13. Dezember 2008 Eugene Kaspersky wurde schon der Bill Gates von Russland genannt. Gegründet hat er sein gleichnamiges Unternehmen 1997 in Moskau. Seine Anti-Viren-Software hat in Deutschland mittlerweile Programme wie Norton vom obersten Platz verdrängt. Von Moskau aus will der Russe die Welt erobern. Ein Gespräch über Schwierigkeiten bei der Virenbekämpfung, die Mentalität von Cyberkriminellen und die Schäden, die durch sie entstehen.
Herr Kaspersky, in Deutschland ist ihr Unternehmen Marktführer bei der Anti-Viren-Software, weltweit stehen sie an vierter Stelle, wollen aber schon im nächsten Jahr den dritten Platz einnehmen. Woher kommt der Optimismus?
Schauen sie sich doch einfach die aktuellen Wachstumszahlen verschiedener Firmen in Amerika an. Auf dem amerikanischen Markt für Anti-Viren-Software, die an Privatkunden verkauft wird, hatten alle unsere Konkurrenten wie Symantec oder Trend Micro ein deutlich negatives Wachstum. Nur wir haben zugelegt! Und zwar um 57 Prozent.
Aber der Markt an Security-Software ist doch überschaubar. Ist es da nicht relativ einfach, so nach vorne zu stürmen?
Wie bitte? Allein in Amerika kann ich ihnen zwölf Anbieter nennen. In Deutschland sind es sogar 22 Hersteller von Anti-Viren-Software.
In Deutschland sind sie schon Nummer Eins mit einem Marktanteil von 53 Prozent, in England liegt er gerade mal bei einem Fünftel. Woran liegt das?
Die Engländer sind eher verhalten, was den Produktwechsel bei Software-Programmen angeht. Deswegen gestaltet sich der Markt dort schwierig. Außerdem dauert es in England lange, bis man dort in den Einzelhandel kommt. Wieder anders ist es in Frankreich. Dort scheint man, viel durch Marketing zu erreichen. Und die Deutschen wiederum schauen mehr auf Qualität und neue Technologien.
Wie ist das Verhältnis zwischen Endprodukten für PC-Nutzer und Komplettlösungen für Firmen?
55 Prozent aller Software verkaufen wir in klassischer Form, also als Softwarepaket im Laden. Diesen Anteil zu erreichen, war nicht schwer. Ihn noch zu steigern, wird eine echte Aufgabe sein. Aber wir wollen das tun. In Deutschland zum Beispiel werden wir noch enger mit den großen Elektronikhandelsketten zusammenarbeiten.
Und wie sieht das Geschäft mit den Unternehmen aus?
Unternehmen verhalten sich sehr konservativ. Sie zögern lange mit der Umstellung auf neue Produkte, weil ein Anbieterwechsel teuer ist und weil auch die IT-Leute neu trainiert werden müssen. Das braucht Zeit.
Die Zeit der klassischen Viren ist vorbei, mit denen Programmierer Festplatten löschten oder ihre Botschaft auf den Bildschirm zauberten. Jetzt sind zunehmend Betrüger am Werk. Wie bedrohlich ist die sogenannte Cyberkriminalität wirklich?
Der finanzielle Schaden, den die Cyberkriminellen anrichten, ist enorm. Ich würde schätzen, dass es bestimmt 100 Milliarden Dollar sind, die Betroffenen insgesamt gestohlen worden sind. Statistische Erhebungen dazu gibt es nicht viele, zudem werden nur wenige Opfer erfasst, weil viele keine Anzeige erstatten. Auch Unternehmen verschweigen häufig, welcher Schaden ihnen durch Cyberkriminalität entstanden ist, weil es ihren Ruf beschädigen würde.
In welchen Ländern sitzen diese digitalen Diebe?
Die meisten sitzen in China, Russland und Lateinamerika. Warum ist schwierig zu beantworten. Bevölkerungswachstum und die Verbreitung des Internets tragen zu dieser Art von Kriminalität bei. Doch obwohl beides auch für Indien zutrifft, gibt es kaum indische Internetbetrüge. Die wirtschaftliche Situation ist natürlich ein Grund. Aber auch die Mentalität der Menschen spielt eine große Rolle.
Da ist es ja praktisch, dass sie in Russland sitzen!
Nein, überhaupt nicht. Es ist ein Unterschied, ob Leute Viren schreiben oder sie bekämpfen können. Mit Schadsoftware zu attackieren, ist immer einfacher als Virenschutz dagegen zu programmieren. Deshalb brauchen wir sehr talentierte Leute hier bei uns.
Und woher kommen die?
Schon die Studenten von den Universitäten wollen unbedingt bei uns im Unternehmen arbeiten. Sie kennen uns, weil wir der führende Softwarehersteller in Russland sind. Wir haben schon 1000 Mitarbeiter, sind Nummer 4 in der Malware-Industry und wollen weiter wachsen. 2014 werden wir die Nummer Eins sein.
Die Fragen stellte Marco Dettweiler.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dettweiler
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