25. Oktober 2008 Wäre das Tiefstapeln eine olympische Disziplin, Horst Seehofer hätte am Samstag die Goldmedaille schon um den Hals hängen gehabt, bevor der Wettstreit um die Delegiertenstimmen beginnen konnte. Eine halbe Stunde vor dem Beginn des CSU-Parteitages schreitet der Kandidat durch die Reihen und gibt Auskunft zu seinem Befinden. Gut geschlafen habe er seit langem mal wieder, ein Jungbrunnen sei das gewesen. Und welches Ergebnis erwartet er bei der Wahl zum Vorsitzenden? Es kann so sein, dass ich zufrieden bin, oder so, dass es mich anspornt.“ Jedes Ergebnis, das zur Wahl führt“, sei gut, hatte er zuvor schon gesagt: Ich bin wirklich, das sage ich schon vorsorglich, mit allem zufrieden.“
Lange vor der Wahl kann Seehofer schon mal einen Eindruck davon bekommen, wie die Sympathien der Delegierten verteilt sind. Christine Haderthauer begrüßt auf ihrem letzten Parteitag als Generalsekretärin die Prominenz. Als Erstes ist Erwin Huber an der Reihe, der bloß ordentlichen Beifall bekommt. Erst später, nach seiner Rede, wird das etwas mehr sein. Dann wird Beckstein begrüßt. Geradezu stürmisch klatschen die Delegierten, Jubelrufe erschallen. Mit steinerner Miene schaut die Generalsekretärin zu, die auch bei Beckstein Staatssekretärin hätte werden können, sich aber damals für den Schleudersitz des Generalsekretärs entschied. Horst Seehofer klatscht mit Maß. Dann ist er an der Reihe. Das herzliche Willkommen dem designierten Parteivorsitzenden“ wird von den Delegierten mit ordentlichem Applaus bedacht, nicht mehr und nicht weniger.
Stoibers Schwäche ist kein Trost für Seehofer
Die interessanteste Reaktion ist die auf die Begrüßung des Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber: Es setzt Pfiffe und Buhrufe. Vor gut einem Jahr, als Huber zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, war es Stoiber noch gelungen, den Delegiertenabend des Parteitags in eine mehrstündige Feier seines 66. Geburtstages umzuwandeln mit der Bundeskanzlerin als Ehrengast. Doch für das politische Leben des Edmund Stoiber gilt offenbar nicht, dass es erst mit 66 Jahren beginnt. Als später der Delegierte Georg Pfister, der beim Reden seinen Hut nicht abnimmt, für Stoiber eine Lanze bricht und sagt, Pfiffe habe der nicht verdient, heben sich immerhin ein paar Hände zu Applaus.
Aber Stoibers Schwäche ist kein Trost für Seehofer. Der scheidende Vorsitzende Huber lässt in seiner Abschiedsrede als Parteivorsitzender den lieben Horst“ noch ganz gut davonkommen. Er lobt ihn immerhin dafür, dass er mit viel Geschick“ einen Koalitionsvertrag mit der FDP ausgehandelt habe.
Wie ungeschickt Seehofer bei der Bewältigung der Krise der Bayerischen Landesbank vorging, indem er den Rücktritt des Bankchefs betrieb, sich aber nicht durchsetzen konnte, lässt Huber unerwähnt. Daran hat er schließlich auch seinen Anteil. Grundsätzlich geht er immerhin auf die Milliardenverluste der Bank und seine Verantwortung ein. Aus dieser wolle er sich nicht davonstehlen, auch wenn alle wesentlichen Entscheidungen, die zu dem Desaster geführt haben“, vor seiner Zeit getroffen worden seien.
Seine Mutter habe ihn als Heranwachsenden zur Ausbildung in eine Bank schicken wollen, erinnert sich Huber. Er habe sich dagegen entschieden. Vielleicht, so sinniert er, hätte er das besser 2007 auch gemacht“. Da wurde er Mitglied im Verwaltungsrat der Bayerischen Landesbank.
Basis hinter Beckstein
Was anschließend passiert, ist sehr viel weniger angenehm für den angehenden Parteivorsitzenden, vor allem aber für den angehenden Ministerpräsidenten Horst Seehofer. In der Aussprache, die auf Hubers Rede folgt, meldet sich die Basis zu Wort – und die stellt sich hinter Günther Beckstein. Zwar kommen viele der Redner, wie Beckstein, aus Franken und üben sich mithin in landsmannschaftlicher Solidarität. Aber keineswegs alle.
Den gemäßigten Anfang macht der Oberbürgermeister von Erlangen, der frühere Ehemann der Landrätin Gabriele Pauli. Insbesondere in Franken, so sagt Siegfried Balleis, gebe es viele Wähler, die enttäuscht seien, weil sie Beckstein bei der Landtagswahl gewählt hätten, ihn aber nun nicht bekämen. Er macht dem Fast-Ministerpräsidenten klar, dass er gerade in Franken um Vertrauen werben muss. Der nächste Redner sagt es etwas direkter: Die Leute in Franken sagen mir, wir haben einen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein gewählt. Von einem Horst Seehofer war nie die Rede.“
Dann spricht der Niederbayer Peter Erl. Die Standorte der bayerischen Autoschmieden im Blick, berichtet er von Parteifreunden, die ihm sagten, sie hätten einen BMW namens Beckstein und Huber bestellt und nun bekämen sie mit Seehofer einen Audi. Der neue Parteivorsitzende kommt aus Ingolstadt, wo Audi produziert.
Seehofer redet und redet
Seehofer muss sich noch manche kritische Einlassung dieser Art anhören, bevor er antworten darf. Um 13 Uhr ist das, Seehofer stellt das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen mit der FDP in einer grundsätzlichen Rede vor. Da braucht er die Konkurrenz von Beckstein nicht zu fürchten, denn der hatte noch zwei Monate vor der Landtagswahl den bezeichnenden Satz gesprochen: Einen anständigen Bayern schüttelt es beim Gedanken an eine Koalition.“ Doch das ist Vergangenheit. Jetzt gilt es erst mal, die Beckstein-Freunde auf seine Seite zu ziehen. Seehofer versucht es gleich zu Beginn seiner Rede und lobt den scheidenden Ministerpräsidenten für sein Mitwirken an den Koalitionsverhandlungen, seine Fachkenntnis und seinen unermüdlichen Einsatz: Lieber Günther Beckstein, zuerst dir ein herzliches Vergelt’s Gott!“ Der Beifall bleibt mäßig.
Seehofer redet und redet, als wolle er jeden Delegierten einzeln auf seine Seite ziehen. Manches wiederholt er, wie die Forderung, die CSU müsse so Politik machen, dass sie künftig keinen Koalitionspartner mehr brauche. Den traurigen Zustand der Landesbank streift Seehofer nur knapp. Sein Interesse, den glücklosen Vorstoß gegen die Führung der Bank zu thematisieren, hält sich in engen Grenzen. Seehofer stellt sich zwar hinter die CSU-Forderung nach Rückkehr zur alten Pendlerpauschale und kündigt an, bei der Erbschaftsteuer bleibe die CSU Überzeugungstäter“. Wuchtige Kritik an der CDU oder gar deren Vorsitzender Angela Merkel erspart sich der Noch-Bundesminister aber.
Die Preußen haben uns nie gewollt
Erwin Huber war zuvor weniger zurückhaltend gewesen. Unter lautem Beifall und zustimmenden Rufen hatte er gesagt, etwas mehr Unterstützung der Schwesterpartei“ habe sich die CSU im Landtagswahlkampf schon vorstellen können. Georg Pfister, der Mann mit dem Hut und reichlich kabarettistischem Talent, wettert wenig später mit bajuwarischer Wucht gegen die mangelnde Unterstützung: Die Preußen haben uns nie gewollt. Die wollten immer nur unser Geld.“ Leider habe nie jemand seinen Vorschlag aufgegriffen, ein unabhängiges Bayern mit einem Imperator“ Edmund Stoiber auszurufen.
Ein paar Stunden Geduld muss Seehofer haben am Samstag. Aber am Ende geht die Sache für ihn gut aus. Um 14.50 Uhr wird das Ergebnis der Wahl des neuen Vorsitzenden verkündet. 84 Delegierte haben mit Nein gestimmt, 786 mit Ja, das sind 90,3 Prozent der 870 gültigen Stimmen. Seehofers Gesichtsausdruck wirkt so, als sei das die Kategorie zufrieden“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa
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