Teil dieses Rückgangs auf das sinkende Bevölkerungswachstum sowie auf den allmählichen Rückzug der Babyboomer-Generation aus ihrer aktivsten Phase als Autofahrer zurückzuführen sein könnte. Sinkende Fahrzeugabsätze sind die Folge. „Wir beobachten eine Sättigung des Automobilmarktes“ sagt Tancred Lidderdale, leitender Volkswirt der EIA. „Selbst weiterhin steigende Einkommen werden nicht zu einem weiteren Anstieg der Absatzzahlen führen.“

Es ist freilich noch nicht sicher, dass der rückläufige Benzinverbrauch zu einem dauerhaften Trend wird. In der Vergangenheit nahm der Verbrauch in Rezessionen für gewöhnlich ab, stieg danach aber wieder an. „Die Amerikaner drosselten ihren Spritverbrauch nur in sehr seltenen Fällen über einen längeren Zeitraum hinweg“, sagt Geoff Sundstrom, Sprecher des amerikanischen Automobilverbands AAA. „Dies war dann der Fall, wenn ein hohes Preisniveau und eine Rezession gleichzeitig auftraten, etwa in den Jahren 1974 und 1981. Derzeit scheint es, als würde uns eine weitere dieser Phasen bevorstehen.“ Die Marktforscher der EIA gehen allerdings davon aus, dass der Verbrauch im kommenden Jahr wieder bis zu 0,9 Prozent steigen wird, wenngleich dieses Wachstum noch immer unterhalb der in diesem Jahrzehnt verzeichneten durchschnittlichen Wachstumsrate von 1,2 Prozent läge. Zahlreiche Analysten haben ihre Prognosen des weltweiten Wachstums der Ölnachfrage zwischenzeitlich nach unten korrigiert, hauptsächlich aufgrund des schwächeren Verbrauchs in den Vereinigten Staaten.

Selbst wenn der Benzinverbrauch wieder ansteigen sollte, wird dies wahrscheinlich mit einer geringeren Zuwachsrate geschehen. „Verbrauchergewohnheiten sind ziemlich hartnäckig“, meint Adam Robinson, Energieanalyst bei Lehman Brothers. „Erst eine lange Zeit anhaltend hoher Preise hat die Verbraucher dazu bewegt, ihre Vorlieben zu überdenken.“

Einige Pendler sind sogar überrascht, wie leicht man sich an öffentliche Verkehrsmittel gewöhnen kann. Aly Cohen, eine 27-jährige Finanzanalystin bei der Kaufhauskette Costco Wholesale, musste im Januar erstmals mit dem Bus zur Arbeit fahren, nachdem ihr Auto im Schnee stecken geblieben war. Nachdem ihr Arbeitgeber mittlerweile den Großteil der Kosten ihrer Monatskarte übernimmt, lässt sie sich nur noch mit dem Bus zur Arbeit chauffieren und konnte ihren Benzinverbrauch damit um die Hälfte senken. „Eine tolle Sache“, sagt sie. „Ich kann ein Nickerchen machen oder lesen.“ Sollten diese Veränderungen der Pendlergewohnheiten Schule machen, könnten sie einen Wandel beim Energieverbrauch der Vereinigten Staaten herbeiführen.

Christopher Palmeri ist leitender Korrespondent der Business Week in Los Angeles. Unter Mitarbeit von David Kiley und David Welch in Detroit.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: ddp, REUTERS

 

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