09. Juli 2009 Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, im Gespräch über die Sozialenzyklika des Papstes Caritas in veritate. Der Papst spricht darin von einer Humanisierung der Globalisierung und kritisiert die bestehende Entwicklungshilfe.
Herr Erzbischof, Sie waren Professor für Christliche Gesellschaftslehre und sind Nachfolger von Joseph Kardinal Ratzinger auf dem Stuhl des Erzbischofs von München. Zählen Sie zu den Verfassern der Sozialenzyklika Benedikts XVI.?
Unter einer Enzyklika steht ein Name. Der lautet Benedikt XVI.
Hat der Papst Sie um Rat gefragt?
Der Papst ist der Papst. Er schreibt eine Enzyklika und ist für alles verantwortlich.
Man kann schon der sprachlichen Gestalt des jüngsten Lehrschreibens entnehmen, dass im Unterschied zu den beiden Enzykliken nicht ein, sondern mehrere Verfasser am Werk waren. Warum trägt diese weniger als die anderen nicht die persönliche Handschrift des Papstes?
Das würde ich so nicht sagen. Grundsätzlich soll eine Enzyklika ja nicht die Privatmeinung eines Papstes wiedergeben, sondern eine Aussage des kirchlichen Lehramtes sein. Da ist gut, dass die verschiedenen vatikanischen Kongregationen beteiligt sind und der ein oder andere Berater, der sich auf einzelnen Gebieten besonders gut auskennt. Aber es gibt viele Stellen, etwa wenn die Rede auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft kommt, an denen die Handschrift des Papstes deutlich zu erkennen ist.
Der Papst hat sich auf Autoren verlassen, die seitenweise Gedanken zu Papier brachten wie: Um nicht eine gefährliche universale Macht monokratischer Art ins Leben zu rufen, muss die Steuerung der Globalisierung von subsidiärer Art sein, und zwar in mehrere Stufen und verschiedene Ebenen gegliedert, da sie die Frage nach einem globalen Gemeingut aufwirft, das zu verfolgen ist; eine solche Autorität muss aber auf subsidiäre und polyarchische Art und Weise organisiert sein, um die Freiheit nicht zu verletzen und sich konkret wirksam zu erweisen. Haben Sie das verstanden?
Ja. Zumal Sie in anderen Enzykliken ähnliche Sätze finden könnten. Die Aussage ist klar: Es geht um eine Neuordnung der politischen und gesellschaftlichen Verantwortung auf der globalen Ebene als eine der großen Fragen des 21. Jahrhunderts. Wie schon Papst Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika Centesimus annus (1991) geht es Benedikt XVI. um eine neue Zuordnung von Staat, Markt und Gesellschaft unter den neuen Bedingungen einer umfassenden, alle privaten und öffentlichen Vollzüge durchdringenden Globalisierung. Da ist das Thema Weltautorität genauer anzuschauen. Dass der Papst in diesem Zusammenhang von Subsidiarität spricht, ist ein wichtiges Signal gegenüber denen, die von einem Weltstaat träumen, wie gegenüber denen, die jede Verantwortung gegenüber Dritten als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes ablehnen. Dass das eine komplizierte Materie ist, erleben wir schon jetzt am Beispiel des Urteils des Bundesverfassungsgerichts über den Vertrag von Lissabon.
Themen wie diese werden seit Jahren in der politischen Philosophie und den Rechts- und Staatswissenschaften verhandelt, aber in einer anderen, auf Verständlichkeit angelegten Sprache. Vereinfacht gesagt geht es um die Spannung zwischen Souveränität und den Kompetenzen supranationaler Organisationen. Dieser allgemeinverständlichen Begrifflichkeit bedient sich die Enzyklika nicht. Steht sich das kirchliche Lehramt damit nicht selbst im Weg?
Die Kirche hat nicht nur den Diskurs mit den Wissenschaften zu pflegen, sondern spricht zu den Gläubigen, zu Politikern, ja allen Menschen guten Willens.
Zur Sache: Die Soziallehre der Kirche geht aus gutem Grund mit der Zeit. Die erste päpstliche Sozialenzyklika 1891 entstand vor dem Hintergrund der industriellen Revolution. Vierzig Jahre später setzte sich Pius XI. von Kommunismus und Liberalismus ab. 1967 machte Paul VI. die Folgen der Entkolonialisierung zum Thema ...
... die F.A.Z. sah damals einen Hauch von Marxismus durch die Kirche wehen ...
... 1991 warb Johannes Paul II. für eine neue Wirtschaftsordnung jenseits von Planwirtschaft und ungezügeltem Kapitalismus, jetzt dringt Benedikt XVI. auf eine Humanisierung der Globalisierung. Wird das Lehrschreiben den hochgesteckten Erwartungen gerecht?
Die wichtigen Themen sind alle genannt, oft mit neuen Aspekten. Nehmen Sie die Grundüberzeugung von der Gleichheit aller Menschheit und den Völkern als gleichberechtigten Mitgliedern einer Menschheitsfamilie. Wie kommen wir überhaupt dazu, davon zu sprechen und nicht den Zusammenprall von Kulturen zwar nicht als Ziel, aber als treibende Kraft der Geschichte anzusehen? Diese Überzeugung wurzelt letztlich in der jüdisch-christlichen Lehre von der gleichen Würde aller Menschen vor Gott. Dieser Überzeugung muss die Kirche nicht nur immer wieder Gehör verschaffen. Sie muss auch darüber wachen, dass die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse dieser Überzeugung gerecht werden.
