Kölner Moschee

Wenn man Minarette will, müssen sie groß sein

Von Andreas Rossmann

Paul Böhm und sein Entwurf

Paul Böhm und sein Entwurf

23. August 2007 „Wer kein Minarett gebaut hat, könnte glauben, es sei aus dem Boden gewachsen.“ Das türkische Sprichwort, mit dem Mehmet Yildirim, der Vorsitzende der Ditib, die Pressekonferenz zum aktuellen Planungsstand der Moschee eröffnete, kann in Köln nicht mehr gelten. Auch wenn der Bauherr es gerne als naturgegeben ansehen oder doch so hinstellen würde, das Minarett ist kulturell begründet und nicht unumstritten.

Dass Fragen dazu mit dem Hinweis auf das unterstellte Einverständnis abgetan werden, es gehe doch gar nicht um den Moscheebau, sondern um Integration, bezeichnet ein Dilemma: Als sei sie stumm und voraussetzungslos, wird der Architektur eine eigene Aussage abgesprochen - eine Entwertung, wie sie, wenn an derselben Stelle ein Einkaufkaufszentrum oder Spaßbad errichtet würde, sicher nicht so einfach hingenommen würde.

Wesentliches nicht geändert

Dabei war es der Architekt Paul Böhm, der die Pressekonferenz weitgehend bestimmte: Wesentliches hat er an seinen Plänen, die in Fortentwicklung des Wettbewerbsentwurfs eine freistehende Kuppel als Gebetsraum vorsehen (siehe: Interview Paul Böhm: Ich möchte die Muslime aus dem Hinterhof holen), nicht geändert. Die Höhe der beiden Minarette von fünfundfünfzig Metern ist er, auch wenn die Kölner CDU das auf ihrem Parteitag zur Voraussetzung für ihre - politisch wie rechtlich nicht erforderliche - Zustimmung gemacht hat, nicht bereit zu reduzieren: Am Modell wie mit einer Computersimulation kann er plausibel machen, dass schon bei einer Variante von neunundvierzig Metern das Verhältnis zum Gesamtkomplex wie zur umliegenden Bebauung nicht mehr stimmt. Lediglich die Form der Minarette hat er überarbeitet und schlägt statt eines quadratischen nun einen schalenförmigen Grundriss vor, der sie filigraner, offener und abstrakter aussehen lässt: „Sie ergeben sich jetzt organisch aus der Schalenkonstruktion des Gebetsraums.“

Die größere Frage, warum auf dem vielfach belasteten Symbol Minarett bestanden wird, aber bleibt außen vor. Denn Türme sind für die Ditib, wenn schon nicht naturgegeben, so doch unabdingbar: „Kuppeln und Minarette sind authentische Bestandteile des Erscheinungsbildes unserer Gotteshäuser. Sie sind Teil unserer Identität, so wie der Kirchturm und das Kirchenschiff Teil einer christlichen Kirche sind“, erläutert eine „Infobroschüre“, die den Presseunterlagen beiliegt und deren Titelblatt ein Foto schmückt, auf dem ein Passant, der nur vom Gürtel abwärts gezeigt wird, auf der Venloer Straße mit einer Stofftasche unterwegs ist. Aufgedruckt ist ihr die Silhouette des Moschee-Entwurfs und darunter steht: „Wir sind Kölle.“ Womit „unsere“ Identität die „kölsche“ schon im Sack hat.

Doch im Ernst: Die moderne Kirchenarchitektur, auch die der Böhms, besteht auf dem Turm ebenso wenig wie auf dem Schiff, schon die Renaissance kannte auch Zentralräume, die in der evangelischen Kirche von jeher bevorzugt werden. So wird mit Pauschalisierungen und Dreiviertelwahrheiten eine differenzierte Diskussion über die Architektur der Moschee abgeblockt. Womöglich auch in der Ditib selbst. Einem Insider zufolge haben dort immer noch die Vertreter der ersten Generation das Sagen - „und das Geld“.



Text: F.A.Z., 23.08.2007, Nr. 195 / Seite 36
Bildmaterial: dpa

 
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