27. Juli 2008 Der drastische Rückgang mehrerer wichtiger Rohstoffpreise nährt an den Finanzmärkten Ängste und Hoffnungen: Zum einen wird befürchtet, dass das Ende der Rohstoff-Hausse der Vorbote eines kräftigen Abschwungs der Weltwirtschaft ist - worauf auch viele Konjunkturdaten hindeuten. Zum anderen macht sich an dem Preisrutsch aber auch die Hoffnung fest, dass der globale Teuerungsschub an Kraft verlieren wird.
Im Euro-Raum deuten nun die meisten Konjunktur-Barometer auf einen kräftigen Abschwung hin. So ist der Ifo-Geschäftsklimaindex im Juli von 101,2 auf 97,5 Punkte abgestürzt, der Index der europäischen Einkaufsmanager von 49,3 auf 47,8 Punkte. Dieser Wert ist so niedrig wie seit November 2001 nicht mehr und signalisiert eine sich anbahnende wirtschaftliche Kontraktion. Auch in Asien zeichnet sich ein Abschwung ab. Demgegenüber waren die amerikanischen Wirtschaftsdaten zuletzt durchwachsen. Am Donnerstag schürten ungünstige Berichte vom Immobilienmarkt die Angst, dass die Finanzkrise die gesamte Wirtschaft nach unten ziehen wird. Doch schon einen Tag später hellten günstige Daten zu den Auftragseingängen, dem Konsumentenvertrauen sowie den Eigenheimverkäufen die Stimmung wieder auf.
Viele Faktoren spielen eine Rolle
An den Rohstoffmärkten ist die fulminante Hausse jäh abgebrochen. Der CRB-Index, der aus den Terminpreisen von 19 Rohstoffen berechnet wird, ist seit dem 3. Juli um 13 Prozent abgesackt. Händler erklären dies zum Teil damit, dass die Investoren die konjunkturelle Abkühlung vorwegnehmen und deshalb Spekulationen auf weiter steigende Preise glattgestellt haben. Daneben könnte auch eine Rolle spielen, dass im amerikanischen Kongress Maßnahmen zur Eindämmung der Spekulation an den Energie-Terminmärkten debattiert werden.
Was auch immer die Gründe sind: Seit dem Rekordhoch von 147 Dollar am 11. Juli ist der Preis für das Barrel WTI-Rohöl (159 Liter) an der Terminbörse bis zum Freitag um 16 Prozent auf 123 Dollar gefallen. Naturgas hat sich seit Anfang Juli sogar um 34 Prozent verbilligt. Der Preis für das Grundnahrungsmittel Mais ist seit dem Rekordhoch am 27. Juni um fast 25 Prozent gefallen, die Preise für Weizen und Sojabohnen seither um 15 und 16 Prozent. Viele Analysten gehen davon aus, dass der Doppelschlag aus konjunktureller Abkühlung und fallenden Rohstoffpreisen viele Notenbanken dazu veranlassen wird, geplante Leitzinserhöhungen erst einmal auf Eis zu legen - und womöglich über Zinssenkungen zur Stimulierung der Konjunktur nachzudenken. Tatsächlich hat die neuseeländische Zentralbank in der vergangenen Woche den Leitzins aus diesem Grund von 8,25 auf 8 Prozent herabgesetzt - es war dort die erste Zinssenkung seit fünf Jahren. Im Euro-Raum sind die Renditen für zweijährige Schatzanweisungen, die stark auf Leitzinsspekulationen reagieren, im Wochenverlauf um rund 20 Basispunkte gefallen.
Spekulationen über die EZB-Entscheidung
Aufschluss über die weitere Zinspolitik der Notenbanken erhoffen sich Analysten und Anleger von den neuen Konjunkturdaten: In Deutschland werden erste Schätzungen zur Inflation im Juli bereits am Montag publik, der Konsens erwartet eine Jahresrate von 3,1 Prozent. Am Mittwoch folgen die Zahlen zum Unternehmens- und Verbrauchervertrauen, jeweils wird mit einem Rückgang gerechnet. Am Donnerstag steht die erste Schätzung für die Inflationsrate im Euro-Raum an, der Konsens geht von einem weiteren Anstieg auf 4,2 Prozent aus. Viel Aufmerksamkeit werden am Donnerstag und Freitag auch die Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt finden.
Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) wird am 7. August tagen. Eine Zinsentscheidung wird allerdings frühestens für die Sitzung am 4. September erwartet, wenn dem Rat die neuen Prognosen zu Wirtschaftswachstum und Inflation im Euro-Raum vorliegen werden. Sollte sich der Preisauftrieb bis dahin beruhigt, die Konjunkturschwäche sich hingegen verstärkt haben, könnte die EZB auf eine neutrale Haltung umschwenken und ein oder zwei Monate später eine Senkung des Leitzinses vorbereiten, meinen die EZB-Beobachter der Deutschen Bank. Solche Spekulationen haben den Euro im Wochenverlauf von 1,59 auf 1,57 Dollar gedrückt.
Trübe Konjunkturaussichten belasten
Unicredit-Chefvolkswirt Marco Annunziata zieht aus dem Rückgang der Rohstoffpreise einen anderen Schluss. Zwar werde dies den Preisauftrieb dämpfen. Doch wenn sich die Einschätzung durchsetze, dass es sich beim Anstieg der Rohstoffpreise um eine liquiditätsgetriebene Spekulationsblase gehandelt habe, dann dürften die Notenbanken die geldpolitische Straffung, die sie vor einem Jahr wegen der Finanzkrise unterbrochen hatten, wiederaufnehmen. Das könnte in vielen Währungsräumen auf steigende oder zumindest andauernd hohe Leitzinsen hinauslaufen, meint Annunziata.
Allerdings ist die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden, wie sich an den Bankaktien ablesen lässt. Bis Mitte Juli waren die Kurse abgestürzt. Dann lösten jedoch die Rettung der beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sowie einige günstige Quartalsergebnisse eine fulminante Hausse der Finanztitel aus. Das ließ den KBW-Index für 24 amerikanische Großbanken in nur sechs Handelstagen um gut 40 Prozent nach oben schnellen - was einem Zuwachs an Marktkapitalisierung von 250 Milliarden Dollar entsprach. Am Donnerstag aber ließen neue Sorgen über den Immobilienmarkt die Kurse um fast 7 Prozent absacken. Am Freitag ging die Talfahrt weiter. Am Wochenende wurde bekannt, dass die Behörden zwei kleine amerikanische Banken wegen drohender Insolvenz geschlossen haben.
Teils sehr schlechte Nachrichten - wie ein riesiger Quartalsverlust des Autokonzerns Ford -, teils aber auch gute Quartalsergebnisse wie zum Beispiel von VW und Peugeot haben sich in der vergangenen Woche in einer Seitwärtsbewegung der großen Aktienindizes dies- und jenseits des Atlantiks niedergeschlagen. Die verdüsterteten Konjunkturaussichten seien damit wohl noch nicht in den Kursen eingepreist, meinen die Analysten der Commerzbank. Zumindest am deutschen Markt dürfte dies demnächst belasten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET
Warum ist Deutschland so zögerlich ?
21:33 21:32Commerzbank wird teilverstaatlicht - besser Insolvenz wird verhindert
21:29@Hr.Trummler, wir leben nicht im Jahr 1938!
21:27Eine Insolvenz wäre besser als eine Verstaatlichung! Wer traf diese falsche E.?