Klassiker gegen England

Niederlage zum Jahresausklang

Von Roland Zorn, Berlin

Nicht sein Tag: Schlussmann Adler nach dem 0:1

Nicht sein Tag: Schlussmann Adler nach dem 0:1

19. November 2008 Fußball-Länderspiele zwischen Deutschland und England sollten in Zukunft besser nicht mehr nach Berlin vergeben werden. Auch im achten Versuch glückte den Deutschen am Mittwochabend kein Sieg im ausverkauften Olympiastadion.

1:2 ging die über eine Stunde lang schwache Partie nach Treffern von Upson (24. Minute) und Terry (84.) für die Briten sowie Helmes (63.) für die deutsche Elf verloren. Die ersatzgeschwächten Engländer, die ohne ihre Stars Rooney, Lampard, Gerrard und Ferdinand antraten, setzten damit ihren Siegeszug unter dem italienischen Chefcoach Fabio Capello fort. Die Deutschen waren über eine Stunde so schlecht wie lange nicht und lebten erst nach dem Ausgleichstreffer von Helmes ein wenig auf. Zu wenig, um das Fußballjahr 2008 positiv abschließen zu können (Siehe auch: FAZ.NET-Einzelkritik: Mannschaft unsicher, Helmes treffsicher).

„Wir hatten nicht die Reife, England zu schlagen“

Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich als fairer Verlierer. „Die Engländer waren die bessere Mannschaft über das gesamte Spiel, wir haben einen schlechten Tag erwischt. In der zweiten Halbzeit haben wir wenigstens ein Stück weit zurückgefunden ins Spiel. Aber insgesamt haben wir verdient verloren. Wir waren in der Raumaufteilung und in der Organisation schlecht und haben viele Bälle schon im Aufbau verloren. England ist seit der EM deutlich stärker geworden. Wir hatten heute nicht die Reife, um diese Mannschaft zu schlagen.“

Trainerkollege Capello war „sehr glücklich“ nach dem 2:1-Sieg. „Meine Spieler haben heute als Mannschaft überzeugt. Wir sind wieder einen Schritt nach vorne gekommen. Das ist wichtig für unser Selbstvertrauen.“

Reservistenübung und Testpartie

Für die Engländer war es vor allem eine Reservistenübung, für die Deutschen die letzte Möglichkeit des Jahres, Neues und Neue auszuprobieren. In Abwesenheit der alten Mannschaftsbosse Michael Ballack und Torsten Frings durfte Simon Rolfes den Defensivorganisator im Mittelfeld und Bastian Schweinsteiger den Juniorchef im offensiven Mittelfeld geben. Auch ein Debütant bekam von Anfang an seine Chance: der 23 Jahre alte Marvin Compper vom Aufsteiger des Jahrzehnts ist seit Mittwochabend Nationalspieler.

Damit dürfte der Hoffenheimer Abwehrspieler, der auf der linken Seite die fehlenden Stammkräfte Philipp Lahm und Marcell Jansen vertrat, noch vor kurzem selbst nicht im Traum gerechnet haben. Erste Wahl, zweite Wahl: Deutschland gegen England ist seit alters her ein Klassiker, bei dem das schiere Duell der beiden Fußball-Traditionsländer die jeweiligen Personalangebote allemal überstrahlen. Auch deshalb war das Berliner Olympiastadion mit 75.000 Zuschauern, darunter 8000 Fans von der Insel, ausverkauft.

Torwart Adler griff entschieden daneben

Im vollen Haus wurde anschließend jedoch reichlich Leergut angeboten. Vor allem die angeblichen Tempospieler aus der De-Luxe-Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) standen eine Halbzeit still. Das Team von Joachim Löw schien oft genug reglos zu beobachten, wie sich die B-Elf von Capello zumindest laufend um ein Tor gegen den EM-Zweiten bemühte. Deutsche Attacken, deutsche Aufbauwerke? Unsichtbar.

Die Abwehr um den auch schon mal gelenkiger anmutenden Bremer Per Mertesacker bekam auf diese Weise wenigstens Arbeit - und überzeugte dabei bestenfalls bedingt. Dass England nach 34 Minuten durch Upsons Schüsschen ins leere Tor in Führung gehen konnte, hatte ebenfalls mit deutschem Unvermögen zu tun. Der wochenlang hochgelobte Torwart Adler griff entschieden daneben, als er einen Eckball des starken Downing zu fassen versuchte. Danke schön, sagte sich West Hams Abwehrrecke und erzielte das 1:0 für die bessere Mannschaft. Was danach zu hören war, entlud sich in gellenden Pfiffen des um eine ansehnliche Fußball-Halbzeit gebrachten Berliner Fußball-Publikums. Die Deutschen hatten es geschafft, einen Klassiker zu einer Groteske zu machen.

