Zum Streit über die Bremer Tierversuche

Wer schützt die Affen vor der Forschung?

Von Reinhard Wandtner

Ein Makake im Bremer Institut für Hirnforschung

Ein Makake im Bremer Institut für Hirnforschung

26. November 2008 Zur Versuchsvorbereitung wird den Primaten der Schädel aufgebohrt, in der entstandenen Öffnung wird ein Zementsockel befestigt, und ins Auge implantiert man einen Metallring.“ Das sind die Worte, mit denen Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, unlängst in einem Brief an diese Zeitung der Öffentlichkeit seine Sicht jener Versuche an Makaken vermittelte, die seit Jahren für Auseinandersetzungen sorgen. „Der Schutz unserer Mitgeschöpfe“, so führte Apel weiter aus, „steht mit der tierexperimentellen Forschung im Widerstreit.“ Da kann er sich breiter Zustimmung sicher sein. Tierversuche pauschal abzulehnen ist schließlich für viele Menschen ebenso selbstverständlich wie ein zumindest verbales Engagement für Arten- und Klimaschutz und gegen Kernkraft und Massentierhaltung.

Wogegen Apel und andere Tierschützer ankämpfen, sind Experimente, die in der Arbeitsgruppe von Andreas Kreiter im Zentrum für Kognitionswissenschaften der Universität Bremen vorgenommen werden. Gegenwärtig hat sich das Thema wieder einmal aufgeschaukelt, denn die Genehmigung für die Versuche läuft am 30. November aus. Und eine weitere Genehmigung wurde Kreiter verwehrt, was aber weder er noch die Universität hinnehmen wollen.

Bedingungen der Antragsstellung

Jeder Tierversuch zu Forschungszwecken beginnt in Deutschland mit einem Antrag. Welche Anforderungen erfüllt sein müssen und an wen er zu richten ist, wird durch Paragraph 8 des Tierschutzgesetzes geregelt. Die Beurteilung obliegt den jeweils zuständigen Behörden der Länder. In Bremen entscheidet die Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales über solche Anträge.

Als Erstes sind allgemeine Angaben zum Vorhaben gefordert. Anschließend ist der Zweck der Versuche zu benennen und wissenschaftlich zu begründen. Dabei müssen der derzeitige Stand der Erkenntnis und das Ziel der Arbeiten beschrieben werden. Die Bremer Forschergruppe will die „Raumzeitliche Dynamik kognitiver Prozesse des Säugetiergehirns“ näher ergründen, und zwar in einer Reihe von miteinander verknüpften Versuchen. Dies ermöglicht es Kreiter zufolge, mit einer besonders niedrigen Zahl von Versuchstieren zu arbeiten.

Wie wählt das Gehirn?

Die Untersuchungsreihe, die nun nach dem Willen der Bremer Behörde in wenigen Tagen abgebrochen werden soll, wurde 2005 genehmigt. Das entspricht der üblichen Laufzeit von drei Jahren. Kreiter hat damals in einem 50 Seiten umfassenden Antrag das Projekt dargelegt. Aufbauend auf den Stand der Kognitionsforschung, wird darin erörtert, dass der Zusammenhang zwischen synchroner Aktivität von Nervenzellverbänden und Aufmerksamkeit untersucht werden soll.

Es geht um die Frage, wie das Gehirn aus der ankommenden Fülle von neuronalen Signalen jene auswählt und bündelt, die zusammengehören, wie also die Dinge in der Welt als solche erkannt werden. Zusammengehörende Signale müssen aus dem allgemeinen Rauschen der Informationsflut herausgehoben werden. Erst dieser Prozess ermöglicht es, zum Beispiel ein bestimmtes Gesicht in einer Menschenmasse zu identifizieren oder die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Blume auf einer blühenden Wiese zu richten. Aus früheren Versuchen hat man gelernt, dass Gruppen von Nervenzellen in verschiedenen Bereichen des Gehirns im Gleichklang arbeiten können. Die Einzelheiten liegen aber noch weitgehend im Dunkeln.

Die besonderen Fähigkeiten der Makaken

In den darauf folgenden Antragspunkten wird unter anderem dargelegt, dass das Vorhaben unerlässlich sei, weil es darauf ziele, unverzichtbares Wissen über die Funktionsweise des Gehirns zu gewinnen. Außerdem wird erläutert, dass dies nur über die beantragten Versuche mit Affen möglich ist und nicht etwa durch andere Verfahren wie Computersimulationen oder Arbeiten mit Zellkulturen.

Die Bremer Forscher haben sich aus mehreren Gründen für Makaken (Macaca mulatta) entschieden. Diese zur Verwandtschaft der Meerkatzen zählenden, auch als Rhesusaffen bekannten Tiere verfügen, wie Kreiter hervorhebt, über die für die Untersuchungen erforderlichen kognitiven und motorischen Fähigkeiten. Sie seien zur selektiven Aufmerksamkeit fähig. Auch könnten sie ruhig und anhaltend bei einer Aufgabe bleiben, was sich etwa beim geduldigen Sammeln von Körnern oder „Lausen“ von Artgenossen zeige.

Leiden im Rahmen des verfolgten Zwecks

Ein weiteres Argument besteht nach Überzeugung von Kreiter darin, dass in den zurückliegenden dreißig Jahren alle wichtigen Forschungen auf dem Gebiet ebenfalls an Makaken vorgenommen wurden. Auf eine andere Tierart auszuweichen bedeute daher einen Rückschritt, der die Wiederholung zahlreicher Versuche der vergangenen Jahrzehnte nötig mache. Im Antrag muss zudem klargestellt werden, dass die Affen nicht etwa aus freier Wildbahn stammen, sondern aus Züchtungen. Die 24 Makaken, mit denen Kreiters Gruppe arbeitet, kommen aus dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen.

Ausführlich zu beschreiben sind natürlich die Versuche. Dazu gehört auch die Versuchsvorbereitung, die der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes so drastisch dargestellt hat. Ein Antrag würde aber nie bewilligt, entspräche er nicht der gesetzlichen Forderung, dass den Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden nur in dem Maße zugefügt werden dürfen, wie das für den verfolgten Zweck unerlässlich ist. Bei allen operativen Eingriffen werden die Makaken daher narkotisiert. Wie beim Menschen wird die Narkose durch eine Injektion eingeleitet. Anschließend beginnt man mit der Beatmung, wobei dem Gemisch aus Sauerstoff und Lachgas noch das Narkosemittel Isofluran beigemengt wird. Ebenfalls wie beim Menschen erfolgt eine Feinsteuerung der Narkose mit zusätzlichen Substanzen.

Kappe im Schädel

Während sich das Tier in tiefer Narkose befindet, werden medizinische Schräubchen aus Titan im Knochen verankert. Diese geben einer „Kappe“ aus Kunststoff, sogenanntem Knochenzement, sicheren Halt. Das dem Schädelknochen aufsitzende Gebilde härtet aus und dient später dazu, den Kopf des Makaken während der Versuche in einer festen Position zu halten. Das ist notwendig, sollen die Augenbewegungen genau verfolgt werden. Fixiert wird dabei der Kopf und nicht, wie es manchmal heißt, der ganze Körper.

Schon rund fünf Minuten nach dem Aufwachen aus der Narkose beginnen die Tiere zu sitzen. Nach zwanzig Minuten - man hat sie dann zurück in den Käfig gebracht - fressen sie bereits wieder. Sie benehmen sich, wie Kreiter sagt, dann weitgehend normal, klettern zum Beispiel an den Wänden hoch. Am nächsten Tag sei es kaum noch möglich, ihr Verhalten von dem anderer Tiere zu unterscheiden. Anschließend pausieren die Tiere sechs bis acht Wochen, in denen sich die Verbindung zwischen „Kappe“ und Knochen verfestigt.

Elektrode im Gehirn

In der folgenden Dressur lernen die Tiere, sich die Form eines von mehreren Objekten zu merken, die neben jenem Punkt auf dem Bildschirm erscheinen, den sie während eines Durchgangs für einige Sekunden fixieren. Wenn diese Form innerhalb einer Sequenz gezeigter Formen wieder erscheint, kommt es für die Affen darauf an, schnell einen Hebel loszulassen. Als Belohnung winkt süßer Saft, den sie an Versuchstagen nur während der Dressur erhalten. Daran entzündet sich auch immer wieder Kritik. Kreiter wendet indes ein, freilebenden Makaken stünde beim Wechsel von einem Wasserloch zum anderen über mehrere Tage kein Wasser zur Verfügung. Daran sei die Physiologie der Tiere angepasst. Außerdem achte man bei den Versuchen darauf, dass die Tiere insgesamt genügend Flüssigkeit erhielten.

Wenn die Makaken die Verhaltensaufgabe zuverlässig absolvieren, kann das eigentliche Experiment beginnen. Zuvor muss aber die Möglichkeit geschaffen werden, eine Elektrode in das Gehirn einzubringen. Das Vorgehen ist im Antrag ebenfalls genau zu beschreiben. Der Zugang erfolgt über eine in die „Kappe“ eingesetzte Kammer und ein wenige Millimeter großes Loch im Schädel, das - wiederum unter Vollnarkose - gebohrt wird. Wenn die Tiere dann später ihre Aufgaben lösen, kann der Experimentator eine dünne Elektrode in das Hirngewebe einführen und so die elektrische Aktivität direkt messen.

Das Hirngewebe ist nicht schmerzempfindlich

Der Vorgang wird, wie Kreiter sagt, von dem Tier gar nicht bemerkt. Es führe währenddessen ruhig und konzentriert seine Verhaltensaufgaben aus. Denn das Hirngewebe selbst ist nicht schmerzempfindlich. Das ist auch von Hirnoperationen beim Menschen her lange bekannt. Patienten mit Epilepsie, bei denen ein hirnchirurgischer Eingriff erwogen wird, implantiert man schon zur Diagnostik mehrere, viel größere, Elektroden.

Die Implantation eines Metallringes wird nach Angaben von Kreiter in Bremen eher selten vorgenommen. Es handle sich dabei um eine Technik zum besonders genauen Messen der Augenposition. Dazu werde in Vollnarkose ein hauchdünner Goldring unter die Bindehaut des Augapfels gebracht, der auch später nicht zu spüren sei und keine Beeinträchtigung darstelle.

Anwendungsmöglichkeiten der Grundlagenforschung

Die Bremer Gruppe hat mittlerweile viel über die neuronalen Grundlagen der Aufmerksamkeit herausgefunden. Die Bedeutung der Synchronisation von Nervenzell-Aktivitäten tritt immer klarer zutage. In Versuchen, in denen eine Gruppe von Elektroden, ein sogenanntes Elektrodenarray, auf die Hirnhaut aufgebracht wurden, konnten die Forscher aus den Signalen sogar erkennen, was das Tier gerade erblickte. Solche Ergebnisse sind nicht nur für die Grundlagenforschung interessant, sondern auch für die Entwicklung von Neuroprothesen. Kreiter und seine Mitarbeiter hoffen, dazu beitragen zu können, dass vollständig gelähmten Patienten, etwa solchen mit Amyotropher Lateralsklerose, eine gewisse Kommunikation ermöglicht wird.

Zusammen mit Forschern der Universität Bonn entwickelt die Bremer Arbeitsgruppe ein Implantat für Epilepsiepatienten, das kabellos die gemessenen Signale nach außen überträgt und bei dem auch die Energieversorgung kontaktlos erfolgen wird. Das Bundesforschungsministerium hat bereits eine Förderung zugesagt. Die Arbeiten könnten im kommenden Frühjahr beginnen. Die Bremer Behörde scheint das - nach jetzigem Stand - vereitelt zu haben.

Politische und ethische Kriterien

Bei der Entscheidung darüber, ob ein Antrag auf Genehmigung eines Tierversuches alle Voraussetzungen erfüllt, steht der Behörde eine Ethikkommission beratend zur Seite. Sie besteht typischerweise aus je zwei Vertretern des Tierschutzes und der Forschung sowie einem Humanmediziner und einem Veterinär. Die Bremer Ethikkommission hat sowohl Kreiters Antrag aus dem Jahr 2005 als auch dem kürzlich gestellten zugestimmt. Bindend ist das aber nicht. Im jüngsten Fall hat die Behörde anders entschieden. Sie verwies dazu auf ein Gutachten, mit dem sie einen Berliner Tiermediziner beauftragt hatte. Dieser war zu dem Ergebnis gekommen, die Belastungen für die Tiere addierten sich mit der Zeit derart, dass sie ethisch nicht mehr vertretbar seien. Der Gutachter habe freilich das Bremer Labor nie besucht, sagt Kreiter. Das wirft kein gutes Licht auf seine Stellungnahme, auch wenn man Einzelheiten der Experimente durchaus der Fachliteratur und dem Antrag entnehmen kann.

Der Verdacht, die Entscheidung der Bremer Behörde fuße auf politischen statt auf ethisch-rechtlichen Kriterien, ist erdrückend. Wie immer man zu Tierversuchen wie denen in Bremen steht - die Freiheit der Forschung ist im Grundgesetz verankert. Solange sie den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes genügt, darf sie nicht untersagt werden. Sollten die juristischen Schritte, mit denen der Rektor der Bremer Universität jetzt eine Weiterführung der Versuche erstreiten und eine grundsätzliche Entscheidung herbeiführen möchte, keinen Erfolg haben, stünde Kreiter vor einer bitteren Konsequenz: „Wir müssten die Arbeitsgruppe auflösen und die Forschungen beenden.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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