27. August 2008 Wenn das definitiv älteste Filmfestival der Welt in der definitiv historischsten Festspielstadt der Welt seine fünfundsechzigste Ausgabe begeht, dann bedeutet das ein würdig erreichtes Rentenalter für einen Menschen - aber einen Klacks für das uralte Italien. Das überkandidelte Ballyhoo um vergängliches Zelluloid ist eine Verkaufstechnik, welche das Kino erst ins Kulturleben eingeführt und damit andere Branchen übel infiziert hat: Wer am lautesten schreit, wer die beste PR-Strategie hat, wer am wildesten feiert und am schamlosesten in die Objektive grient, der kassiert ab.
Was ist gegen den medialen Laufsteg des Lido ein banaler Goldlöwe? Was bedeutet die ästhetische Vision eines Regisseurs gegen den Rummel um vermeintliche Starakteure, die doch nur die Texte anderer aufsagen? Die Filmfestspiele in der Kulissenstadt Venedig sind immer noch der Ort, an dem die Flitterhaftigkeit des Gewerbes am besten zu erleben ist.
Pitt und Clooney, leibhaftig
Da fügt es sich, dass diesmal mit Wim Wenders ein ewig suchender Kino-Ästhet der Jury vorsitzt, der weiß, dass es nur ein Staubsaugerverkäufertrick ist, wenn heute Abend Staatsschauspieler wie Brad Pitt und George Clooney den Großen Saal am Lido mit ihrer Leibhaftigkeit beehren. Burn After Reading, ein surrealer Agententhriller der Brüder Coen, läuft ohnehin außer Konkurrenz. Welchen Stellenwert hat dann noch der Wettbewerb um den Hauptpreis, wenn die Prominenten und Glamourösen dankend abwinken? Wenn Italiens Medien um einen Wiederaufguss einer Siebziger-Jahre-Komödie von Adriano Celentano - oder gar das mögliche Erscheinen des sibyllinischen Schlagerstars - spekulieren wie über keine Regierungskrise? Was sagt uns die Koinzidenz von Mode und Kino in einem jetzt schon gefeierten Dokumentarfilm über den Couturier Valentino über die cineastische Sommersaison? Wohl, dass die ephemeren Qualitäten der Rocklängen und Wäschefarben längst auch aufs Kino durchgeschlagen haben. Immerhin: Maestro Valentino wird - gut gebräunt und entschlackt aus der Meraner Traubenkur - mit seinen Fans sich selbst anhimmeln kommen.
Dass der eigentliche Wettbewerb neben den Armbanduhren der Claudia Schiffer, neben den Nobel- und Charityfeten in venezianischen Palazzi fast in Vergessenheit gerät, lastet ein deutsches Wochenmagazin der aufdringlichen Präsenz italienischer Filme an. In Italien ist man ziemlich sauer über die Herabsetzung des hauseigenen Filmschaffens, das nach den spektakulären Erfolgen von Gomorra nicht nur der neue Kulturminister Bondi schwer im Aufstieg sieht. Doch übersehe man ob der ewigen Polemik, ob denn Hollywood - Amerika ist immerhin fünfmal im Rennen - oder Fernost - vier Nominierungen - oder gar Alteuropa wichtiger sei, nicht die erfreuliche deutsche Präsenz, wie es sie in den Vorjahren nicht zu verzeichnen gab. Werner Schroeter präsentiert die französische Koproduktion Nuit de chien, und Jerichow von Christian Petzold führt in die Tiefen der ostdeutschen Provinz.
Gähnen unterm Strandschirm
Die eigentliche gute Neuigkeit dieses Festivaljahrgangs ist allerdings so alt, dass die meisten Italiener darüber spätsommerlich unterm Strandschirm gähnen. Kulturminister Bondi wird den Grundstein für den nagelneuen und spektakulär postmodernen Palazzo del Cinema auf dem Lido legen. Diese dringend erforderliche Strukturmaßnahme wird - so die römische Repubblica - uns jedes Jahr seit vierzig Jahren angekündigt.
Das ist für Optimisten, zu denen Kinoliebhaber quasi von Berufs wegen Saison für Saison zählen, freilich kein Grund, dass es diesmal wieder nicht klappt. Minister Bondi ist von der Berlusconi-Regierung nämlich bereits so furchtbar viel Geld aus seinem eh schon kleinen Etat gestrichen worden, dass er die verbliebenen und genehmigten Groschen gewiss sorgsam verwendet - und das umso erfreuter, als die reiche Region Veneto einen Großteil der Kosten des gläsernen Filmpalastes, der auch als Kongresszentrum nutzbar sein soll, übernehmen wird. Das ist die schönste Botschaft: Auch Rentner dürfen noch träumen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
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