In jungen Jahren Eltern werden

„Ich hab’ mich eingenistet“

Sehr zufrieden: Daniel Haack mit Sohn

Sehr zufrieden: Daniel Haack mit Sohn

02. Dezember 2008 Daniel Haack wurde mit 17 Jahren Vater, sein Sohn David ist jetzt fünf Jahre alt. Seine Freundin Jennifer Merschieve war 16 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Einmal im Jahr berichten Daniel und Jennifer auf FAZ.NET über ihr Leben mit Kind.

Daniel:

Jennifer Merschieve mit Sohn David und Freund Daniel

Jennifer Merschieve mit Sohn David und Freund Daniel

Ich bin sehr zufrieden. Bei mir läuft alles zurzeit, ich bin jetzt als Reservemann bei der Müllabfuhr. Die ersten fünf Monate war ich im Sperrgut, das war relativ ruhig: Man stellte sich hinten drauf, und dann kam ein Häufchen, und das schob man hinten rein. Jetzt mach’ ich Tonnen, das ist hektischer, da muss man hinter dem Auto herrennen. Die neuen Busse, die wir bekommen haben, haben kein Trittbrett mehr. Man muss laufen, nur wenn mal längere Strecken kommen, kann ich vorne einsteigen.

Einmal die Woche machen wir in der Innenstadt das Kellerrevier, das sind 1180 Kellertonnen in zwei oder drei Stunden. So eine 240-Liter-Restmülltonne, wenn die richtig schön voll ist, kann die gut 180 Kilo wiegen. Und die muss ich dann über die Treppe rausholen. Wenn man die aufsetzt, dann knallt es ganz schön in den Knochen. Ich habe ja während meiner Maurerlehre viel Stemmarbeiten gemacht und Schutt von oben aus Altbauten runtergeschleppt – das ist nichts dagegen.

Wenn ich nach Hause komme, bin ich so fertig, dass ich zwei Stunden auf der Couch liege, weil der Körper am Kribbeln ist. Ich kann das mit dem Mund gar nicht sagen, wie hart das ist. Ich sage meinen Freunden immer: „Ich nehme dich einen Tag mit, dann kannst du dich zwei Wochen lang nicht mehr bewegen.“ Es gibt aber auch Erschwerniszulagen. Insgesamt verdiene ich 1300 Euro netto, ohne Kind auf der Steuerkarte. Das muss ich noch ändern. Die Vaterschaft ist offiziell noch gar nicht anerkannt. Ein Problem ist das aber nicht. Ich muss es nur nachholen. Ich zahle ja auch den Unterhalt, 125 Euro im Monat. Es ist nur eine Formalie.

Eine Woche für 1400 Euro

Mein Geld kriege ich jetzt pünktlich. Städtisch eben. Ich würde da gern für immer und ewig bleiben – im Moment ist mein Vertrag befristet. Ich gehe trotzdem abends noch vier- bis fünfmal die Woche ins Fitnessstudio. Ansonsten bin ich viel bei Kollegen, bei meinen alten Kumpels von früher. Pokern, Playstation spielen, DVD gucken oder einfach so unterhalten. Von denen hat keiner einen Job. Die kacken immer noch ab und kriegen trotzdem jeden Monat ihr Geld, die Hungerleider. Aber ich kann mit denen ein bisschen lachen, Faxen machen, irgendwelche Scheiße labern. Ein paar von denen sagen: „Bring mich auch bei der Müllabfuhr rein!“ Aber ich bin da ja selber nur durch Glück reingerutscht, weil eigentlich Einstellungsstopp ist.

Ich habe meine Maurerlehre Ende 2007 abgebrochen, nachdem ich das dritte Mal beim Arbeitsgericht gewesen war, weil mein Geld nicht kam. Ich habe jeden Monatsersten gesehen, wie die Sozialhilfeempfänger ihr Geld bekommen haben, und ich ging den ganzen Monat arbeiten und bekam gar nichts. Dann war ich einen halben Monat arbeitslos und zum 4. 1. 2008 habe ich bei der Müllabfuhr angefangen. Mein Vater arbeitet da schon seit 18 Jahren, und er hat denen erzählt, dass ich Probleme habe und unbedingt einen Job brauche. Na, und dann ging das klar.

Alle sind jetzt stolz auf mich. Und ich bin total motiviert. So eine Chance gibt es nur einmal. Ich habe jetzt alles. Immer pünktlich mein Geld, meinen geregelten Alltag, komme nach Hause, esse, dusche, lege mich eine Stunde hin, unternehme was mit meiner Familie. Dann gehe ich abends zum Sport, und das ist mein Leben. Wir fliegen sogar in Urlaub nächsten Sonntag, jetzt kann man sich so was auch mal leisten. Nach Cala Milor. Wir sparen zwar eigentlich für ein Auto, aber egal. Das haben wir uns jetzt gegönnt. Eine Woche für 1400 Euro.

Um auf andere Gedanken zu kommen

Ich boxe gar nicht mehr. Vom Boxen bin ich nämlich runtergegangen wie Sau, auf 79, 78, 77 Kilo, ich konnte nichts dagegen machen, sah aus wie ausgelutscht, die Knochen kamen mir raus. Und ich musste da immer um Kämpfe betteln. Ich wollte unbedingt in den Ring, und der Trainer meinte immer: „Nein, du hast dich nicht unter Kontrolle.“ Er sagte, ich sei zu aggressiv für richtige Wettkämpfe. Denn ich habe den Tyson-Style gezogen, bin in den Ring gegangen und habe Haken geschlagen. Ich habe nicht sauber geboxt, sondern immer versucht auszuknocken. Der Trainer aber wollte Punkteboxer, Felix-Sturm-mäßig. Ich war zu bissig. Ich bin da rangegangen wie ein Kampfhund. Mit David kabbele ich auch viel – wir kämpfen. Danach ist er ganz verrückt. Ich bin dann der Gorilla oder sein Hund, und dann muss er auf meinen Rücken und darf durch die Bude reiten.

Es ist harmonisch. Mit Jenny streite ich selten, und wenn, dann wegen einer Mücke, aus der ein Elefant wird. Zum Beispiel macht sie voll Theater, wenn ich duschen war und mein Handtuch nicht aufgehängt habe. Dann sage ich immer: „Wenn du jetzt sowieso schon da stehst, warum machst du es nicht einfach selbst?“ Dann steht sie davor, eine Handbewegung würde genügen. Und ich liege auf der Couch, muss aufstehen, muss es falten und aufhängen. In solchen Situationen kriege ich einen Anfall. Dann hau’ ich ab, zu meinen Eltern, um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn ich dann wiederkomme, so nach zwei Stunden oder so, habe ich mich abreagiert und bin wieder gut drauf.

Ich würde trotzdem hierbleiben

Wenn Jenny und ich was unternehmen, ist es immer schön. Wir fahren schwimmen oder in die Stadt, wir sind Schnäppchenjäger. Ich kauf’ immer Klamotten, Jenny kauft Pflegeprodukte, alles in dreifacher Ausführung, und der Junge kriegt auch immer eine Kleinigkeit. Oder wir gehen Minigolfen, Bekannte besuchen, Eis essen – alles Mögliche.

Im Haushalt mache ich jetzt auch mehr. Denn Jenny geht ja auch arbeiten, und dann hat sie den Jungen, den kompletten Haushalt – das ist auch etwas viel. Ich helfe beim Essenvorbereiten, beim Tischdecken, ab und zu helfe ich mal mit dem Spülen oder dem Abtrocknen, und den Müll bringe ich raus. Aber das muss nicht zur Gewohnheit werden. Sonst fühle ich mich nicht mehr so männlich. Ich fange nicht an, hier zu putzen. Denn ich gehe auch hart arbeiten, und vor allem kenne ich das von zu Hause so, dass mein Vater arbeiten geht und bedient wird. Der braucht nicht anzufangen, irgendwie den Staubsauger zu schwingen. Er ist ja der Mann. Das hört sich jetzt heftig an. Aber meine Mutter macht den Haushalt und geht bloß auf 400-Euro-Basis arbeiten.

Ich glaube, dass Jenny glücklich ist. Sie hat jetzt das, was sie sich immer gewünscht hat: dass wir uns mal was leisten können und dass wir was unternehmen. So, wie es sein muss. Ich liebe sie. Und selbst wenn ich nicht zufrieden wäre – damit müsste ich mich abfinden. Ich würde trotzdem hierbleiben. Ich habe mich jetzt eingenistet.

Lesen Sie hier Jennifers Sicht der Dinge

Aufgezeichnet von Katrin Hummel



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Peter Grewer

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