In diesem Zusammenhang rehabilitiert der Papst einen Begriff, den er als Joseph Kardinal Ratzinger im Gespräch mit Jürgen Habermas vor Jahren als Instrument in ethischen Debatten implizit als untauglich, da leider stumpf geworden bezeichnet hatte: Naturrecht.
Papst Benedikt will mit dem Begriff Naturrecht deutlich machen, dass die Vorstellung unveräußerlicher Menschenrechte an der Vorstellung einer gemeinsamen, gottgegebenen Natur des Menschen hängt und dass diese Rechte der Verfügung der Gesellschaft und des Staates entzogen sind. Man kann von einer Enzyklika nicht erwarten, dass sie wissenschaftliche Debatten führt. Sie beschreibt vielmehr das, woran die Kirche festhält: den Beitrag des Christentums als einer auf Glaube und Vernunft gestützten, reflektierten Religion zum Zusammenleben der Menschen.
Die deutschen Bischöfe schlugen während ihrer Vollversammlung in Hamburg in diesem Frühjahr vor, die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft zu globalisieren. Davon ist in dem Lehrschreiben nicht die Rede. Hat man im Vatikan nicht das Vertrauen, dass die Freiheit im Ganzen mehr Dynamik zum Guten als zum Schlechten auslöst, wie es in Hamburg hieß?
Diese anthropologische Annahme durchzieht die ganze Enzyklika. Das Thema Freiheit kommt immer wieder vor, auch eine insgesamt zuversichtliche Weltsicht: Der Mensch ist zum Guten berufen und auch fähig. Das Thema Erbsünde ist auch da, interessanterweise aber nur gestreift.
Und die Soziale Marktwirtschaft?
Der Begriff kommt nicht vor, wohl aber die Sache: Der Markt selbst ist nicht von Übel, aber er muss zum Wohl aller reguliert werden; der Staat hat eine besondere Rolle, er ist nicht erledigt, wie manche gemeint haben; und nicht zu vergessen ist die Gesellschaft - was selbst in Deutschland oft genug geschieht. Eine Gesellschaft lebt nicht nur von dem, was Menschen einander schulden und was die Wirtschaft produziert, sondern auch von dem, was Menschen einander aus freien Stücken und unentgeltlich an Gutem tun. Das betont Benedikt XVI. sehr stark. Ich finde, man muss etwa kritisch hinterfragen dürfen, warum in Deutschland der Begriff der Gemeinnützigkeit offenbar so in Verruf gekommen ist, dass sich sogar soziale Einrichtungen in wirtschaftlicher Hinsicht an Aktiengesellschaften orientieren, also am materiellen Gewinn.
Mit ungewöhnlich deutlichen Worten prangert der Papst übertriebene Formen des Wissensschutzes seitens der reichen Länder an, genauer eine zu strenge Anwendung des Rechts auf geistiges Eigentum, speziell im medizinischen Bereich; über einige arme Länder heißt es, es bestünden kulturelle Leitbilder und gesellschaftliche Verhaltensnormen fort, die den Entwicklungsprozess bremsen. Was ist damit gemeint?
Sie zitieren Beispiele für Themen, auf die der Papst das Augenmerk der Weltöffentlichkeit lenken möchte. Wir haben in Nord wie Süd Wohlstandsgewinne, aber auch neue Spaltungen. Manche Hindernisse für den Fortschritt der Menschheit sind mittlerweile beseitigt, andere nicht, einige neue sind hinzugekommen. Konkrete Lösungsvorschläge sind in einer Enzyklika nicht zu erwarten. Wohl aber Warnungen und Ermutigungen zur rechten Zeit: Die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise birgt die Gefahr, die vorhandenen Ungleichheiten eher zu verstärken als zu verringern.
Die bisherige Praxis öffentlicher Entwicklungshilfe scheint dem Vatikan mangelhaft zu sein: Die internationalen Hilfen sind oft durch Verantwortungslosigkeiten sowohl in der Kette der Geber als auch in der der Nutznießer zweckentfremdet worden.
Auch eine starke Aussage, nicht?
Was folgt daraus etwa für katholische Kirche in Deutschland, die seit Jahren zu den weltweit größten Gebern von Entwicklungshilfe zählt? Muss sie sich angesprochen fühlen?
Die Warnungen des Papstes vor neuen Abhängigkeiten von Entwicklungshilfe und vor Entwicklungshilfe als Einfallstor für Korruption und Machtmissbrauch in den Empfängerländern müssen unbedingt ernst genommen werden. Aber der Papst fordert nicht, die Entwicklungshilfe abzuschaffen. Er verlangt sogar mehr Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft - aber in einer engen Verzahnung mit der politischen Entwicklung vor Ort und der Beteiligung derer, die in den Entwicklungsländern die Probleme sehen. Die Zeiten liberaler, rein marktwirtschaftlich orientierter Politik der Geberländer und einiger Institutionen wie des Weltwährungsfonds dürfen nicht wiederkehren. Manche scheinbar ökonomischen Notwendigkeiten wurden zu Lasten der Armen durchgeführt.
Was wird der Erzbischof von München und Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz mit dem päpstlichen Lehrschreiben machen?
Ich habe genug zu tun nach der Enzyklika. Zunächst wird eine wissenschaftliche Tagung in Eichstätt stattfinden, und dann werden wir sehen, welche der vielen wichtigen Themen der Enzyklika wir als erste aufgreifen und weiterführen und in den politischen Diskurs einbringen.
Das Gespräch mit dem Erzbischof von München und Freising führte Daniel Deckers.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp