Filmfestival Venedig

Was passiert, wenn Stars blödeln?

Von Verena Lueken, Venedig

Die Stars des ersten Tages: George Clooney und Brad Pitt

Die Stars des ersten Tages: George Clooney und Brad Pitt

28. August 2008 Es gab einmal eine Zeit, da nahmen Stars sich noch ernst. Domenico Modungo zum Beispiel, Sängerstar der fünfziger und sechziger Jahre. Aus vollem Herzen singt er uns in „Tutto è musica“ sein Leben und seine Liebe zum Leben vor. Modungo drehte und sang dieses Werk 1963 – der Film ist Teil eines Querschnitts durchs italienische Kino, den das Festival in diesem Jahr bietet –, ließ die Kamera Bilder glücklicher Kinder und betrunkener Clowns einfangen, hielt das Mikrofon an Lastermotoren und Lötkolben, und dennoch käme niemand auf die Idee, er mache sich lustig über sich, über uns, übers Kino.

Die dargebotenen Schnulzen stecken seitdem im Ohr, aus dem sie sich durch ununterbrochenes Weiterdudeln zu befreien suchen, und selbst ältere Italiener, die im Publikum offenbar ihrer Jugend wiederbegegnen wollten, hielten das nicht lange aus. Aber der Film erinnerte daran, dass es nicht immer so war, dass Stars so groß gemacht wurden, dass sie, wenn sie halbwegs bei Sinnen sind, die eigene Karikatur immer schon vor sich hertragen.

Vollendung der „Idiot Trilogy“

George Clooney und Brad Pitt sind solche Superstars, dass sie es gar nicht mehr anders mit sich (und uns) aushalten als selbstveräppelnd. Und die Coen-Brüder wissen so genau, wie Kino funktioniert, dass sie mit solchen Stars gar nicht anders arbeiten können als satirisch. Für Clooney ist das nach „O Brother Where Art Thou“ und „Intolerable Cruelty“ die Vollendung der gemeinsamen „Idiot Trilogy“. Noch während der Arbeit an „No Country For Old Men“ schrieben die Coens also für ihn, Pitt, Frances McDormand, Tilda Swinton, Richard Jenkins und John Malkovich die Spionage-Komödie „Burn After Reading“, mit der die Filmfestspiele am Lido offiziell und außerhalb des Wettbewerbs am Mittwochabend eröffnet wurden.

Was passiert, müssen sie sich gefragt haben, wenn wir diese Schauspieler nehmen, eine Geschichte erfinden, in der die Welt der CIA mit dem Universum von Fitness- und Schönheitswahnsinn aufeinanderstößt, Internet-Dating ins Spiel kommt und das alles mit den Problemen verwoben wird, die Menschen mittleren Alters so haben, Identitätskrisen, zerfallende Ehen, Torschlusspanik? Es wird ziemlich komisch, so viel war wohl von Beginn an sicher, und es erlaubt den Superstars, bedingungslose Vollidioten zu spielen.

Schlaffe Kinnpartie

Für sie, wenn man ihnen glauben will, begann alles mit den Haaren. Clooney trägt einen gestutzten Bart, wie ihn Männer sich zulegen, wenn sie verbergen wollen, dass die Kinnpartie schlaff wird. Er spielt einen Polizisten, den wir nie im Dienst sehen, und Tilda Swintons Liebhaber (und den Liebhaber vieler anderer Frauen aus dem Internet, unter anderen Frances McDormand).

Brad Pitt hingegen ist rasiert, aber seine mit blondierten Strähnen durchzogene Frisur steht irgendwie nach oben, was sein gutes Aussehen nahezu vollständig zerstört, und er arbeitet mit Lust und Erfolg daran, die Reste durch dämliche Mimik, ständiges Kaugummikauen und die Körpersprache eines Fitnesstrainers (das ist seine Rolle) ebenfalls kleinzukriegen. Anders als in der „Ocean’s“-Trilogie von Steven Soderbergh, wo die zwei auch gemeinsam spielen, löschen die Coens in diesem Film tatsächlich jeden Glamour aus, und kämen wir von einem anderen Stern, glaubten wir nie, dass alle Welt stöhnt, wenn die beiden Herren in der Nähe sind.

Ziemlich dumme Dinge

Frances McDormand, die wie Pitt in einem Fitnessclub arbeitet, will durch vier kosmetische Operationen eine andere werden, und dass im Studio eine CD gefunden wird, die offensichtlich geheime Informationen enthält, die sich – vielleicht an die Russen? – verkaufen lassen, scheint sie ihrem Traum näher zu bringen.

Malkovich seinerseits hat gerade seinen nicht sehr hochrangigen Job bei der CIA verloren und erwägt, seine Memoiren zu schreiben. Tilda Swinton, eisig und elegant, ist seine Frau, schläft mit Clooney und will die Scheidung. Nur Pitt, der die CD gefunden hat, will eigentlich nichts, bis Frances McDormand ihn darauf bringt, dass mit der Sache vielleicht Geld zu machen sei. „Berichten Sie wieder, wenn das alles einen Sinn ergibt“, sagt der höchste CIA-Beamte, als er von der geheimen CD und den Erpressungsversuchen erfährt. Dann beweist sich die Leistungsfähigkeit der Agentur, Leichen spurlos verschwinden zu lassen. Das Ganze spielt in Washington D.C., und ein nicht geringer Teil der Komik verdankt sich der Tatsache, dass all diese Leute ziemlich dumme Dinge tun und Ehebruch zur Tagesordnung gehört, aber keiner von ihnen Politiker ist.

Eröffnungsfilme, wenn sie außer Konkurrenz laufen allemal, müssen nichts weiter können, als die Laune zu heben und für Aufgeregtheit in den Medien und beim Publikum zu sorgen, damit sich die Sponsoren freuen. „Burn After Reading“ tut all dies. Auch wenn er bei weitem nicht so böse ist, wie die Coen-Brüder sein können, tut er aber auch noch etwas anderes. Er kommt mit den Stars, nach denen alle gieren, und was wir kriegen, sind Blödmänner.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS