Klimawandel

Wir können zum Gewinner der Krise werden

Connie Hedegaard, dänische Klima- unnd Energieminsterin, auf dem Pekinger Gipfel zur Klimapolitik im letzten November.

Connie Hedegaard, dänische Klima- unnd Energieminsterin, auf dem Pekinger Gipfel zur Klimapolitik im letzten November.

30. Januar 2009 Steht der Klimaschutz auf der Kippe? Da ist einerseits die Weltwirtschaftskrise, die den Klimaschutz bedroht, andererseits kommt aus Washington frischer Wind in eine ganz andere Richtung.

Offengestanden bin ich überrascht, wie wenig wir die Krise spüren. Obwohl wir die größte Rezession seit den 1920er Jahren erleben, reden wir immer noch über die Herausforderungen für das Weltklima und die Energiezukunft. Das hätte vor drei Jahren noch niemand für möglich gehalten. Das beweist, dass die Führungskräfte das Potential erkennen, einige der ökonomischen Herauforderungen zu lösen, indem man die Energiegewinnung verändert, in erneuerbare Quellen investiert und in neue Technologien. Chinas Konjunkturpaket hat zu einem Viertel etwas mit regenerativen Energien zu tun. Ich sage ja nicht, dass Klimaschutz durch die Finanzkrise leichter wird. Aber sie wird als Chance erkannt.

Bedarf es dazu unbedingt einer neuen internationalen Behörde, einer Agentur für erneuerbare Energien, die Sie jetzt in Bonn mit gegründet haben?

Seit dem Umweltgipfel in Johannesburg 2002 hatten wir das Gefühl, dass die erneuerbaren Energien international heimatlos sind. Jetzt haben sie eine Heimat und schon viele neue Freunde. Es ist erstaunlich, wie viele der 75 Unterzeichnerstaaten und der Dutzenden Beobachter aus Nicht-Industrieländern kommen. Der Scheich von Abu Dhabi will sogar den Sitz der Agentur in seinem Land haben. Dort wird zurzeit eine der größten Solarproduktionen der Welt aufgebaut. Der Minister von Saudi-Arabien geht davon aus, dass sein Land in wenigen Jahrzehnten mehr Solarenergie exportieren kann als heute Erdöl. Jedes Land hat seine eigenen Gründe. China will sauberere Luft, Ägypten sieht durch den Klimawandel sein Nildelta gefährdet und will 2020 zwanzig Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen, Das ist so viel wie Europa. Das hat sich in den letzten vier Jahren dramatisch verändert. Vorher hieß es, Klimaschutz ist das Problem allein der Industrieländer, sie haben es verursacht, und sie haben es zu lösen. Mittlerweile fragt sich jeder, der betroffen sein könnte, wie man kooperieren kann.

Trägt zu Ihrer Euphorie auch Obamas Politikwende in Sachen Klima bei?

Präsident Obama hat eine sehr starke Antrittsrede gehalten, weil er dabei geblieben ist, was er im Wahlkampf zum Klimaschutz gesagt hat. Und das, obwohl sich ja die Krise seit November nochmal verschärft hat. Ich bin absolut sicher, dass er seine Versprechen halten wird.

Sein Stab und die amerikanische Politik bestehen aber nicht nur aus Klimaschützern. Was, wenn er doch noch gebremst wird?

Wir haben inzwischen sehr gute Kontakte mit den Leuten in Obamas Mannschaft. Wir dürfen davon ausgehen, dass er es ernst meint, wenn er sagt, dass Amerika den Anteil an Erneuerbaren verdoppeln will. Und wenn ich jetzt sehe, was er mit den Emissionsregeln für Autos macht, indem er strengere Regelungen in den Bundesstaaten wieder zulässt, dann bin ich sehr optimistisch. Er sieht die ökonomischen Möglichkeiten auch in der Krise. Ich glaube auch, dass er persönlich ein sehr aufrichtiger Mensch ist, der es ernst meint. Das gilt auch für Außenministerin Clinton. mit der letztlich die Klimaverhandlungen geführt werden. Sie unterstützt seit Jahren die Klimaschutzagenda.

Der Chef des Weltklimarates, Pachauri, schien vor kurzem gar nicht so begeistert von Obamas Zielsetzungen, sondern eher unzufrieden mit dessen Terminplan.

Das war drei Wochen nach der Wahl, als Obama angekündigt hat, die Emissionen auf dem Niveau von 1990 zu stabilisieren statt sie zu reduzieren. Ich sehe das etwas anders. Wir sollten sehen, dass im letzten April noch Präsident Bush ankündigte, Amerika wolle die Emissionen erst im Jahre 2025 stabilisieren. Obama hat also drei Wochen nach seiner Wahl, mitten in der größten finanziellen Krise, die Emissionsmöglichkeiten Amerikas um 35 Jahre zurechtgestutzt. Natürlich hoffen immer noch viele, dass Washington mit Reduktionszusagen aufwarten wird. Aber wir dürfen nicht zu viel erwarten. Mitte März werden wir uns mit der Administration in Washington darüber reden.

Kann es ein Folgeabkommen für Kyoto geben, ohne dann auch die schnell wachsenden Schwellenländer wie China, Indien, Russland und Brasilien in die Pflicht zu nehmen?

Vor einem halben Jahr hat der südafrikanische Umweltminister zugesagt, bis 2025 die Emissionen zu stabilisieren und danach zu reduzieren. Das war ungemein mutig, so etwas im eigenen Land anzukündigen, einem Entwicklungsland. Als das Kyoto-Protokoll unterzeichnet wurde, kamen zwei Drittel der Emissionen von Industriestaaten, heute stammen mehr als die Hälfte von Entwicklungsländern, und 2020 werden es zwei Drittel aus Entwicklungsländern sein. Immer mehr dieser schnell wachsenden Staaten erkennen, dass sie etwas tun müssen. Bevor wir also das Paket in Kopenhagen schnüren, müssen wir erst eine finanzielle Lösung finden, wie wir neue Technologien in diese Länder bringen können und dort Anpassungsmaßnahmen bezahlbar werden. Doch wenn wir Milliarden auf Milliarden in diese Länder pumpen, dann müssen wir auch sicher sein können, dass danach die Dinge auch wirklich besser geregelt sind als vorher. Geld für Klimaschutz muss sich auszahlen.

Ist man im Zeitplan für Kopenhagen?

In Bali haben alle Staaten zugesagt, dass bis dahin, bis Ende dieses Jahres, eine Nachfolgereglung gelingen muss. Da sind aber noch viele technische Fragen zu klären. Allein in diesem Jahr wird es noch vier wichtige technische Konferenzen geben. Die Leute hauen sich da die Paragraphen nur so um die Ohren. Wenn es sein muss, können die Fachleute zehn Jahre um ein und denselben Paragraphen streiten. Wir brauchen jetzt aber mehr politische Führung.

Wie wollen Sie das beschleunigen?

Schon nächsten Monat in Nairobi auf der Tagung des Uno-Umweltprogramms wollen wir alle Umweltminister überzeugen, dass jetzt politische Entscheidungen nötig sind, und wir uns nicht weiter in technischen Fragen verheddern dürfen. Deshalb müssen wir unbedingt die Regierungschefs und die Finanzminister gewinnen, rasch die Weichen zum Beispiel in der Energiepolitik zu stellen.

Sie haben im „Independent“ geschrieben, dass die Europäer bis zum Jahr 2020 bis zu 45 Prozent ihrer Emissionen, gemessen an 1990, reduzieren müssten. Ist das ein realistisches Ziel für Kopenhagen?

Sicher ist, das Ziel muss so ambitioniert wie möglich sein. Wir müssen zuerst auf das hören, was die Wissenschaft für nötig hält. Und sie sagt, dass wir nur noch zehn bis fünfzehn Jahre haben, die Emissionen zu stabilisieren. Es geht jetzt nicht um Ziele für 2050. Ich verhandele ungern über das Jahr 2020 hinaus. Wir müssen einen Pfad definieren, der sicherstellt, dass die Länder sofort einen nachhaltigeren Weg einschlagen, nicht erst 2040. Wir haben damit auch die große Chance, unabhängiger zu werden. Dänemark hat sich vorgenommen, das energieeffizienteste Land Europas zu werden, dafür erheben wir auch Steuern.

Was kostet das den dänischen Steuerzahler?

Wir haben ausgerechnet, dass es pro Familie etwa zwanzig Euro pro Jahr gekostet hat, den Anteil der erneuerbaren Energien von elf Prozent 2001 auf heute 17 Prozent zu bringen. 2011 wollen wir bei 20 Prozent liegen, 2020 bei 30 Prozent.

John McCain und Angela Merkel haben Sie schon zu den schmelzenden Gletschern nach Grönland eingeladen, um ihnen die Dringlichkeit des Klimaschutzes vor Augen zu führen. Werden Sie auch Präsident Obama einladen?

Ich habe noch keine Einladung verschickt. Für viele Menschen ist das aber auf jeden Fall ein Augenöffner, was sie in Grönland zu sehen bekommen.

Nötig hätte das aber wohl eher die amerikanische Öffentlichkeit. In Umfragen hatte die Klimapolitik jüngst bei der Hälfte der Amerikaner keinen hohen Stellenwert.

Vielleicht noch wichtiger ist es, die Geschäftswelt zu gewinnen. In Kopenhagen werden wir ein Treffen mit bis zu tausend Vorstandsvorsitzenden aus der ganzen Welt organisieren. Es heißt „Kopenhagener Klimalösungen“. Damit wollen wir allen, auch den Amerikanern, beweisen, dass es kein abstraktes Thema ist. Wir wollen vielmehr zeigen, wie viel Fortschritt in dem Thema steckt und welche positiven Aspekte es enthält, neue Arbeitsplätze etwa. Die Amerikaner werden das sicher verstehen.

Erwarten Sie Obama in Kopenhagen?

Wir wissen es noch nicht. Möglich.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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