Anna-Lena Grönefeld

Neuanfang in New York

Von Thomas Klemm, New York

Anna-Lena Grönefeld will in New York auch die Schatten ihrer Vergangenheit üb...

Anna-Lena Grönefeld will in New York auch die Schatten ihrer Vergangenheit überwinden

27. August 2008 Anna-Lena Grönefeld hat viel gewonnen in den vergangenen Monaten: vier kleine Profiturniere, drei Runden in der Qualifikation der US Open und am Dienstag ihr erstes Spiel im Hauptfeld. Das ist eine ansehnliche Statistik für eine Profispielerin, die von weit oben in der Weltrangliste nach weit unten gestürzt war und sich nun im Mittelmaß aufhält.

Doch die Zahlen sagen wenig darüber aus, was die Deutsche in letzter Zeit wirklich gewonnen hat: ein Lachen und ein eigenes Leben. Als sie in ihrem Erstrundenmatch gegen die Slowakin Daniela Hantuchova den ersten Matchball verwandelt hatte, strahlte Anna-Lena Grönefeld über das ganze Gesicht und genoss sichtlich den Beifall, den ihr die Zuschauer am New Yorker Grandstand spendeten.

„Vergangenheit, an die ich nicht mehr denken will“

„Dass ich sie schlagen kann“, sagte die Deutsche nach dem überraschenden 6:4 und 6:2 gegen ihre an Position elf gesetzte Gegnerin, „das wusste ich von früher.“ Früher - das ist für Anna-Lena Grönefeld eine Zeit, die sie verdrängt hat. Früher, da war sie eine erfolgreiche Tennisspielerin, die sich 2006 ins Viertelfinale der French Open und bis auf Weltranglistenplatz 14 gekämpft hatte und mitunter als mögliche Nachfolgerin von Steffi Graf gehandelt wurde.

Früher, da endete ihr Leben aber auch an der Grundlinie des Tennisplatzes, weil ihr Trainer es so wollte. Rafael Font de Mora heißt der Mann, der vier Jahre lang ihr Antreiber und ihr Aufpasser war, der mit eisiger Strenge nicht nur ihr Gewicht kontrollierte, sondern ihr ganzes Leben. „Diese Zeit ist ein Teil von mir, aber sie ist Vergangenheit, an die ich nicht mehr denken will“, sagt Anna-Lena Grönefeld heute.

Flucht vor Font de Mora

In New York, wo sie ihr erstes Grand-Slam-Match seit den Australian Open 2007 gewonnen hat, versucht sie in diesen Tagen einen Neuanfang auf großer Bühne; ausgerechnet in New York, wo sich ihr privates Drama vor zwei Jahren zugespitzt hatte. Noch während sie damals verzweifelt und letztlich vergeblich gegen eine Erstrunden-Niederlage ankämpfte, verließ Font de Mora den Platz. Später sagte er Anna-Lena Grönefeld ins Gesicht, dass sie es nicht wert sei, von ihm trainiert zu werden.

Die Beziehung war unter heißen Tränen beendet, es folgte der kalte Psychokrieg: Font de Mora verunglimpfte öffentlich seine ehemalige Schülerin, die mit 17 Jahren an seine Tennisakademie in Arizona kam, verklagte sie wegen Vertragsbruch und forderte Schadenersatz. Die Vergangenheit in Person des Spaniers holte Grönefeld so lange ein, bis sie sich im vorigen Herbst von der Tour zurückzog und mehr als ein halbes Jahr pausierte.

Von Platz 436 auf Rang 141

Seit Mai fühlt sich die Dreiundzwanzigjährige wieder stark genug, um sich dem Profizirkus zu stellen. „Ich habe einen Schlussstrich gezogen. Jetzt habe ich wieder Spaß auf dem Platz.“ Über die Tennis-Bundesliga, wo sie für den TC Rüppurr Karlsruhe aufschlägt, hat sie sich wieder herangetastet an die große weite Tenniswelt. Sie tingelte zunächst von A wie Alkmaar bis Z wie Zlin, erreichte fünf Endspiele, gewann davon vier. Dabei strich sie insgesamt 40.000 Dollar Preisgeld ein - nur wenig mehr, als sie nach ein paar Tagen bei den US Open verdient hat.

Auch in der Weltrangliste hat sich Anna-Lena Grönefeld emporgearbeitet, von Platz 436 auf Position 141, Tendenz weiter steigend. Vor allem aber fand sie an den kleinen Turnierstandorten angenehm, „für sich zu spielen und nicht den Fokus auf sich zu haben“. Mittlerweile kann Anna-Lena Grönefeld auch wieder die Atmosphäre auf den großen Schauplätzen genießen, wie nach ihrem Sieg gegen Daniela Hantuchova, als es im drittgrößten Stadion von Flushing Meadows nur so wimmelte von Autogrammjägern und Schulterklopfern. In diesem Fall zehrt die Deutsche von ihrer Vergangenheit: „Weil man es gewöhnt war, kommt man auch schnell wieder rein.“

199,5 km/h Hoffnung gegen fehlende Fitness

Dass Anna-Lena Grönefeld auch auf beim Spielen auf höchsten Niveau kaum Anpassungsprobleme hat, überrascht zumindest Barbara Rittner nicht. „Ich weiß, was Anna-Lena kann“, sagt die Fed-Cup-Teamchefin. Mit ihrer peitschenden Vorhand und ihrem knallharten Aufschlag, der am Dienstag 199,5 Kilometer pro Stunde erreichte und damit nur unwesentlich langsamer war als auf dem Nebenplatz das schnellste Service von Thomas Haas, versucht Grönefeld das Spiel zu diktieren.

Doch wenn es ihr nicht gelingt, die Ballwechsel schleunigst zu beenden, ist sie laufend überfordert. Ihr fehle es an Fitness, sagt sie. Immerhin hat die Dreiundzwanzigjährige, die sich nach der Trennung vom Disziplinfanatiker Font de Mora nicht mehr um eine sportliche Figur scherte, wieder einige Pfunde abgenommen.

Ihr neues Leben hat gerade erst begonnen

Es sollte reichen, um in der zweiten Runde die Australierin Jessica Moore, die nur dank einer Wildcard ins Hauptfeld gekommen ist, zu schlagen. Auch abseits des Sports hat sich Anna-Lena Grönefeld unabhängiger gemacht und ein neues Leben begonnen. Im vergangenen Jahr ist sie von ihrer Geburtstadt Nordhorn nach Saarbrücken gezogen, ganz in die Nähe des Olympiastützpunktes und ihres Trainers Dirk Dier und seiner Frau.

Er lässt ihr Freiheiten, mit ihm könne sie sich abstimmen, wie die Übungseinheiten verlaufen. Sie sagt, dass sie froh sei, „dass man Leute hinter sich hat, auf die man sich verlassen kann“. Und sagt sie: „Man muss immer kleine Schritte machen.“ In manchen Augenblicken fällt es Anna-Lena Grönefeld noch schwer, „ich“ zu sagen. Aber ihr neues Leben hat ja gerade erst begonnen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
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