26. August 2008 An diesem Montag begannen die US Open. Kurz zuvor kehrte der deutsche Tennis-Profi Thomas Haas, der in Florida lebt, zu seinem ehemaligen Trainer Thomas Hogstedt zurück. In der ersten Runde trifft Haas am Dienstag auf den Franzosen Richard Gasquet. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über den Killerinstinkt im Tennis, sein Heimturnier und sein Image als Playboy.
Bei den US Open arbeiten Sie wieder mit Ihrem ehemaligen Trainer Thomas Hogstedt zusammen. Wie kam es dazu?
Wir waren schon seit längerem im Gespräch. Ich habe mir das mit Dean Goldfine ein paar Monate angeschaut, aber mit einigen Dingen, was mein Spiel und meine Zukunft angeht, war ich nicht so zufrieden. Dean ist ein netter Kerl, doch ich habe das Training mit Thomas und seine ganze Mentalität einfach vermisst. Wir hatten zwei verdammt gute Jahre zusammen, und das verbindet eben. Wir waren immer in Kontakt, und er hatte jetzt wieder Zeit.
Was macht ihn als Trainer für Sie aus?
Es ist mir wichtig, dass jemand hinter mir steht, der an mich glaubt. Und ich bin einfach viel glücklicher mit der Art, wie wir alles angehen und arbeiten. Ich fühle mich sehr wohl mit ihm, und er versteht mich. Er weiß einfach, wie er mich trainieren muss. Und dass er vieles bei mir mit Humor nehmen muss. Denn ich ticke in mancher Hinsicht eben ein wenig anders.
Ein wenig anders wurden Sie auch immer öffentlich wahrgenommen. Viele verbinden mit Ihrem Namen schnelle Autos und schöne Frauen. Gefällt Ihnen das Playboy-Image?
Ich konnte eigentlich noch nie verstehen, wie ich zu dem Image gekommen bin. Jeder Mann, der sich ein schönes Auto leisten kann, würde es sich kaufen. Vielleicht wurde es bei mir nur öfter in die Presse gebracht, wenn ich mal einen Ferrari gefahren bin oder eine neue Freundin hatte. Ich war immer der Sunnyboy, lebe dazu noch in Florida. Das passt für viele natürlich. Aber ich bin einfach der Typ, der ich immer war. Jemand, der sich aufs Tennisspielen konzentriert und da seine Ziele verfolgt.
Sind bei Ihnen Schlagzeilen zu erwarten wie bei Boris Becker?
Nein, das nicht. Und selbst wenn, würde ich das sicher privater halten. Ich habe meine Meinung dazu, aber ich möchte das nicht weiter kommentieren.
Mit elf Jahren trainierten Sie zum ersten Mal in Florida in der Akademie von Nick Bollettieri. Wie haben Sie diesen Schritt damals empfunden?
Diese Zeit war sehr hart, und zu Beginn hatte ich großes Heimweh. Doch das gab sich. Viele, die dort trainierten, sind nach einigen Wochen wieder nach Hause geflogen, weil sie es nicht aushielten. Für mich war es dort sofort wie eine zweite Heimat. Ich war vielleicht schon damals etwas anders. Für mich gab es immer nur das eine Ziel: Tennisprofi zu werden. Ich hatte nie einen Zweifel, dass ich es schaffe. Nicht einmal als Siebzehnjähriger. Für mich ging es nur darum: Wann schaffe ich es? Und: Wann stehe ich unter den Top Ten?
Sie sind früh einen harten Weg gegangen. Den deutschen Profis wird oft vorgeworfen, sie würden sich nicht genug quälen. Wie sehen Sie das?
Es ist alles reine Einstellungssache. Ich habe immer sehr hart und diszipliniert trainiert, das muss auch so sein. Heutzutage sind viele einfach damit zufrieden, dass sie einen Job haben, mit dem sie Geld verdienen können. Sie haben eben nicht diesen Biss, sind nicht hart genug. Sie haben Talent, aber es liegt vielleicht an der Mentalität, weil es uns allen sehr gutgeht. Diejenigen, die immer bei den Turnieren vorne dabei sind, sind eben ehrgeiziger und wollen es mehr. Den Killerinstinkt muss man haben.
Das klingt, als würden viele Verlierer auf der Strecke bleiben.
Eigentlich ist es ein brutaler Sport. Jeder wird hier bei diesem Turnier verlieren, außer einem einzigen Spieler. Aber es ist die Frage, wie man verlieren definiert. Wenn man alles gegeben hat und dann in der ersten Runde verliert, kann man trotzdem zufrieden sein. Auch wenn man sich hier durch die Qualifikation kämpft, um sich seinen Traum zu erfüllen, oder wie ich zum 13. Mal dabei ist, kann man sich eigentlich schon als Gewinner fühlen. Andererseits, wenn man nicht alles gibt und sich nicht richtig vorbereitet, sollte man sich fragen, ob sich das gelohnt hat.
Sie haben für die Vorbereitung auf die US Open auch auf den Davis Cup verzichtet. War es die richtige Entscheidung?
Ja, ich hatte meinen Fokus schon sehr früh auf die US Open gerichtet. Es war mein Ziel, hier so fit wie möglich anzutreten, und das ist jetzt der Fall. Die Schulter hält gut, und ich habe in den letzten fünf Wochen wieder besser gespielt. Ich bin gut drauf, nur leider nicht gesetzt. Da warten gleich die schweren Brocken.
So einer wie Ihr erster Gegner, der Franzose Richard Gasquet. Aber der härteste Brocken im Tableau ist Rafael Nadal. Ist er eine würdige neue Nummer eins?
Er hat es sich auf jeden Fall verdient. Er hat die French Open, Wimbledon und die Goldmedaille in Peking gewonnen. Wenn er auch noch den US-Open-Titel holt, wird es für ihn vielleicht ein besseres Jahr, als es Roger Federer je hatte. Aber es ist Unsinn, dass jetzt so getan wird, als könne Roger kein Tennis mehr spielen. In den letzten Jahren war er der König und hat die Messlatte einfach unglaublich hoch gelegt. Und selbst in diesem Jahr hat er noch das erreicht, was für jeden Spieler zwischen der Nummer vier und der Nummer 100 ein absolutes Traumjahr wäre. Das darf man nicht vergessen.
Was erwarten Sie in New York von sich?
Ich möchte mein Viertelfinale vom letzten Jahr gerne verteidigen, und es wäre schön, wenn es noch einen Schritt weiter ginge. Sollte da wieder Nikolai Dawidenko warten, wäre es mir nur recht. Ich bin heiß auf Revanche, und das Feuer brennt noch immer in mir. Wenn ich fit bin, bin ich für jeden nur schwer zu schlagen.
Für Sie werden die US Open als Wahl-Amerikaner zum Heimspiel. Wie wohl Sie sich dort fühlen, zeigen drei Viertelfinalteilnahmen in den letzten vier Jahren. Woran liegt das?
Es ist Hartplatz, und es sind einfach die US Open. Hier versuche ich, diese fünf Prozent extra herauszuholen. Die ganze Atmosphäre, das ganze Drumherum gefällt mir einfach. Und die amerikanische Lebensart mag ich, ich bin gerne hier. Das Leben ist einfach relaxt, das Wetter meistens gut. Und ein bisschen haben mich die amerikanischen Fans adoptiert. Das merke ich auch bei anderen Turnieren, wie zuletzt in Washington. Da spiele ich immer auf dem Hauptplatz, und das freut mich wirklich. Ich fühle mich als halber Amerikaner.
Vor sechs Jahren hatten Ihre Eltern einen schweren Motorradunfall. Wissen Sie die alltäglichen Dinge seither mehr zu schätzen?
Auf jeden Fall, auch wenn man mir das auf dem Platz nicht immer anmerkt. Ich bin dort ein sehr ehrgeiziger Typ und auch ein Perfektionist. Ich muss den Ball immer hundertprozentig genau in die Ecke spielen, was teilweise völliger Schwachsinn ist. Aber so bin ich eben aufgewachsen. Und bei Misserfolgen gibt es mal einen Tag danach, an dem ich nicht ansprechbar bin. Früher dauerte das viel länger bei mir. Aber am meisten merke ich abseits des Platzes, dass ich wesentlich ruhiger geworden bin. Mir geht es gut, ich habe genug Geld verdient, habe eine tolle Freundin, meine Familie, und dafür bin ich einfach dankbar.
Gibt es dennoch in sportlicher Hinsicht Dinge, die Sie bedauern?
Ein Turniersieg in Hamburg wäre schön gewesen, aber diesen Traum habe ich längst aufgegeben. Ich habe die letzten zwei Jahre dort nicht mehr gespielt und werde es nun, wo es mitten in der Hartplatzsaison ausgetragen wird, wohl auch nicht mehr tun können. Der langsame Belag ist einfach schwierig für meine Schulter. Das ist schade, aber am traurigsten ist eigentlich, dass wir in Deutschland kein großes Hallenturnier haben. Dort fühlen wir uns alle am wohlsten. Die Frauen haben Stuttgart, ich weiß nicht, warum wir das im Herbst nicht auch hinbekommen. Das nervt mich tierisch.
Das Gespräch führte Petra Philippsen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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