In Feierlaune waren fast nur die Engländer

Löw reagierte auf das bizarre Standbild und wechselte nach dem Wechsel den Bremer Torhüter-Debütanten Tim Wiese sowie den in der Folge quirligen Marin (für den überforderten Jones) und Helmes (für den unscheinbaren Kapitän Klose) ein. Besser wurde dadurch erst einmal nichts. Und so blieb die Stimmung fürs erste mies. Erst als Volkes Liebling Lukas Podolski in der 57. Minute für den Stürmer-Mitläufer Gomez kam, zog neue Hoffnung in die Arena ein. Mit Sprechchören wurde der in München unglückliche Kölner gefeiert, als Löw seine Bankreserven fast aufgelöst hatte.

In Feierlaune waren aber nur die Engländer - bis zur 63.Minute. Eben hatte der eingewechselte Bent die Megagelegenheit zum 2:0 allein vor Wiese vergeben, da bekam der von Capello bei Halbzeit ebenfalls aufs Feld geschickte Carson das typisch britische Los des tragischen Torwarthelden zu spüren. Im Verbund mit dem erfahrenen John Terry produzierten die zwei ein Missverständnis, das der Leverkusener Instinktstürmer Patrick Helmes prompt nutzte. Er schnappte sich den Ball und beförderte ihn einfach ins Tor. Der Ausgleich passte zum Pannenfestival vom Mittwochabend.

Den letzten Knalleffekt setzten die Engländer

Dazu schüttete sich nun auch der Himmel aus, so dass gegen Ende der Partie britisches Wetter die endlich an Temperament zulegende Begegnung überlagerte. Die Engländer, die sich ihren schon nahen Erfolg nicht auf so billige Weise nehmen lassen wollten, stellten Wiese mehrmals auf die Probe - und der bestand seine Premiere, auch wenn er bei Wright-Phillips' Pfostenschuss (79.) Glück hatte. Die Deutschen entdeckten spät eine gewisse Lust am Fußballspiel. So konnte auch Carson bei Marins (75.) Flachschuss zeigen, dass er eigentlich ein guter Keeper ist.

Einmal im Wechselfieber, durften auf deutscher Seite zum Schluss auch noch der Wolfsburger Nationalmannschaftsanfänger Schäfer (für Compper) und Tasci (anstelle von Friedrich) mitmachen. Den letzten Knalleffekt aber setzten die Engländer durch Terrys Kopfballtor (84.). Der Kapitän der Mannschaft machte damit seinen Patzer beim 1:1 mehr als wett und verhalf den Briten auch mit einer B-Elf zu einem beachtlichen Prestigeerfolg gegen eine enttäuschende, müde deutsche Mannschaft.

Deutschland - England 1:2 (0:1)
Deutschland: Adler/Bayer Leverkusen (23 Jahre/3 Länderspiele) ab 46. Wiese/Werder Bremen (26/1) - Friedrich/Hertha BSC Berlin (29/64) ab 68. Tasci/VfB Stuttgart (21/4), Westermann/Schalke 04 (25/9), Mertesacker/Werder Bremen (24/52), Compper 1899 Hoffenheim (23/1) ab 77. Schäfer/VfL Wolfsburg (24/1) - Rolfes/Bayer Leverkusen (26/17), Jones/Schalke 04 (27/3) ab 46. Marin/Borussia Mönchengladbach (19/4) - 7 Schweinsteiger/Bayern München (24/62), 14 Trochowski/Hamburger SV (24/18) - 11 Klose/Bayern München (30/87) ab 46. Helmes/Bayer Leverkusen (24/9), 18 Gomez/VfB Stuttgart (23/20) ab 57. Podolski/Bayern München (23/60)
England:
James/FC Portsmouth (38/45) ab 46. Carson/West Bromwich Albion (23/2) - Johnson/FC Portsmouth (24/10), Upson/West Ham United (29/12), Terry/FC Chelsea (27/48), Bridge/FC Chelsea (28/32) - Wright-Phillips/Manchester City (27/22) ab 90.+3 Crouch/FC Portsmouth (27/21), Carrick/Manchester United (27/17), Barry/Aston Villa (27/26), Downing/FC Middlesbrough (24/21) - Defoe/FC Portsmouth (26/18) ab 46. Bent/Tottenham Hotspur (24/2), Agbonlahor/Aston Villa (22/1) ab 77. Young/Aston Villa (23/1)
Schiedsrichter: Massimo Busacca (Schweiz)
Tore: 0:1 Upson (24.), 1:1 Helmes (63.), 1:2 Terry (84.)
Zuschauer in Berlin: 74.244 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Wright-Phillips



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS