09. Juli 2009 Moses Dabula trägt einen blauen Overall, auf dem der Schriftzug seines Arbeitgebers prangt, und einen dicken Knüppel in den Händen. Den habe ich dabei, um meine Wut zu demonstrieren, sagt er. Für gewöhnlich hält Moses eine Maurerkelle, mit der er die Wände des Soccer-City-Stadiums in Soweto verputzt. Aber Moses will nicht mehr. Ehrlich, ich fühle mich nicht gut dabei, sagt er über den Streik, der nahezu alle WM-Baustellen des Landes seit Mittwochnachmittag lahmlegt. Aber es geht einfach nicht mehr. 2500 Rand verdiene er als Maurer im Monat, das sind umgerechnet 227 Euro. Für die Anfahrt zur Baustelle zahle er 400 Rand im Monat. Die Miete für sein kleines Häuschen in Soweto betrage 1200 Rand. So blieben ihm und seiner Familie 900 Rand oder 81 Euro zum Leben. Dabei sind die Preise für Lebensmittel in den vergangenen Monaten um 15 Prozent gestiegen, die für Treibstoff ebenfalls und jetzt will der Energiekonzern Eskom mitten im südafrikanischen Winter auch noch die Strompreise um 30 Prozent erhöhen. Wir haben die Nase voll, sagt Moses. Die umstehenden Arbeiter brummen zustimmend.
Danny Jordaan, der Vorsitzende des lokalen WM-Organisationskomitees, tat in einem Rundschreiben am Donnerstag seine Sympathie für die Streikenden kund und bezeichnete die Arbeiter als das Herzblut der südafrikanischen WM-Anstrengungen. Das war eine elegante Art, den Ball zurück in das Lager der Bauindustrie zu spielen und sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, sollte es tatsächlich zu dramatischen Verspätungen bei der Fertigstellung der Fußballarenen kommen. Die Konzerne aber wehren sich gegen die Forderungen mit dem Hinweis, die Arbeiter stellten neben einer Lohnerhöhung von 13 Prozent ein Bündel von sozialen Forderungen, was einer Gehaltssteigerung von 65 Prozent gleichkomme. Die Situation scheint verfahren zu sein, und so rufen Gewerkschaften, Organisationskomitee und Bauindustrie nach dem Staat, für den die WM langsam zu einem finanziellen Fiasko zu werden droht.
Machtprobe mit der Regierung
Nach offizieller Lesart liegt das Gesamtbudget für die Stadien inzwischen bei umgerechnet 2,7 Milliarden Euro statt der ursprünglich vorgesehenen 2,6 Milliarden Euro. In der Presse ist längst von 4,5 Milliarden Euro die Rede - von den Kosten für zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen wie etwa der neuen Zugverbindung Gautrain in der Provinz Gauteng, dem Ausbau der Flughäfen von Johannesburg und Kapstadt und dem Neubau des Flughafens von Durban ganz zu schweigen. Dabei steckt Südafrika in der ersten Rezession seit 17 Jahren und könnte das Geld besser für die versprochenen Programme zu Armutsbekämpfung gebrauchen.
Der Streik ist nicht zuletzt der Ausdruck einer Machtprobe zwischen den Gewerkschaften und der neuen Regierung unter Präsident Jacob Zuma. Der war mit der Unterstützung der Gewerkschaften zum Präsidenten der Regierungspartei African National Congress (ANC) aufgestiegen, wollte anschließend aber nichts mehr wissen von deren Forderungen nach einem wirtschaftspolitischen Linksruck. Es hat lange gedauert, bevor die Gewerkschaften die geplante Fußballweltmeisterschaft als politisches Instrument entdeckten. Jetzt aber nutzen sie es meisterlich. Imali eyethu (das ist unser Geld) skandieren etwa die Streikenden vor dem Soccer-City-Stadium. Sie meinen die Unsummen an Steuergeldern, die das Fußball-Großereignis kosten wird.
Fan-Transport gefährdet
Die Sorge indes, der Streik werde die fristgerechte Fertigstellung der Stadien beeinträchtigen ist vorläufig unbegründet. Vier Stadien haben im Juni schon den Konföderationen-Cup beherbergt. Sechs Neubauten streben ihrer Vollendung entgegen. Das Green-Point-Stadium in Kapstadt etwa soll wohl schon in November fertig sein; das Prestigeobjekt dieser WM, das riesenhafte Soccer-City-Stadium in Soweto, ebenfalls. Selbst zwei Monate Streik dürften keine Auswirkungen auf den fristgerechten Anpfiff des Auftaktspiels am 11. Juni 2010 haben.
Schlimmer könnte es den Gautrain treffen, der als das Rückgrat für den Transport von geschätzten 300.000 Besuchern alleine im Großraum Johannesburg gilt. Aufgrund technischer Schwierigkeiten hat sich die Einrichtung der Zugverbindung schon so sehr verzögert, dass der Gautrain bestenfalls zwei Wochen vor Beginn der WM betriebsbereit sein dürfte. Er soll den Flughafen von Johannesburg mit der Innenstadt verbinden und in Kombination mit einem Schnellbussystem für ein zügiges Fortkommen der Fußballfans in der Metropole sorgen, wo sich das Gros der Fans konzentrieren wird. Dabei hatte der Weltfußballverband Fifa nach dem Konföderationen-Cup genau dies kritisiert: die völlig unzulänglichen Transportkapazitäten im Land. Wenn dieser Engpass sich aber schon bei einem Turnier mit insgesamt 16 Spielen so deutlich zeigte, mag man sich gar nicht vorstellen, wie das bei der WM mit 64 Spielen aussehen wird.
Für Moses Dabula ist die Bedingung für den Fortschritt der Bauarbeiten ganz einfach: Ich will genug Geld verdienen, um mir ein Ticket für ein Spiel kaufen zu können, sagt er. Schließlich habe ich das Stadion gebaut.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa