25. August 2008 Die Tenniswelt hat sich verändert, aber derjenige, der verantwortlich ist für die neuen Verhältnisse, ist ganz der Alte geblieben. Zwar hatte niemand ernsthaft erwartet, dass Rafael Nadal plötzlich besonders breitbrüstig oder gar hochnäsig auftritt, seit er vor acht Tagen jenen Platz erobert hat, von dem jeder Tennisprofi träumt. Doch nicht einmal eine Spur von Stolz offenbart der Spanier, der Roger Federer von der Spitze der ATP-Weltrangliste verdrängt hat, in diesen Tagen.
Für mich hat sich gar nichts geändert, behauptet Nadal, für den die US Open das erste Turnier sind, bei dem er als Weltranglistenerster antritt: Wenn ich auf den Platz gehe, dann denke ich nicht daran, ob ich auf Rang eins oder zwei stehe. Allerdings sollte er daran denken, dass seine Konkurrenten die neue Weltordnung nicht ganz so gelassen hinnehmen: Seine Gegner werden es beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres, das am Montag in New York begonnen hat, als besondere Herausforderung ansehen, sich mit der Nummer eins zu messen – und ihr womöglich ein Schnippchen zu schlagen.
Bei jedem Turnier wird der Sieg von dir erwartet
Von einem Tag auf den anderen ist Rafael Nadal nicht mehr nur ein Champion, vor dem die anderen Respekt haben, sondern auch der Mann, der im Tenniszirkus am meisten gejagt und in der Öffentlichkeit am häufigsten gefragt sein wird. Selbst Roger Federer, den bei aller Rivalität ein fast freundschaftliches Verhältnis mit Nadal verbindet, ist gespannt, wie der 22 Jahre alte Spanier seine neue Rolle annimmt.
Er wird nun nachempfinden können, wie ich mich all die Jahre gefühlt habe, sagt der Schweizer, der seit Februar 2004 die Weltrangliste angeführt hatte: Bei jedem Turnier wird erwartet, dass du es gewinnst. Bei den 41. US Open ist nun nicht Federer, der in den vergangenen vier Jahren triumphierte, als Favorit ins Turnier gestartet, sondern Nadal – obwohl er in Flushing Meadows noch nie über das Viertelfinale hinausgekommen ist. Der langjährige Jäger ist jetzt der Gejagte.
Weltranglistenplatz eins, ein absonderliches Gebiet
Noch bleibt sich der Mallorquiner treu und betont, dass ihn nichts anderes interessiere als mein Tennis zu verbessern und Titel zu gewinnen. Doch dass mit dem Gipfelsturm früher oder später auch ein neues Gefühl einhergeht, kann Nadal von vielen seiner 23 Vorgänger lernen. Zum Beispiel von John McEnroe, der in den achtziger Jahren insgesamt 170 Wochen der Beste seiner Zunft war.
Der Amerikaner hat seinen Weg an die Weltspitze mit der Besteigung des Mount Everest verglichen: Oben angekommen, befinde man sich in einem absonderlichen Gebiet, das sich keiner vorstellen kann, der nie dort gewesen ist. Ob Pete Sampras für 286 Wochen oder Patrick Rafter für sieben Tage – wer auch immer Freude und Verantwortung als weltbester Tennisspieler erlebte, hat seinen Teil zum Mythos Nummer eins beigetragen.
Ich hätte ihn erschießen müssen für den ersten Rang
Begonnen hat der unermüdliche Kampf um die Spitzenposition fast auf den Tag genau vor 35 Jahren. Zwar waren auch schon vorher Ranglisten geführt worden, doch erst als am 23. August 1973 erstmals der ATP-Computer in Florida die Rangordnung ermittelte, begann im Herrentennis die moderne Zeitrechnung. Der rumänische Tennisclown Ilie Nastase war damals der erste Profi, der jenen Platz einnahm, der seither bei den weniger erfolgreichen Konkurrenten nicht nur Respekt, sondern auch Neid auslöst.
Sampras wurde zu seiner Glanzzeit geradezu angefeindet von seinen Verfolgern: Mal verglich Andre Agassi seinen amerikanischen Landsmann mit einem Affen und sprach ihm schlicht ab, ein würdiger Weltranglistenerster zu sein; mal giftete der Kroate Goran Ivanisevic in schierer Verzweiflung gegen Sampras: Ich hätte ihn erschießen müssen, um seinen Platz einzunehmen.
Rafa verdient es absolut, die Nummer eins zu sein
Früher oder später beruhigten sich die Gemüter wieder, aber kaum einer nahm die Weltordnung so sportlich wie Federer. Rafa verdient es absolut, die Nummer eins zu sein, sagt der Schweizer nach 237 Wochen als Branchenführer. Für mich ist es schöner, dass ich von einem Spieler abgelöst wurde, der die größten Turniere gewinnt, als dass es passiert, weil ich komplett schlecht spiele.
Federers Einstellung spiegelt die allgemeine Haltung wider: Nur echte Champions verdienen es wirklich, an der Spitze zu stehen – und nicht so sehr Spieler wie der Chilene Marcelo Ríos, der nie ein Grand-Slam-Turnier gewann, aber 1998 trotzdem sechs Wochen die Weltrangliste anführte.
Bei den Damen herrscht reges Kommen und Gehen
Dass Nadal zu Recht obenauf ist, belegen eindrucksvoll seine Erfolge: Von den vergangenen zehn Turnieren gewann der Spanier acht, darunter als erster Spieler seit Björn Borg 1980 nacheinander die French Open und Wimbledon sowie zuletzt in Peking den olympischen Tenniswettbewerb.
Anders als bei den Herren, wo sich Nadal nach drei Jahren als Federers erster Verfolger nach oben gearbeitet hat, geht es in der Damenwelt wechselhafter zu. Seit Justine Henin im Mai ihren Rücktritt erklärte, herrscht an der Weltspitze ein Kommen und Gehen wie in einem New Yorker Schuhgeschäft: Maria Scharapowa (drei Wochen), Ana Ivanovic (neun Wochen), Jelena Jankovic (eine Woche) und nun wieder Ana Ivanovic: Bei so viel Masse droht sogar der Mythos von der Nummer eins ein wenig zu verblassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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