Önder Ciftci, Royal Bank of Scotland

„Es gibt sehr viel Schrott im Zertifikatemarkt“

Önder Ciftci - Royal Bank of Scotland

Önder Ciftci - Royal Bank of Scotland

11. November 2008 Die Lehman-Pleite hat den Zertifikatemarkt in eine Krise gestürzt. Önder Ciftci, Leiter des Zertifikate-Geschäfts der Royal Bank of Scotland, sieht darin eine Chance für die Anlageklasse: Die Kundeninteressen könnten wieder in den Mittelpunkt rücken.

Es gibt immer noch sehr viel Schrott im Zertifikatemarkt, erklärt er. Die Krise werde nun aber dazu führen, dass die Leute genauer hinschauten und sich besser über die Produkte informierten. So werde sich der Markt bereinigen, und das sei gut so.

Herr Ciftci, Sie sind einer der größten Zertifikateanbieter in Deutschland. Will Ihre Produkte derzeit überhaupt noch jemand haben?

Natürlich. Gerade in der jetzigen Marktphase mit hohen Kursschwankungen können zum Beispiel Discountzertifikate zu besonders guten Konditionen erworben werden. Die kaufen viele Kunden.

Der Markt ist aber doch nach der Lehman-Pleite in einer Vertrauenskrise!

Das kann ich nicht leugnen. Ich habe aber eine Zweiteilung beobachtet. Manche Häuser sagen, bei ihnen brennt die Bude. Bei anderen läuft das Geschäft hingegen ruhig weiter.

Ich nehme an, Sie gehören zu der zweiten Gruppe.

So ist es. Wir sind eine ausländische Bank, die in Deutschland keine Filiale hat. Unsere Produkte müssen daher aus sich heraus überzeugen. Wir leben von Selbstentscheidern, die sich bewusst für ein Zertifikat der ABN Amro und nun Royal Bank of Scotland entscheiden.

Und diese Selbstentscheider rufen nun nicht wütend bei Ihnen an?

Nein, es gibt nicht mehr Anfragen als früher auch. Selbstentscheider sind besser informiert. Sie kennen die Risiken der Produkte und verfallen nicht gleich in Hysterie, wenn der Markt gegen sie läuft.

Aber die Lehman-Pleite und der Ausfall der Zertifikate trifft Sie auch?

Es ist natürlich für den Ruf der Anlageklasse zunächst schädlich. Spätestens jetzt wissen aber alle, dass es bei Zertifikaten ein Emittentenrisiko gibt.

Hätte die Branche nicht besser reagieren müssen, die Lehman-Zertifikate zum Beispiel weiterführen oder einen Entschädigungsfonds gründen müssen?

Zunächst einmal ist das Geld für die Kunden ja nicht zwingend verloren. Die Abwicklung aus der Konkursmasse ist aber eine langwierige Sache. Für zukünftige Fälle kann man sich einen Rettungsfonds vorstellen. Die Produkte einfach so zu übernehmen, ist allerdings nicht ganz einfach.

Wie kommt die Branche denn aus dem Schlamassel wieder heraus?

Die Situation bietet für den Zertifikatemarkt eine sehr große Chance, die viele so noch nicht sehen. Ich habe vor zwei Jahren gesagt: Es gibt viel Schrott im Zertifikatemarkt. Für diese Aussage bin ich enorm gescholten und als Nestbeschmutzer bezeichnet worden. Ich sage diesen Satz aber heute wieder: Es gibt immer noch sehr viel Schrott im Zertifikatemarkt. Die Krise wird nun dazu führen, dass die Leute genauer hinschauen und sich besser über die Produkte informieren. Dann wird sich der Markt bereinigen, und das ist gut so.

Wieso konnte sich denn der Schrott so lange halten?

Leider wurden die meisten Zertifikate nicht aktiv von Kunden nachgefragt, also gekauft, sondern sie wurden ihnen von ihrer Bank mehr oder weniger aufgedrängt, also verkauft.

Wieso macht die Bank das?

Sie bekommt ein Zertifikat geschnürt, möglichst so kompliziert strukturiert und so intransparent, dass darin viele Gebühren versteckt werden können. An denen verdient der Vertrieb dann kräftig mit. Wenn die Anreize entsprechend sind, werden die Berater diese Zertifikate auch am Markt unterbringen.

Die Kunden lassen das mit sich machen?

Wie man sieht: ja. Viele Kunden informieren sich nicht gut, und leider werden bei ihnen falsche Erwartungen geweckt. Wenn man allerdings mit der Rendite seiner Staatsanleihen unzufrieden ist und sich in ein kapitalgeschütztes Zertifikat mit einer sehr viel höheren Rendite reinquatschen lässt, ohne sich im Klaren zu sein, dass mehr Rendite auch immer mehr Risiko bedeutet, dann muss ich schon sagen, dass diese Leute lieber von Aktien oder Zertifikaten die Finger lassen sollten.

Sind die Berater nicht auch Schuld?

Natürlich. Wir machen nicht nur mehr als 70 Anleger-Schulungen im Jahr, sondern auch Seminare für Anlageberater. Einige Berater sind sehr gut über Zertifikate informiert, aber leider wissen auch sehr viele Berater nur erschreckend wenig über die Produkte, die sie verkaufen.

Die ja aber auch nicht immer auf den ersten Blick verständlich sind.

So ist es. Es gibt immer noch viel zu viele Zertifikate. Wenn ein Hochleistungsrechner 40 Minuten braucht, um den Preis für ein Zertifikat zu bestimmen, weil dort so viele Parameter eingehen, dann ist das Produkt zu kompliziert. Je simpler, desto besser. Discount-, Bonus-, Index- und einige kapitalgarantierte Produkte reichen völlig aus. Alle anderen Strukturen sind nur Spielerei und machen aus Anlegersicht keinen Sinn.

Der Verkäufer verdient daran aber gut.

Und das wird der Kunde künftig genauer hinterfragen.

Wird es dann nur noch transparente, fair bepreiste Zertifikate geben?

Ich denke, der Trend geht dahin. Neben dem kritischeren Kunden wird auch die Bank sich nicht mehr von den Provisionen blenden lassen und alles an den Kunden verkaufen, was ihnen die Zertifikateemittenten anbieten. Auch angesichts der Klagewelle wegen Fehlberatungen wird hier ein neues Denken einkehren.

Warum sollte ein Anleger überhaupt noch Zertifikate kaufen?

Er bekommt für kleines Geld einen Kapitalschutz je nach seinen Bedürfnissen und partizipiert trotzdem an Kurssteigerungen zum Beispiel am Aktienmarkt. Außerdem kann er in Anlageklassen gehen, die ihm früher verschlossen geblieben sind, viele Rohstoffe, etliche Schwellenländer, Währungspaare und vieles mehr.

Doch die Versprechen nach Kapitalschutz und tollem Bonus wurden nicht immer gehalten.

In der Hausse lief alles gut, aber nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Zertifikate mit riesigen Bonusversprechen fallen jetzt auf die Nase. Der Anleger sollte immer wissen, dass am Kapitalmarkt keine Wunder bei der Geldvermehrung vollbracht werden, auch nicht in der Zertifikateindustrie.

Wo jetzt mit ABN Amro ein etablierter Name verschwindet.

Und als Royal Bank of Scotland sofort wieder auftaucht. Nur der Name ändert sich, sonst aber nichts.

Was hat der Anleger davon?

Durch die Übernahme geht die Vielfalt und Innovationskraft der ABN Amro in der großen, traditionsreichen Royal Bank of Scotland auf. Das passt sehr gut.

Das Gespräch führte Daniel Mohr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

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