Wissenschaftsgeschichte

Doppelkompetenzen gefragt

Von Manfred Laubichler

Ein kämpferischer Biologe um 1900: Ernst Haeckel in einer Karikatur.

Ein kämpferischer Biologe um 1900: Ernst Haeckel in einer Karikatur.

27. August 2008 Die größte Herausforderung der heutigen Biologie liegt in der Synthese der Erkenntnisse ihrer Spezialgebiete. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Theorien- und Datenkrise; einerseits fehlen die übergreifenden Theorien und Konzepte, während wir anderseits mit einer Datenflut konfrontiert sind, die sich kaum noch beherrschen lässt. Deshalb ist es dringend erforderlich, die lange vernachlässigten konzeptuellen und theoretischen Fragestellungen der Biologie wieder in den Vordergrund zu stellen. In diese Kerbe schlägt auch der kürzlich veröffentliche Report des National Research Council (NRC) der Vereinigten Staaten, der die theoretische und konzeptuelle Biologie als ein notwendiges Korrektiv zur anwendungsorientierten Forschung sieht.

Nach wie vor ungeklärt ist allerdings, wie sich diese geforderte Neuorientierung der Biologie umsetzen lässt. Die Kommission des NRC setzt auf einen transdisziplinären Dialog aller Beteiligten, vom Molekularbiologen bis zum Ökosystemforscher. Aufgrund der vorherrschenden babylonischen Sprachverwirrung innerhalb der Biologie kann dieser Dialog jedoch nur dann erfolgreich geführt werden, wenn es gelingt, ein gemeinsames Grundverständnis der Biologie des vergangenen Jahrhunderts zu finden.

Die Formatierungskraft der Lehrbücher

Im Rahmen dieser allseits geforderten Neuorientierung der theoretischen Biologie kommt der Wissenschaftsgeschichte eine zentrale Rolle zu. Ohne eine detaillierte Kenntnis der historischen Voraussetzungen experimenteller Forschungsprogramme oder mathematischer Modelle sowie der Grundannahmen einzelner Fragestellungen ist es nicht möglich, den Dialog über die konzeptuellen Grundlagen der Biologie konstruktiv zu führen. Die in der Disziplin selber aktiven Wissenschaftler verfügen meist nicht mehr über genügend Kenntnisse dieser historischen Entwicklungen. Daher bedarf es der Beteiligung der Wissenschaftshistoriker.

Die konzeptuelle und institutionelle Situation der Biologie um 1900 ist hierfür ein gutes Beispiel. Obwohl im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts viele der wesentlichen Eigenschaften des Lebens – die zelluläre Struktur, die Vererbungsgesetze, die Prinzipien der Evolution wie auch der Individualentwicklung – entdeckt wurden, blieb „Biologie“ ein Konzept auf der Suche nach einer Wissenschaft. Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts kam es, nach langwierigen Diskussionen, die den heutigen Debatten frappierend ähnlich waren, zur konzeptuellen Begründung der Allgemeinen Biologie als einer selbständigen Grundwissenschaft. Eine ihrer wesentlichen Errungenschaften waren einführende Lehrbücher, deren inhaltliche Struktur sich bis heute weitgehend erhalten hat. Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass eine von der National Science Foundation geförderte Initiative sich dem „Lehrbuch der Biologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts“ widmet und dass ein historischer Zugang zur Biologie eine wesentliche Komponente dieses Projekts ist.

Wissenschaftsgeschichte als Disziplin

Ein weiteres Beispiel ist die evolutionäre Entwicklungsbiologie, der Versuch, die Erkenntnisse der Evolutions- und Entwicklungsbiologie zu einem besseren Verständnis biologischer Variation einschließlich der Pathologien zu integrieren. Während die Ursprünge dieser Synthese ins neunzehnte Jahrhundert reichen, entwickelten sich diese Gebiete im zwanzigsten Jahrhundert weitgehend unabhängig voneinander. Deshalb haben wir es heute mit unterschiedlichen Konzepten, Experimentalsystemen und Erklärungsansätzen zu tun, die sich ohne Wissen um ihre historisch bedingten Beschränkungen nur schwer integrieren lassen.

Solche Entwicklungen zeigen, dass der historischen Analyse eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung der Biologie zukommt. Darin liegt auch eine große Chance für die Wissenschaftsgeschichte. Zu einer Zeit, in der weltweit neue Forschungsinitiativen begründet und allerorten interdisziplinäre Studienpläne erstellt werden, liegt es jedoch an ihr, sich nicht ausschließlich auf ein Nischendasein als ein geisteswissenschaftliches Orchideenfach zu beschränken. Während der letzten Jahrzehnte entwickelte sich die Wissenschaftsgeschichte allerdings weitgehend in andere Richtungen. Ihre zunehmende Professionalisierung führte zu einer wohl unvermeidlichen Abgrenzung von den Wissenschaften. Heute analysieren Wissenschaftshistoriker die Entwicklung der Wissenschaften unter kultur-, sozial- und literaturwissenschaftlichen, kunsthistorischen oder philosophischen Perspektiven.

Doppelkompetenzen gefragt

Diese Betonung der mannigfaltigen Bezüge, in die Wissenschaft eingebettet ist, führte im Gegenzug dazu, dass die Rekonstruktion der inneren Logik der Wissenschaften vernachlässigt wurde. Dazu trägt auch ein Mangel an wissenschaftlicher Kompetenz unter jüngeren Wissenschaftshistorikern bei, deren Ausbildung in Wissenschaftsgeschichte oder verwandten geisteswissenschaftlichen Fächern nicht mehr jene interdisziplinäre Doppelkompetenz (in Natur- und Geisteswissenschaft) in den Vordergrund stellt, die jedoch die Voraussetzung für einen produktiven Dialog mit den Naturwissenschaften ist.

Eine mögliche Lösung dieses Problems besteht darin, wissenschaftshistorische Abteilungen oder Lehrstühle innerhalb naturwissenschaftlicher Institute einzurichten. Dieses Modell wurde mit großem Erfolg an einigen amerikanischen Universitäten eingeführt. Der enge Kontakt mit Naturwissenschaftlern ermöglicht nicht nur einen kontinuierlichen interdisziplinären Dialog; durch Einbindung der Wissenschaftshistoriker in die naturwissenschaftliche Lehre ergeben sich auch vielfältige Möglichkeiten, neuen Generationen von Wissenschaftlern ein besseres Verständnis der historischen, konzeptuellen wie auch der sozialen Voraussetzungen ihrer Fächer zu vermitteln. Wenn schon im Zuge der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen kein Stein auf dem anderen bleibt, wäre es wohl auch hier einen Versuch wert, diese Art von Wissenschaftsgeschichte vermehrt zu fördern.

Der Autor Manfred Laubichler ist Professor für Theoretische Biologie und Biologiegeschichte an der Arizona State University.



Text: F.A.Z.

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