Kunst

Die Lust an der greifbaren Welt

Von Michael Hierholzer

Meister von Flémalle (Rogier van der Weyden?): Bildnis eines feisten Mannes

Meister von Flémalle (Rogier van der Weyden?): Bildnis eines feisten Mannes

21. November 2008 Tiefdunkelblau sind die Wände im Ausstellungsanbau des Städel-Museums gestrichen. Umso strahlender leuchten davor die Werke einer Kunst, die mit den mittelalterlichen Vorstellungen von Repräsentation grundlegend gebrochen hat: Nicht länger sind Gestalten und Gegenstände ungelenke, weltabgewandte, schematische, idealtypische, zeichenhafte Elemente in Kompositionen, die auf die Verhältnisse im Raum keinen besonderen Wert legen. Vielmehr drückt sich überall die Lust an der sichtbaren, wahrnehmbaren, mit den Sinnen greifbaren Welt aus.

Die Bedeutung dieser Schau wurde auch am hohen Besuch deutlich, mit dem gestern Abend das Museum beehrt wurde: Philippe Léopold Louis Marie, Prinz von Belgien, Herzog von Brabant aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha, der Thronerbe also, war zu Gast und sprach bei der Eröffnung der Schau von der Kunst des alten Flanderns als Teil des europäischen Erbes. Die Kunst wird zum Abbild dessen, was der Mensch in seiner unmittelbaren Umgebung erfährt, und in erster Linie sind es die Gewänder, die darzustellen einer jungen Generation von Malern offensichtlich großes Vergnügen bereitet. Neben Jan van Eyck sind es vor allem der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden, die als Hauptvertreter der damals so neuen Richtung gelten.

Wer aber steckt hinter dem Namen des Flémallers? Man vermutete lange Zeit Robert Campin als Schöpfer der einzigartigen Werke, die dem Meister mit dem Notnamen zugeschrieben wurden. Ja: viele Kunsthistoriker identifizierten ihn mit Campin, der in Tournai eine florierende Werkstatt unterhielt. Die von Jochen Sander kuratierte Schau mit etwa 50 erstklassigen Gemälden der altniederländischen Malerei will etwas anderes zeigen: Der Meister von Flémalle, so die These, sei nicht auf einen einzigen Künstler zu reduzieren. In Campins Werkstatt sei der revolutionäre Stil zwar entstanden, allerdings nicht von ihm selber entwickelt, sondern von Rogier van der Weyden, der nachweislich bei ihm gearbeitet hat.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders, Städel, Foto: Artothek, Städel, Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders, Städel, Foto: Christoph von Viràg, Städel, Foto: Jörg P. Anders, Städel, Foto: Kunsthistorisches Museum, Wien, Städel, Foto: Philadelphia Museum of Art, Graydon Wood, Städel, Foto: Staatliche Eremitage, St. Petersburg, www.staedelmuseum.de