Von Matthias Wolf, Rostock
20. November 2008 Tage des Abschieds bei Hansa Rostock. Frank Pagelsdorf, der Trainer, ist vor ein paar Tagen unter Tränen gegangen. Am Mittwoch wird bei der Hauptversammlung Professor Horst Klinkmann verabschiedet. Er gehört zu Hansas Gründungsvätern und war seit 1995 Aufsichtsratschef. Ich hätte mir einen weniger negativen Abgang gewünscht, sagt der renommierte Mediziner, ich weigere mich aber, nur eine Minute darüber nachzudenken, dass es zu einem totalen Absturz kommen könnte.
Andere sind weniger optimistisch. Abschiedsszenario Nummer drei befürchten viele Fans, auch Dirk Grabow wirkt desillusioniert. Wenn wir uns weiterhin so präsentieren, steigen wir definitiv ab, sagt der Vorstandsvorsitzende. Nach dem peinlichen 0:6 in Kaiserslautern zeichnete die ortsansässige Ostsee-Zeitung ein passendes Bild: die einstmals stolze Hansa-Kogge, die das weißblau-rote Wappen des Klubs ziert, ganz in Schwarz, mit zerfetzten Segeln - das Schiff der verkauften Seelen. Wir haben sehr, sehr schweren Seegang, sagt Klinkmann, der Metaphern mit Meeresbezug liebt: Uns fehlt ein Kapitän. Im Moment haben sie nicht einmal einen Trainer. Wir sind am Scheideweg, räumt der Klubchef ein: Wir brauchen Menschen, die Hansa dienen und sich nicht nur des FC Hansa bedienen wollen.
Der Vorstand gibt kein gutes Bild ab
Nach solchen ehrenwerten Männern wird auf drei Ebenen gesucht. An der Spitze des Klubs, auf der Trainerbank und unter den Profis. Der Aufsichtsrat wird neu zusammengestellt, es gibt zwölf Bewerber für sieben Plätze. Viele befürchten nach dem Abgang des 73-jährigen Klinkmann, der einzigen wirklich charismatischen Figur bei Hansa, ein absolutes Kompetenzvakuum. Denn der Aufsichtsrat ist an der Küste nicht, wie anderswo, nur ein Kontrollorgan, er bildet vielmehr die Zentrale der Macht.
Dieses Gremium bestimmt den hauptamtlichen Vorstand. Der wiederum gibt derzeit kein gutes Bild ab. Grabow, der 37-jährige Vorsitzende, wurde zu Beginn seiner Amtszeit als Reformer gefeiert. Er brach alte Strukturen auf, gerade was die Außendarstellung des Klubs angeht. Doch im sportlichen Bereich fehlt es dem Finanzexperten an Wissen. Mit Krisenmanagement ist er überfordert. An Stefan Beinlich, der sich anbot, wollte er keine Macht abgeben. Den ehemaligen Spielmacher stößt Grabow regelmäßig in Interviews vor den Kopf. Dabei brauchte der Klub dringend sportliches Knowhow.
Nie mehr wollte Schlünz auf die Bank - er musste und verlor 0:6
Hansa hat in diesem Jahr erst sechs von dreißig Punktspielen gewonnen, dennoch hielt der Verein lange an Pagelsdorf fest, bei dem sich Fehler häuften, der aber als beratungsresistent galt. Manager Herbert Maronn, der einst aufgab, dann wieder geholt wurde (was auch den Zickzackkurs des Vereins zeigt), habe sich oft mit Pagelsdorf angelegt, sagt nun Klinkmann: Am Ende war das Handeln des Trainers von Hilflosigkeit geprägt. Doch, seltsam, noch im September dachte die Führung laut über eine Verlängerung des Trainervertrages nach. Entsprechend unkoordiniert erfolgte dann auch der Rauswurf: Es gab keinen Plan B. Erst, als alles eskalierte, setzte man sich hin und erstellte eine endlos lange Liste mit Kandidaten, die wir jetzt intensiv abarbeiten, so Klinkmann: Es gibt langsam einen reduzierten Kreis. Langsam? Die Zeit drängt.
Denn Vorstandsmitglied Juri Schlünz macht den Job als Interimstrainer nur widerwillig. Nie mehr wollte er auf die Bank des Profiteams zurückkehren, nachdem er am 14. November 2004 als Cheftrainer 0:6 gegen den Hamburger SV verloren hatte - und aufgab. Nun hatte er in Lautern sein Déjà-vu-Erlebnis der bitteren Art und stellte wütend fest: Ich fühle mich beschissen und im Stich gelassen. Gruppenbildung im labilen Ensemble will er registriert haben, mangelnde Identifikation mit dem Verein und Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei den Spielern. Profis wie Regis Dorn (Jeder spielt für sich) bestätigen den Eindruck von der Söldnermentalität. Klinkmann deutet an, was die erste Aufgabe des neuen Trainers sein werde: Den aufgeblähten 26-Mann-Kader zu reduzieren, vermutlich durch Suspendierungen.
Der sofortige Wiederaufstieg ist kein Thema mehr
Man suche einen Trainer, der auf den Nachwuchs setzt, zudem eine Respektsperson ist. Er muss eine Hierarchie schaffen, so Klinkmann. Eine Mischung aus Talentschmied und Drillmeister also. Außerdem dürfe er keine Gehaltsvorstellungen wie in der Champions League haben. Die ersten Kandidaten haben wohl sehr viel Geld für die heikle Mission gefordert. Mit dem öffentlich gehandelten Thomas Doll sei jedoch nie gesprochen worden, Petrik Sander und Wolfgang Wolf gelten angeblich auch nur als Ausgeburten der Gerüchteküche. Wann aber der neue Mann anfängt, ist laut Klinkmann und Grabow offen. Suchen sie an der Ostsee besonders verantwortungsvoll oder konzeptlos?
Der sofortige Wiederaufstieg ist jedenfalls kein Thema mehr. Ja, es geht wirklich in erster Linie darum, die nackte Haut zu retten, so Klinkmann. Die Mannschaft hat die Substanz, die zweite Liga zu halten. Immerhin 17 Millionen Euro Etat zeigen, dass sich der Verein eine teure Mannschaft leistet. Drei Jahre könne man auf diesem Niveau in Liga zwei überleben, sagt Klinkmann, der den Mitgliedern zum Abschied nur eine gute Nachricht verkünden kann: Die Verbindlichkeiten von zehn Millionen Euro wurden zu einem Teil abgebaut. Doch die Last ist immer noch sehr schwer, so dass sie den FC Hansa wohl bei einem Abstieg erdrücken würde. Klinkmann schiebt das weit von sich: Wir müssen uns das Schicksal anderer berühmter Ostvereine ersparen, die ganz tief gefallen sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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