Vierschanzentournee

Martin Schmitt springt über seinen Schatten

Von Christiane Moravetz, Innsbruck

“Flieger, grüß mir die Berge“

"Flieger, grüß mir die Berge"

04. Januar 2009 Werner Schuster lächelt jedes Mal, wenn er von der Trainer-Plattform aus einen seiner Skispringer in die Spur schickt. Was dann geschieht, liegt nicht mehr in seiner Hand. Als der Bundestrainer am Sonntagnachmittag Martin Schmitt mit der deutschen Fahne abwinkte, als letzten Starter des Bergisel-Springens, da mochte er geahnt haben, dass eine Wartezeit zu Ende ging, die vielen wie eine Ewigkeit erschienen war. Als Dritter des dritten Wettbewerbs der Vierschanzentournee, hinter den Österreichern Wolfgang Loitzl und Gregor Schlierenzauer, stand Schmitt kurze Zeit später zum ersten Mal seit März 2007 (Dritter in Lahti) wieder auf einem Siegespodest im Weltcup. In der Gesamtwertung der Tournee ist er Vierter (776,7 Punkte) hinter Loitzl (822,5), dem Schweizer Simon Amman (806,7) und Schlierenzauer (798,0).

„Bis jetzt“, hatte Loitzl nach dem ersten Durchgang gesagt, „hat Schmitt noch keine zwei guten Durchgänge gehabt, wir können ihn noch einholen.“ Mit einem perfekten Sprung auf 128,5 Meter, zwei Meter weiter als Loitzl, hatte sich der 30 Jahre alte Schwarzwälder im K.o.-Springen an die Spitze gesetzt. Doch auf der Schanze hoch über Innsbruck wird das Feld wie kaum andernorts sortiert: „Der Unterschied zwischen einem guten und einem perfekten Sprung ist am Bergisel eine Welt“, sagt Armin Kogler, ehemaliger Weltklassespringer der Österreicher.

Wolfgang Loitzl wird von einer Welle getragen

Schmitt gelang ein perfekter und ein guter Sprung, die Österreicher zogen vorbei - doch als er endlich wieder einen Pokal in den Händen hielt, da konnte er befreit strahlen. „Ich bin glücklich, dass es heute so gepasst hat, vor dieser Kulisse auf das Podest zu springen“, sagte er. „Es war auch nicht so ohne, nach dem ersten Durchgang da oben zu sitzen“. Auch der Berchtesgadener Michael Neumayer konnte in Innsbruck wieder jubeln: Nach Rang neun in Oberstdorf gelang ihm diesmal mit Platz sieben die zweite gute Platzierung; in der Gesamtwertung ist er Zehnter.

Die beiden Österreicher neben Schmitt auf dem Siegespodest genossen einen besonderen Tag „in unserem Wohnzimmer“ - so ihr Cheftrainer Alexander Pointner. Neun Jahre liegt der bis dahin letzte Erfolg eines Österreichers bei der Vierschanzentournee in Innsbruck zurück (Andreas Widhölzl), und deshalb wollten die 22.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion nicht aufhören zu feiern. Sie bejubelten einen Wolfgang Loitzl, der vor drei Tagen in Garmisch-Partenkirchen seinen ersten Weltcup-Sieg überhaupt erreicht hatte, und der nun erfasst wurde von dieser Welle, die Seriensieger trägt. „Es ist wieder passiert“, sagte der knapp 29 Jahre alte Mann aus der Steiermark, „und es passiert gerade so viel, was ich nie erwartet hätte.“

Bei Simon Ammann mehren sich die Fehler

Nein, einen Tournee-Gesamtsieg hatte er auf keinen Fall erwartet. Aber seit Sonntag ist der in greifbare Nähe gerückt. Bei Simon Ammann, nach fünf Weltcup-Siegen vor der Tournee als hoher Favorit gehandelt, mehren sich die Fehler. Der Schweizer, der mit großem Selbstbewusstsein ausgestattet war, muss nun einem Rückstand hinterherlaufen. Nach Ammanns Sieg in Oberstdorf und Loitzls Erfolg in Garmisch-Partenkirchen waren die beiden „praktisch bei null“, einen halben Punkt nur betrug der Unterschied. Nun ist der Österreicher beinahe 16 Punkte voraus - und ganz Österreich erwartet, dass er am Dienstag in Bischofshofen auf diesem Polster ins Ziel schweben wird. Mittlerweile haben die Skispringer die alpinen Rennläufer sogar bei den Einschaltquoten im Fernsehen überholt.

Loitzl weiß, was er sich und den Fans schuldig ist. „Wir werden nicht verteidigen“, sagte er, „wir werden angreifen. Auch Schlierenzauer hat noch nicht aufgegeben: „Ammann ist auf jeden Fall in Greifweite.“ Bei allem Überschwang - „manchmal sind die Jungs nur schwer zu zügeln“, sagte Toni Innauer, nordischer Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes - bleiben zumindest die Verantwortlichen auf dem Boden der Realität. „Wir werden nie überheblich werden“, sagte Pointner.

Vergessen sind die harten Zeiten bei Martin Schmitt

Dieser Gefahr ist auch ein Martin Schmitt nicht ausgesetzt. Freilich weiß er, dass es nun nur noch ein kleiner Schritt ist bis nach ganz oben. „Man spürt selber, was möglich ist“, sagte er. Er sei stolz, dass es gelungen sei, zur Tournee wieder in der Form zu sein, „wo man der Weltspitze auf Augenhöhe begegnet“. Er wollte sich in Ruhe an die Weltspitze herantasten, doch Martin Schmitt ist sich bewusst, dass dieser Wunsch von der Realität überholt wird. Aus einem kleinen Flackern wird in der allgemeinen Erwartung eine Flamme. Schwächere zweite Sprünge, wie in den bisherigen drei Wettbewerben, werden zu kleinen Katastrophen stilisiert. „Da ist Selbstdisziplin gefragt“, sagte Martin Schmitt, „man darf sich nicht runterziehen lassen.“

Ihm sei klar, dass er in einer Form sei, „dass die nächsten Chancen kommen“. Er sei „am Ball geblieben“, wie er sagte. Von Enttäuschung, dass es noch nicht zum Sieg gereicht hatte, könne keine Rede sein, „ich weiß einen Podestplatz sicher noch zu schätzen“. Trainer Schuster sieht sich und seine Athleten, sieht vor allem Martin Schmitt an einem wichtigen Punkt. „Es gilt, die Dinge zu sortieren und einzuordnen“, sagt er. Eine Tür auf dem Weg, den sie gemeinsam gehen, habe sich hinter ihnen geschlossen - die Tür, die Schmitt wieder unter die besten zehn der Weltklassespringer führte. Und die nächste ist aufgegangen, Schmitt ist zurück in der absoluten Spitze. Und vergessen sind die harten Zeiten: „Letztes Jahr ist lang vorbei“, sagte er, „ich weiß nicht mehr, wie es war.“ (Siehe: Martin Schmitt: „Nur nicht runterziehen lassen“).

Weltcup in Innsbruck, 3. Springen der Vierschanzentournee: 1. Wolfgang Loitzl (Österreich) 261,0 Pkt. (126,5/128,5 m); 2. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 260,3 (126,0/127,5); 3. Martin Schmitt (Furtwangen) 257,7 (128,5/125,5); 4. Matti Hautamäki (Finnland) 253,2 (123,5/128,0); 5. Thomas Morgenstern (Österreich) 250,6 (124,5/125,0); 6. Noriaki Kasai (Japan) 249,0 (124,0/126,0); 7. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 246,5 (124,0/126,0); 8. Simon Ammann (Schweiz) 245,7 (125,5/123,5); 9. Dmitri Wassiljew (Russland) 244,9 (121,5/129,0); 10. Anders Jacobsen (Norwegen) 244,4 (121,5/126,5).

Gesamtwertung, nach dem 3. Springen: 1. Wolfgang Loitzl (Österreich) 822,5 Pkt.; 2. Simon Ammann (Schweiz) 806,7; 3. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 798,0; 4. Martin Schmitt (Furtwangen) 776,7; 5. Dmitri Wassiljew (Russland) 768,9; 6. Harri Olli (Finnland) 766,7; 7. Anders Jacobsen (Norwegen) 766,7; 8. Thomas Morgenstern (Österreich) 753,8; 9. Matti Hautamäki (Finnland) 740,8; 10. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 717,5.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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