21. November 2008 Jochen Behle muss nur zwei, drei Sätze mit ihm wechseln, und dann weiß ich, wie er drauf ist. Denn Tobias Angerer habe eine ausgeprägte Körpersprache, sagt der Cheftrainer der deutschen Ski-Langläufer über einen seiner erfolgreichsten Athleten. Und dieser Tobias Angerer ist gut drauf zu Beginn der neuen Saison, zuversichtlich, optimistisch. Ich hoffe, dass es wieder mehr Schnee gibt als im vergangenen Jahr, sagt er – und lacht. Nein, natürlich weiß Angerer, worauf die Frage abzielt: Dieser Winter soll besser werden als der vergangene, für ihn ganz persönlich. Zwei Jahre lang hatte er die Weltelite beherrscht, zweimal nacheinander den Weltcup gewonnen. Und danach Ergebnisse hinnehmen müssen, die so gar nichts mit seinem Anspruch zu tun hatten. Aber es ist wie im normalen Leben: Es gibt immer wieder so eine Berg- und Talfahrt, mal erfolgreichere Jahre und mal weniger erfolgreiche, sagt er.
Tobias Angerer hat gelernt aus der Situation, auch Behle hat seine Schlüsse gezogen. Schnell war schon im vergangenen Winter der Grund für eher mittelmäßige Ergebnisse gefunden. Ich habe einfach zu viel trainiert, Körper und Geist waren nicht frisch oder auf der nötigen Höhe. Dann bist du gleich mal ein paar Plätze weiter hinten. Dazu ist die Weltspitze zu eng zusammen, sagt Angerer. In der Vorbereitung auf diesen Winter reagierte auch der Trainer: Wir sind im Trainingsumfang bei ihm etwa 800 Kilometer zurückgegangen, erklärt Behle.
Es gibt Wichtigeres im Leben
Und Tobias Angerer blieb zu Hause, nicht immer, aber so oft wie möglich. Während er in den Jahren zuvor mit der Oberhofer Leistungsgruppe um Axel Teichmann bei Cuno Schreyl trainierte, wurde nun wieder der Stützpunkt Ruhpolding die sportliche Heimat des Bayern Angerer. Ich bin ja doch ein Heimatmensch, der mit der Heimat verbunden ist, und will auch möglichst viel Zeit zu Hause verbringen. Er zog in sein neues Haus, zusammen mit Lebensgefährtin Romy, im September kam Tochter Karlotta auf die Welt – und veränderte auch die Sicht des Vaters. Noch ruhiger, sagt er, sei er geworden, habe erkannt, dass es Wichtigeres im Leben gebe als Skilanglauf.
Die Sicht teilt der Bundestrainer: Wenn er eine Familie zu Hause hat, dann wäre es völlig unnormal, ihn nur durch die Gegend zu schicken. Er muss genug reisen. Angerer sei mit seiner Motivation und Einstellung ohnehin ein Sportler, der auch selbständig ein Training abwickeln könne, den brauchst du nicht anzuhalten, das geht schon alles von alleine in die richtige Richtung. Nach wie vor hat Cuno Schreyl das Sagen, die zentralen Lehrgänge absolvierte Angerer mit dem Rest der Nationalmannschaft zusammen. In Ruhpolding gesellte sich im Training Franz Göhring dazu, der seine Ausbildung bei der Bundespolizei in Bayern absolvierte.
Er bietet Bestleistungen an
Die Zweifel, die sich bei Angerer im vergangenen Winter eingeschlichen hatten, sind mittlerweile einer positiven Grundstimmung gewichen. Ihm ist bewusst geworden, was er in den beiden Jahren davor geleistet hat und dass es nicht so selbstverständlich ist, dass es immer so funktioniert, sagt Behle. Die Tests im Sommer, die Ergebnisse der Leistungskontrollen und der Sieg in einem ersten Rennen gegen internationale Konkurrenz im finnischen Ort Muonio taten ein Übriges: Tobias Angerer bietet Bestleistungen an, wie der Bundestrainer es ausdrückt.
Der Tscheche Lukas Bauer, der in diesem Jahr den Weltcup und die Tour de Ski ähnlich überlegen gewann wie im Winter zuvor Angerer, nennt den Deutschen an erster Stelle seiner Konkurrenten für die neue Saison. Ich freue mich natürlich drüber, sagt Angerer, und es ist für mich auch gleichzeitig eine Motivation, wieder dorthin zu kommen, wo ich war. Behle unterstreicht die Einschätzung Bauers: Die beiden haben in den letzten zwei Jahren, jeder für sich in einem Jahr, die Langlaufszene geprägt. So wie wir Respekt haben vor Lukas und seinen Leistungen, so hat Lukas auch Respekt vor dem, was er gesehen hat bei Tobi. So einer wie er kann auch einschätzen, was nötig ist, und er weiß, wenn beim Tobi alles stimmt und kleine Fehler abgestellt sind, was das für ein Mann ist und zu welchen Leistungen der in der Lage ist. Davon gibt es nicht allzu viele.
Generalverdacht Doping
Dass ihre Leistungen stets mit einem Fragezeichen versehen sind, damit leben erfolgreiche Langläufer. Dieser Generalverdacht Doping ist einfach immer da, sagt Angerer. Traurigkeit, viel Traurigkeit empfinde er angesichts der Meldungen des Sommers. Man hat gedacht, dass nach den vergangenen Jahren, wo viel passiert ist, das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Aber einige haben es wohl immer noch nicht kapiert, dass sich dann Sponsoren zurückziehen und auch das Fernsehen. Er wisse, dass ich zu tausend Prozent sauber bin. Er fordere schon lange, die Proben einzufrieren und mit besseren Messmethoden nachträglich zu kontrollieren. Das haben sie ja jetzt gemacht, und man sieht, was passiert ist. Es ist wichtig, dass man nicht lockerlässt.
In der Doping-Frage, aber auch im Sportlichen ist Angerer mit mir selber im Reinen. Auch als es nicht gut lief, habe er immer alles gegeben, und deshalb war ich auf mich auch irgendwie stolz, dass ich mich durch diese schwierige Situation durchgekämpft habe“. Neid kennt er ohnehin nicht. Behle nennt ihn zuallererst auch einen fairen Sportler. Er bringe der Konkurrenz Respekt entgegen, egal ob das international ist oder in der eigenen Mannschaft, er achte jede Leistung. Und deshalb ist er ein Großer.“ Dass dieser Tobias Angerer im neuen Winter auch wieder sportlich ein Großer werden wird, bleibt zu hoffen. Denn: Mit so einem Sportler zu arbeiten ist eine schöne Aufgabe.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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