Glosse

Quo vadis, Linki?

Von Tilman Spreckelsen

Ein Ort voller Rätsel: Waldkirch im Oberrheintal.

Ein Ort voller Rätsel: Waldkirch im Oberrheintal.

24. August 2008 Eigentlich sollte jeder, der Freiburg liebt, auch Waldkirch im Elztal besuchen. Das ist wie Freiburg in klein, nur ohne Studenten und Straßenbahn, die Stadt breitet sich im Tal zwischen Kandel und Kastelburg aus, der abschüssige Marktplatz steht voller Sonnenschirme und runder Tische, an denen sich die Tage ganz prächtig verdösen lassen. Und wer partout etwas erleben will, der kann sich ja die stattliche Stiftskirche St. Margarethen anschauen, die vom oberen Altstadtrand so würdig auf den Rest herabsieht, als gehörten all diese Häuser eigentlich ihr.

Nichts scheint rätselhaft, wenn man sich nach Waldkirch begibt, doch das Bild ändert sich, wenn man ein paar Schritte aus dem Zentrum das Tal hinaufgeht. Da ist der aufgegebene Friedhof, in dem ein paar alte Grabsteine rund um eine Kapelle stehen. Im Hintergrund turnen Kinder auf Klettergeräten herum, rutschen oder wippen, auf der Außenwand der Kapelle steht gut sichtbar: "Linki + Hirschtraut". Und nichts ist mehr, wie es war.

Eine Liebesgeschichte?

Linki und Hirschtraut, denkt man mechanisch, während man weitergeht, der Linki und die Hirschtraut lieben sich also, wie schön, vielleicht sind sie sich beim Altstadtfest auf dem Markt nähergekommen oder, wie rührend!, nach der Messe in St. Margarethen. Linkis Familie war schon vorgegangen, Hirschtrauts alte Base aber, die das Mädchen sonst immer treu bewacht, war gerade beichten, als Linkis Blick . . . Aber vielleicht ist ja auch Hirschtraut der Junge und Linki das Mädchen, vielleicht sind das Spitznamen, wie sie in einer jener Cliquen üblich sind, die sich nachts auf der Ruine der Kastelburg treffen, um bizarre Rituale abzuhalten? Nein, das Ganze ist wahrscheinlich ein besonders mutiges Coming-out: Seht, Vater und Mutter, Onkel und Tanten, wir, Linki und Hirschtraut, lieben einander und bitten um Euren Segen! Vielleicht aber soll das Fanal an der Kirchenwand Frieden stiften zwischen zwei aufs Messer verfeindeten Familien; man meint das Wispern zu hören, wie es von Linkis Balkon aus durch die Sommernacht dringt: "O Hirschtraut, Hirschtraut! Warum bist Du Hirschtraut! Verleugne Deinen Vater und entsage deinem Namen!" Und dann, kurz bevor der Mönch den verhängnisvollen Trank bringt, sprüht Linki (oder Hirschtraut) noch die Schrift an die Wand, den Capulets und Montagues zur Mahnung?

Solche Gedanken reichen locker aus für den Gang durch Waldkirch und wieder zurück auf den Friedhof. Dort zeigt dann der genauere Blick auf die Kapellenwand, wie banal das Leben ist: Über den beiden Namen stehen Graffiti, daneben ein "©". Eine Sprayergemeinschaft also, die das Gekrakel für sich reklamiert. Schön. Dann kann man ja auch wieder nach Freiburg fahren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche