21. Juni 2009 Samstagmorgen im Fahrerlager von Silverstone: Selbst das Wetter passt zur 59jährigen Formel-1-Geschichte in England. Ein kühler Wind treibt Wolken über die Rennstrecke. Alle Motorhomes stehen auf den Zentimeter genau geparkt auf den zugewiesenen Stellplätzen. Fahrer, Mechaniker, Ingenieure, Teamchefs bereiten sich nach den über die Jahre eingeschliffenen Ritualen auf das Qualifikationstraining vor. Alles läuft also nach Plan, auf die Sekunde genau. Die Formel 1 dreht sich so präzise wie immer.
Doch in den Hirnen unter vielen Helmen, in den Köpfen von acht Teamchefs tickt sie seit Freitagmorgen anders. Seit die Rennställe der Teamvereinigung Fota beschlossen haben, einen eigenen Kurs zu fahren, sich aus der heutigen Formel 1 zu verabschieden, um eine neue zu etablieren: Wir hatten keine Garantien, dass die von Max Mosley (dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes Fia) versprochenen Zugeständnisse auch eingehalten werden“, sagt Ross Brawn, Chef des gleichnamigen Rennstalls, gewohnt ruhig: Wir mussten es tun als ultimativen Schritt, um die Formel 1 zu retten, wie wir sie alle mögen. Sie gehört nicht der Fia, nicht den Teams. Sie gehört uns allen.“

Solisten entdecken die Macht der Gemeinschaft
Brawn hat ein neues Selbstverständnis der Teams formuliert. Jahrzehntelang hielten die Teams mit hohen Investitionen die Formel 1 in Schwung, wurden zwar fürstlich honoriert, aber immer gelenkt von Mosley, dem 69 Jahre alten Briten, und dem Chefvermarkter Bernie Ecclestone (79). Zuletzt auf Kurse, die sie nicht mehr fahren wollten. Nun haben ausgerechnet ausgewiesene Solisten die Macht der Gemeinschaft entdeckt. Nach Jahrzehnten als egoistische, zerstrittene und deshalb politisch relativ einflusslose Einzelgänger bündeln sie erstmals ihre Kraft. Das hatten sie sich selbst kaum zugetraut. Umso größer ist das neue Selbstbewusstsein, die Aufbruchstimmung: Warum müssen wir uns von zwei alten Männern dirigieren und schikanieren lassen“, sagt ein Fota-Mitglied, wenn wir den Sport machen, wir die Autos bauen, die Fahrer und Sponsoren holen. Wir kommen auch ohne Max und Bernie aus.“
Angeblich viel besser: Wir glauben“, erklärt McLaren-Mann Martin Whitmarsh, den Sport großartiger gestalten zu können als je zuvor.“ Der Fota schwebt eine Runderneuerung eines äußerlich glänzenden, aber innerlich veralteten Sportbetriebes vor. Es ist schon lange klar, dass die Formel 1 dringend modernisiert werden muss“, sagt Xander Heijnen. Der Niederländer war am 2005 kurz vor der Umsetzung gescheiterten Versuch der Hersteller beteiligt, eine Konkurrenzserie auf die Beine zu stellen. Geblieben sind die Erkenntnisse einer 500 Seiten starken Analyse: unter anderem die (auch von Mosley) angestrebte Reduzierung der Kosten, aber vor allem eine Mitbestimmung bei der Entwicklung der Regeln, eine transparente Überwachung, eine bessere Vermarktung, einen größeren Anteil der Teams an den Einnahmen, deutlich geringere Eintrittspreise.
Erst im Herbst kann die Fota ein Konzept präsentieren
Mit Mosley scheint das nicht möglich. Der Brite, laut Fia-Sportcodex zurzeit allmächtig in Regelfragen, bot den Fota-Teams zwar Gespräche an, verlangte aber zuvor die verbindliche Einschreibung für die Saison 2010 am vergangenen Freitag. Ohne Garantien war das nicht machbar“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Die Kollegen nicken. Sie wissen um die Konsequenzen ihrer Ankündigung. Zwar gibt es noch die alten Pläne. Aber die neuen Bedingungen erschweren die Umsetzung. Denn Banken gewähren kaum noch Kredite, Sponsoren reduzieren ihre Budgets, und Automobilkonzerne werden es vermeiden wollen, der Öffentlichkeit in der Absatzkrise Bürgschaften für ein neues Formel-1-Projekt erklären zu müssen. Bis zum Herbst wird es laut Heijnen dauern, ehe die Fota ein Konzept zur Vorlage präsentieren kann. Es gibt einen Hauch von Aufregung und Sorgen“, räumt Whitmarsh ein. Er bedauert die Entwicklung. Wieder nicken Kollegen wie Brawn und Horner. Am liebsten würden sie bleiben. Dann aber müsste zunächst Mosley weichen.
Kampfeslustig hat sich der Fia-Boss in Silverstone präsentiert. Attacken scheinen seine Lust auf einen Schlagabtausch zu steigern. Aber das Systemspiel von Mosley, divide et impera“, teile (deine Feinde) und herrsche“, funktioniert nur noch rudimentär. Williams, das macht Geschäftsführer Adam Parr deutlich, gehört der Fota nicht mehr an, weil sich der Privatier in seiner Not vertraglich an die Fia und den Vermarkter Ecclestone gebunden hat. Force India geht es ähnlich. Die anderen acht hat Mosley zwar angegriffen, aber mit seinen altbewährten Methoden kurioserweise zusammengeschweißt, anstatt sie zu trennen.
Kein Spielraum mehr für Mosley
Als der Streit um den Diffusor am Boliden von Brawn im März entbrannte, wähnten Insider die Fota am Ende. Denn die Fia wies Klagen von Ferrari, Red Bull und BMW gegen die Konstruktion am bislang erfolgreichsten Auto zurück. Früher wären die Fetzen geflogen. Diesmal überstand die Fota die Nagelprobe glänzend. Die Erklärung ist simpel: Seit die Erzfeinde Jean Todt (Ferrari) und Ron Dennis (McLaren) abgetreten sind, reden höfliche, freundliche Menschen in Führungspositionen miteinander, die noch keine Verwundungen aus den Kämpfen vergangener Jahre davongetragen haben. In einer entspannten Atmosphäre begriff die Fota die Gefahr und rührte seit September den Leim für ihr Bündnis: Den kleineren Teams wird geholfen“, sagt Brawn, ohne Mercedes wären wir nicht hier. Toyota hat etwa mit Rücksicht auf uns seine Windkanalzeiten reduziert.“ Im Grunde wendete die Fota das Mosley-Prinzip leicht abgewandelt gegen ihren Gegner an: Teile – im eigenen Kreis – und herrsche (gemeinsam).
Mosley überholt? Seine ersten Reaktionen verstärken den Eindruck, dass diesmal kein Spielraum mehr bleibt für die Winkelzüge der Vergangenheit. Der Fia-Boss kündigte juristische Schritte gegen die Fota und gegen Ferrari wegen angeblicher Verstöße gegen das Vertrags- und Wettbewerbsrecht an. Solange diese Auseinandersetzung schwelt, werde auch die Liste mit den Startern 2010, eigentlich für diesen Samstag in Aussicht gestellt, nicht veröffentlicht. Mosley hätte wohl nicht viel zu bieten, abgesehen von Williams, Force India und ein paar weitgehend unbekannten Interessenten. Das aber beflügelt einen Mann umso mehr, an seinem Amt festzuhalten: Unter diesen Umständen“, rief er via Medien dem Weltrat der Fia zu, der am Mittwoch in Paris tagt und Mosley überstimmen könnte, kann ich nicht aufhören, ich muss bleiben, solange wir attackiert werden.“ Das Rennen ist noch nicht gelaufen. (siehe auch: Formel-1-Kommentar: Schlacht um die Macht)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS