21. November 2008 Das hat es in der ruhmreichen Geschichte des Schauspielhauses Bochum noch nie gegeben: dass die Stadt als Intendanten einfach den nächstliegenden nimmt. Und das im Wortsinn: aus Essen, der Nachbarstadt. Denn bisher hat sich Bochum in der Region als Theaterstadt für konkurrenzlos gehalten und dafür über den Rand nicht nur des Ruhrpotts hinausgeblickt, sich in Stuttgart, München, Berlin umgesehen.
Wer in Bochum reüssierte, war reif für die Wiener Burg. Die Leute hier sind begeisterungsfähig, aber sie heben nicht ab. Sie wissen, dass ihre Stadt keine Schönheit“ (Herbert Grönemeyer) ist, aber dass ihr Theater für vieles entschädigt. Nirgendwo sonst ist es noch so sehr Mitte des Gemeinwesens. Schon gar nicht in Essen. Dort gibt es eine Oper, ein Ballett, eine Philharmonie, das Museum Folkwang, das Weltkulturerbe Zollverein. Und das Grillo-Theater. Früher war es selbstverständlich, von Essen ins Theater nach Bochum zu fahren.
Kleine Lösung
Aber das ist vorbei, Bochum ist nicht mehr, wie es war, und Essen auch nicht. Beide sind sich ähnlich geworden und dürften es bald noch mehr werden. Denn gestern hat der Verwaltungsrat des Schauspielhauses Bochum den Regisseur Anselm Weber, der seit 2005 das Schauspiel Essen leitet, zum neuen Intendanten gekürt. Für Weber ist das ein großer Schritt, für Bochum eine kleine Lösung. Dabei hat er in Essen viel bewegt und manches erreicht. Nach den dreizehn unauffälligen Jahren unter Jürgen Bosse hat er das Theater aufgemischt – mit Homestories“, Stadterkundungen, Außenproduktionen, mit Projekten für Senioren, Jugendliche und Migranten, mit Heldenbar“, Poetry Slams und Diskussionen. Die Besucherzahlen stiegen, das Schauspiel ist im Gespräch, dreimal war es bestes Theater in NRW“. Auch junge Regisseure hat Weber geholt, doch aus Talentproben ist selten mehr geworden, nur David Boesch, der noch jeden Klassiker mit Pop aufzumöbeln versteht, gewann Kontinuität und sogar Kultstatus.
Schon gar nicht hat Weber sein“ Theater als Regisseur geprägt. Insgesamt hat er es mehr geöffnet als profiliert. Bochum aber hat andere Ansprüche. Hier wäre ein Neuanfang gefragt, der das Haus auf ein anderes Reflexionsniveau hebt und es unverwechselbar macht. Regisseure dafür sind derzeit rar. Auch in Berlin, Dresden, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München und Wien beginnen 2009/10 neue Chefs. So hätte Bochum mit der Tradition des regieführenden Intendanten brechen und etwas riskieren müssen. Dafür stand Thomas Oberender bereit, ein gescheiter, ästhetisch versierter Kopf, der beste Kontakte und eine Vision hat für Bochum. Doch auch die Kulturpolitik ist hier nicht mehr, was sie einmal war.
Text: F.A.Z.
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