Fonds

Ernüchterung an den Schwellenmärkten

Von Bettina Schulz, London

23. Juni 2009 Sorgen über das Ausmaß einer erhofften Konjunkturerholung und technische Marktfaktoren haben in den vergangenen Tagen auch die Aktienmärkte der Schwellenländer unter Druck geraten lassen. Der MSCI Emerging Market Index, der die 22 größten Märkte der Schwellenländer misst, hat seit seinem Höhepunkt in diesem Jahr schon wieder 10 Prozent eingebüßt - das typische Maß für eine Korrektur nach einer kräftigen Erholungsrally, wie sie die Märkte im ersten Halbjahr noch ergriffen hatte. Manch Schwellenland hat die Korrektur jedoch bereits mehr gebeutelt - wie etwa den russischen Aktienmarkt, der bereits wieder um mehr als 20 Prozent gefallen ist.

Die Korrektur war von den Marktteilnehmern erwartet worden, nachdem in den vergangenen Monaten so viel Geld in die Märkte der aufstrebenden Volkswirtschaften floss wie seit November 2007 nicht mehr. Zehn Wochen lang, bis Mitte Juni, verzeichneten Aktienfonds, die in Schwellenländer investieren, Nettozuflüsse. Ein Grund für den Enthusiasmus war die Erleichterung, dass das Schlimmste der Finanzkrise überstanden sei, sich die Weltkonjunktur noch in diesem Jahr wieder fangen könnte und Schwellenländer wie China die Vorreiter des nächsten Wirtschaftsaufschwungs sein würden.

Vermehrt ETFs im Depot

Bezeichnend ist jedoch, dass immer mehr Investoren ihr Geld nicht mehr in aktiv verwaltete Investmentfonds stecken oder Einzelaktien kaufen, sondern nur noch ETFs, also börsennotierte Fonds, in ihr Depot nehmen. Diese Bewegung setzte bereits in der zweiten Jahreshälfte 2008 ein, als aktiv verwaltete Fonds deutliche Mittelabflüsse verzeichneten, in der gleichen Zeit jedoch ETFs (exchange traded funds) Mittelzuflüsse registrierten.

Diese Entwicklung beschleunigte sich in diesem Jahr. Nach Berechnungen der Credit Suisse wurden von den 29,5 Milliarden Dollar Nettozuflüssen, die in diesem Jahr in Aktienfonds der Schwellenländer investiert wurden, 57 Prozent in ETFs angelegt. Mit Blick auf Lateinamerika waren es sogar 77 Prozent, in Osteuropa etwas weniger, jedoch sind auch dort die Wachstumsraten der ETFs extrem hoch.

Ganze Märkte als Investitionsziel

Das liegt nicht etwa daran, dass mehr börsennotierte Fonds angeboten würden, sondern dass die Investoren offenbar von den hohen Kosten und Verlusten aktiv verwalteter Investmentfonds so frustriert sind, dass sie die billigere und einfachere Variante der ETFs wählen, vermutet Alexander Redman, Aktienanalyst der Credit Suisse. ETFs kommen Anlegern insofern entgegen, als dass der Investor keine Entscheidung mehr fällen muss, in welche Branche er sein Geld stecken will oder gar welche Einzelwerte ausgewählt werden sollen. Mit einem ETF wird einfach der gesamte Börsenindex des Marktes nachgebildet. Im Gegensatz zu börsennotierten Fonds der Industrieländer sind die meisten ETFs der Schwellenländer so konstruiert, dass sie nicht Branchen, sondern ganze Märkte als Investitionsziel auswählen.

Anleger können ETFs auswählen, die übergreifend in alle Schwellenländer investieren. Diese Fonds vereinigen 42 Prozent der in Schwellenländer-ETFs investierten Mittel aus. Investoren können aber auch gezielt auf die BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) oder auf Lateinamerika, Asien (ohne Japan), Osteuropa und Afrika oder gar Einzelländer setzen. Wenn Anleger also hören, dass JP Morgan derzeit erwartet, der indische Aktienmarkt könne nochmals um 15 Prozent zulegen, liegt die Versuchung nah, einfach den Lyxor MSCI ETF auf Indien zu kaufen.

Die Wahl des richtigen Landes

Das neue Anlageverhalten hat jedoch Konsequenzen für die Aktienmärkte der Schwellenländer. Es führt nach Einschätzung von Redman dazu, dass die Einzelwerte an den Schwellenländern eher synchron steigen und fallen werden und es daher für Investoren immer wichtiger wird, das richtige Land auszuwählen. Das gleichgerichtete Verhalten der Aktienkurse eines Landes veranlasse dann auch die aktiv verwalteten Investmentfonds, ähnlich vorzugehen und eine ähnliche Anlagestrategie zu verfolgen.

Da mit dem Verkauf von ETFs ein Markt auch leer verkauft werden kann, bieten die börsennotierten Fonds Investoren die Möglichkeit, gegen Ländermärkte zu spekulieren oder sich mit ETFs gegen einen Verfall der Aktienkurse an einem Markt abzusichern. Die Konsequenz sei freilich, dass damit die Volatilität steige, die Märkte also schwankungsanfälliger würden, warnt Redman.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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