30. Oktober 2008 Für 6,4 Prozent der Deutschen heißt der neue deutsche Fußballmeister 1899 Hoffenheim. Das ist in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Sportinformationsdienstes nach den Bayern, dem HSV, Schalke und Leverkusen der fünftbeste Wert. Bei einem Wettanbieter wird Hoffenheim als zweiter Favorit für den Titelgewinn nach den Bayern geführt. Lediglich 60 Euro gibt es für zehn Euro Einsatz.
Was sagt uns diese Diskrepanz? Lieber privat wetten. Hoffenheim polarisiert noch immer, es lassen sich bestimmt einige finden, die ihre Abneigung durch eine höhere Quote manifestieren. Doch bei der Masse kehrt so langsam die Einsicht ein, dass Mäzen Dietmar Hopp mit seinen Millionen vor allem in die Infrastruktur und in einen herzerfrischenden jungen Fußball investiert hat. Hoffenheim steht nicht wegen Superstars an der Spitze, die sich andere nicht leisten können, sondern weil es überragende Talente entdeckt und gefördert hat.
Kann man mit 1899 in dieser Saison schon Geld verdienen?
Dieses Team bietet einen mitreißend offensiven Abenteuer-Fußball, mit dem Borussia Mönchengladbach in den siebziger Jahren ein Begriff wurde und für den der Verein 30 Jahre später immer noch von vielen geliebt, von allen zumindest respektiert wird.
Das System Hopp ist nicht nur stark genug, die Gladbacher Tradition wieder aufleben zu lassen, sondern diesen hohen Standard länger als die zehn Jahre durchzuhalten, die die Borussia trotz ihres Standortnachteils schaffte. Aber kann man mit dem Meisterschaftstipp 1899 Hoffenheim schon in dieser Saison Geld verdienen?
Der erste Platz ist durch sportliche Leistung gedeckt
Kaum. Der erste Tabellenplatz ist zwar durch sportliche Leistung gedeckt. Wenn sich Rangnick entschließt, in der Winterpause einen erstklassigen Torwart zu verpflichten, dann hat die Mannschaft keinen Schwachpunkt mehr. Aber es erscheint kaum glaubhaft, dass die jungen Profis im Laufe der Spielzeit unbeeindruckt davon bleiben, was sie da so alles anrichten.
Trainer Rangnick setzt seine ganze Kraft ein, die Einflüsterungen von außen zu entkräften: Der größte Fehler wäre es, wenn die Spieler glauben würden, was über sie geschrieben wird. Aber es wäre fast schon unmenschlich, wenn die nun einsetzende Begeisterung und Bewunderung von der Mannschaft einfach abperlen und sie Woche für Woche konzentriert ihr Leistungspotential abrufen würde.
Bayern-Niveau wird in nicht allzu ferner Zukunft erreicht
Das erste Mal ist es Rangnick und seinen Hoffenheimern bravourös gelungen. Das 3:1 in Bochum nach 0:1-Rückstand ist ein Zeichen von Charakterstärke, nachdem das 3:0 über den HSV drei Tage zuvor nicht nur die Tabellenführung, sondern auch eine Lobhudelei epischen Ausmaßes eingebracht hatte. Aber der Aufsteiger wird nach jedem weiteren Sieg vor derselben Herausforderung stehen.
Für die Hoffenheimer Spieler muss es erst so normal werden, im Rampenlicht zu stehen, wie es für ihren Trainer und ihre Bayern-Kollegen ist, um wirklich auf einem Niveau mit dem Rekordmeister zu stehen. Das wird in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein. In dieser Saison wäre die Meisterschaft noch ein Fußball-Wunder, wie es der Titelgewinn des Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern 1997/1998 gewesen ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa