Der Vater am 29. Juni 2007

„Sie weiß, wie sie mich kriegt“

Von Daniel Haack

Auf dem Spielplatz

Auf dem Spielplatz

05. Juni 2007 „Ich hab’ sechs Kilo Muskelmasse abgenommen, wiege jetzt noch 81. Ab 82 fängt ’ne andere Gewichtsklasse an, da muss ich drunter bleiben. Ich gehe fünf Mal die Woche zum Boxen – bevor ich irgendwie hier abkacke oder so. Meine ganzen Kollegen sind da drin. Wir boxen in der Bezirksliga, und ich will jetzt so schnell wie möglich gute Gegner vor die Fäuste kriegen, ich hab’ in meiner Gewichtsklasse schon alle durch. Fitness mache ich zur Zeit nicht mehr – ich hab’ mir einen Jahresvertrag andrehen lassen und war dann noch zwei Monate da. Vielleicht geh’ ich mal wieder hin, obwohl, vom Boxen wird mein Körper auch schön. Nicht so aufgepumpt, dann bin ich auch schneller.

Es läuft alles. Ich bin jetzt noch eine Woche auf dem Lehrbauhof, dann ist wieder drei Wochen Berufsschule, dann drei Wochen im Betrieb: Sanierung, Flickarbeiten, kein Neubau. Ich hab’ mir den Ausbildungsplatz erarbeitet, ich hab’ da sechs Monate lang Praktikum gemacht. Das war nicht leicht, da wurde ich richtig ausgelutscht. Ich bin auch jetzt nicht zufrieden, der zahlt nicht pünktlich, ich hab’ mich schon bei der Gewerkschaft angemeldet und die haben Mahnungen hingeschickt. Ich hab’ seit zwei Monaten kein Geld gekriegt.

Wir wirken gut auf andere Leute

Jenny, Daniel und Sohn David

Jenny, Daniel und Sohn David

David, desto älter der wird, desto schöner wird’s. Man kann sich auch schon komplett mit dem unterhalten. In der Kita kommt er auch gut klar, er ist so wie ich. Anpassungsfähig, wir wirken gut auf andere Leute. Ich bin ein cooler Vater, man merkt, dass ich noch jung bin: Heute lag ich auf der Couch, hab’ Fernsehen geguckt, er war da am Toben mit seinem Ninjaschwert, und ich sag’, ich bin verletzt, du musst mich decken. Dann bin ich wieder gesund. Hab’ da selber Spaß dran, ich weiß nicht, ob andere Väter auch so sind. Zum Beispiel, wenn er ein neues ferngesteuertes Auto bekommt, muss ich das erstmal warm fahren und so.

Mit Jenny geht’s schon besser jetzt, wir wollten ja auch in den Urlaub mit meinen Eltern, aber mein Opa ist krank, und meine Eltern müssen zahlen, und deswegen können sie jetzt doch nicht mit. Ohne meine Eltern können wir natürlich auch fahren . . . Aber ich will mir auch eine Tätowierung machen lassen, ich habe schon einen Termin zum Aufzeichnen, und danach wird es in vier bis fünf Sitzungen gemacht. Das kostet 500 Euro, davon könnte man ja auch schon in Urlaub.

Ich tu richtig schwer tragen

Es gibt nicht mehr so viel Theater. Bloß liegt sie immer so früh im Bett, sie ist ’ne Oma. Ich bin ein Opa für sie, weil ich körperlich kaputt bin nach der Arbeit, mir tut der Rücken weh, obwohl ich aufpasse auf meine Körperhaltung. Ich sag’ dann, ich tu richtig schwer tragen, und du tust bisschen tippen und sitzt auf deinem Arsch. Sie arbeitet auch weniger, von halb neun bis halb drei, und ich von sieben bis vier. Das will sie nicht kapieren, ich brauch das, das Ausruhen nach der Arbeit, wenn ihr das nicht passt, dann Pech. Das geht mir aber auf die Nerven, gerade, wenn ich so wie jetzt vier Wochen Schule hatte, danach muss man erst mal wieder reinkommen in die körperliche Arbeit.

Ich mach’ jetzt die drei Jahre, das ist das Wichtigste. Die Firma übernimmt aber nicht. Ich weiß noch nicht, ob ich mich danach bei einer anderen Maurerfirma bewerben soll. Ich würd’ auch gerne zur Stadt gehen, wo mein Vater ist. Mit dem Gesellenbrief kann ich mich da gut bewerben, besser als vorher, ich hab’ ja nicht mal den Hauptschulabschluss.

Ich liebe sie. Nicht manchmal, sondern natürlich.

Andere Frauen sind für mich tabu jetzt. Ich hab’ auch keine Zeit, das wär’ zu stressig, und auch so macht man das nicht. Das hat Jenny nicht verdient. Manchmal zählen eben auch andere Sachen, nicht nur Sex. Ihr Alles, ihr Mensch, dass sie für mich da ist, ihr Halt, ihr Anlehnen. So was find’ ich schön. Das wollte sie früher auch schon von mir, da konnte ich ihr das nicht geben. Ich liebe sie. Ja. Nicht manchmal, sondern natürlich. Über alles. Ich kann’s mir einfach nicht mehr anders vorstellen. Ich bin abhängig. Wenn ich sie nicht mehr lieben würde, würd’ ich trotzdem hier bleiben wollen. Das sag’ ich ihr auch.

Wie die Orgelpfeifen: Jenny, Daniel und David

Wie die Orgelpfeifen: Jenny, Daniel und David

Streiten tun wir uns eigentlich trotzdem jeden Tag. Letzte Woche hat sie mich aufgezogen, dass sie was mit meinen Kollegen auf Laufen hat. Sie hat gesagt, „die wollen mich alle haben“. Sie weiß schon, wie sie mich kriegt. Dann dreh’ ich hier ab, dann hab’ ich mich nicht unter Kontrolle. Am besten wär’s, wenn ich einen Boxsack hier hätte, ich fang dann richtig an zu zittern vor Wut. Sie ist so krank, sie merkt das nicht. Ich sag’, ich schlag die ganze Wohnung kaputt, wenn du nicht aufhörst. Das können sich andere nicht vorstellen, wie die sein kann, ein Teufel im Engelskostüm. Sie wirkt so vernünftig, aber das ist nur Fassade.

Ich bin auch ein fieser Hund

Ich hab’ dann vor die Wand gehauen und vor die Türen, das ist auch nicht schön. Der Kleine hat zwar geschlafen, aber trotzdem. Eigentlich war es ja ’ne Mücke, und die wurde immer größer. Aber ich bin auch ein fieser Hund, manchmal erschrecke ich mich vor mir selber. Ab und zu bin ich ein bisschen zu asozial zu ihr, da nehm’ ich zu viel von andern an. Die Jungs haben ja ganz andere Manieren, manchmal denkt man dann, dass das auf eine Art richtig ist, wie von Christen zu Moslems. Ich will manchmal einfach Recht behalten, und dann mach’ ich alles kaputt. Ich drohe ihr dann, ich will die erschrecken, es gibt keinen neuen Vater für meinen Jungen. Das gibt’s nicht, so was. Sie glaubt mir das nicht, sie lacht sich kaputt, wenn ich ihr drohe. Sagt, was für Gedanken hast du, das hört man ja nicht mal im Fernsehen. Und natürlich würde ich sie nie verletzen, sie ist die Mutter meines Sohnes, ich verehre die Frau. Wenn sie so vor mir rumläuft, so sexy . . . Und dann macht’s bei beiden Klick und wir liegen wieder Arm in Arm vor dem Fernseher.

Ab und zu kommt sie dann und sagt, wir passen nicht mehr zusammen, wir haben uns auseinander entwickelt. Ich sag’ dann, hör’ auf, das meinst du doch nicht ernst. Dann sagt sie, nein, ich wollte nur mal testen, ob du eifersüchtig bist.

Manchmal erschrecken die vor mir

Diese Paartherapie, ich hatte keinen Bock auf den Scheiß. Die Alte hat zu Jenny gehalten, das darf die gar nicht. Ich hab’ da ein paar blöde Sprüche gelassen, da hat sie sich auf mich gestürzt. Aber ich lass’ mir doch nicht einen erzählen von einer, die ich erst einmal gesehen hab’. Der vertraue ich nicht. Manchmal erschrecken die auch so vor mir.

Ich bin glücklich, ich hab’ alles, den Führerschein, ein Auto, Arbeit, einen geregelten Tag, ich geh’ nicht abends schlafen und denk’, ich hab’ keine Zukunft. Das merke ich auch an meiner Haut, zur Zeit ist die gut. Ich glaube aber, Jenny ist nicht so glücklich im Moment. Wegen mir. Weil sie sich das manchmal anders vorstellt. Vor allem wegen dem Geld. Ich denk’ manchmal, die wär ein Geier. Ich verdiene 435 Euro im Monat, und Jenny sagt immer, ich versaufe alles. Aber das stimmt nicht, ich trinke ja nur Kiba, da kostet einer zwei Euro – die Leute gucken manchmal, aber ich fühl’ mich cool. Von dem Geld geh’ ich essen, tanken und Fluppen kaufen.

Sie braucht nicht so 'nen kleinen Arschlecker

Wenn sie sich so beklagt, dann sag’ ich, such dir doch ’nen Anderen. Aber ich glaube, dass ich der Richtige für sie bin. Sie hat ja auch noch nie was anderes ausprobiert. Ich wünsche, sie hätte mal. Damit sie versteht, dass wir gleich sind. Sie braucht nicht so ’nen kleinen Arschlecker, sondern einen, der ihr sagt, wo der Weg langgeht. Sonst ist es ihr zu langweilig.“

Protokoll: Katrin Hummel



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Peter Grewer

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