S&P-Krediteinschätzung

Harte neue Welt für globale Banken

Von Rodrigo Quintanilla und Tanya Azarchs

01. Juli 2009 Zur Jahresmitte 2009 sieht es so aus, als müssten sich globale Banken auf weitere Verluste einstellen, die nun auf die besser berechenbaren Kreditportfolios entfallen.

Bislang konzentrierten sich die Verluste vor allem auf die Wertpapierportfolios größerer Banken, insbesondere im Zusammenhang mit Handelsaktiva. Finanzinstitute stehen mit Blick auf ihre Geschäftsaktivitäten und Finanzprofile vor enormen Herausforderungen: Verschlechterung der Qualität eines breiten Spektrums von Vermögenswerten, höherer Kapitalbedarf, niedrigere Gewinne, zunehmende Regulierung, extreme Marktschwankungen und ein rezessives Wirtschaftsumfeld. Hinzu kommen grundlegende strukturelle Veränderungen der Branche.

Kreditwürdigkeit ist heruntergestuft worden

In jüngster Zeit haben wir viele unserer Bonitätsnoten und Ausblicke für Unternehmen in Nordamerika, Europa und Asien aktualisiert, um den bevorstehenden Chancen und Risiken Rechnung zu tragen.

Seit Mitte 2007 sind unsere Kontrahenten-Ratings amerikanischer Banken (auf Ebene der operativen Tochtergesellschaften) um durchschnittlich zwei Bonitätsstufen von A auf BBB+ gesunken. Die weitere Entwicklung der Einstufungen hängt von der Intensität des Konjunkturabschwungs ab. Fällt dieser stärker aus, als von uns gegenwärtig erwartet, dann könnten weitere Herabstufungen erforderlich werden. Nach unserer im Juni erstellten Basisprognose für die Vereinigten Staaten wird die derzeitige Rezession als die längste und schwerste seit der Großen Depression in die Geschichte eingehen; mit dem Beginn einer schleppend verlaufenden Erholung rechnen wir im vierten Quartal 2009.

Auf längere Sicht gehen wir davon aus, dass die von Präsident Barack Obama geplante Reform der Finanzregulierung - je nach Ausgestaltung der letztlich vom Kongress verabschiedeten Gesetze - in einer dauerhaften Verschiebung der Wettbewerbsdynamik resultieren könnte. Vor allem schärfere Kapitalvorschriften - obwohl aus Sicht von Anleihegläubigern generell begrüßenswert - könnten zu einem Wettbewerbsnachteil größerer Banken gegenüber kleineren Instituten führen, wenn die neuen Regelungen erstere enger an die Kandare nehmen würden.

Verschiebung der Wettbewerbsdynamik wahrscheinlich

Zu der vorgeschlagenen Reform des Finanzwesens gibt es aus Bonitätssicht noch mehrere offene Fragen: Wie sehen die Pläne zur Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen zwischen Banken und Nichtbanken aus? Wie werden die Methoden zur Lösung von Bankholding-Insolvenzen unsere Bonitätskriterien der Betriebsgesellschaft gegenüber jenen der Holdinggesellschaft beeinflussen? Wie wird sich die neue regulatorische Struktur auf die Ausfallwahrscheinlichkeit auswirken und wie werden sich unsere Annahmen hinsichtlich staatlicher Unterstützung verändern?

Wie ihre amerikanischen Pendants haben auch europäische Banken mit einer tiefen Rezession zu kämpfen, die bei den größten Akteuren des Sektors im vergangenen Jahr zu beispiellosen Verlusten geführt hatte. Die Rückstellungen für Kreditausfälle haben sich im Jahr 2008 im Vorjahresvergleich verdoppelt, und nach unserer Ansicht werden noch erheblich höhere Kreditausfälle zu beklagen sein.

Auch in Russland führt die sich verschärfende Rezession zu einem Anstieg der Problemkredite und Kreditausfälle im Finanzsystem des Landes, eine Entwicklung, die durch ihre Intensität nach unserer Einschätzung eine Restrukturierung und Rekapitalisierung des Bankwesens erforderlich machen wird. Im Rahmen unseres Basisszenarios prognostizieren wir den möglichen zusätzlichen Kapitalbedarf russischer Banken bis im Jahr 2011 auf bis zu 40 Milliarden Dollar.

Institute werden weiterem Druck und strukturellem Wandel ausgesetzt sein

Es gibt jedoch auch Lichtblicke im Bankensektor. Zwar spüren amerikanische Banken in praktisch allen wichtigen Märkten die schwerwiegenden Folgen sowohl der schwachen Konjunktur als auch ihrer eigenen steigenden Kreditausfälle, wir sind jedoch der Überzeugung, dass die wertpapierbezogenen Aktivitäten globaler Banken und Investmentbanken bereits das Schlimmste hinter sich haben. Wir revidierten daher vor kurzem unsere Ertragsprognosen 2009-2010 für strukturierte Wertpapiere (ABS, CDOs, RMBS), Kreditversicherungspapiere und Leveraged-Finance-Kredite, die bei unseren Analysen der damit zusammenhängenden Geschäftsfelder globaler Banken als Ausgangsbasis dienen.

Die staatliche Finanzhilfe für systemrelevante Institute und die erfolgreiche Kapitalaufnahme an den Eigen- und Fremdkapitalmärkten werten wir aus Bonitätssicht als positive Faktoren für bestimmte amerikanische und europäische Banken. Aus unserer Sicht haben diese auch zur Stärkung des Anlegervertrauens geführt.

Hinzu kommt unsere revidierte Risikoeinstufung des japanischen Bankensektors im Rahmen unseres Bank Industry Country Risk Assessment (BICRA), in der sich unsere Einschätzung widerspiegelt, dass sich die strukturellen Risiken für das Bankgewerbe in den vergangenen fünf bis sechs Jahren (d. h. nach der Phase des als „verlorenes Jahrzehnt“ bezeichneten Null- oder Negativwachstums der japanischen Volkswirtschaft) soweit abgeschwächt haben, dass der Bankensektor Japans mit hinreichender Wahrscheinlichkeit Wirtschafts- und Finanzkrisen meistern kann.

Trotz unserer jüngsten Herabstufungen von Banken rund um den Globus gehen wir davon aus, dass die Institute weiterem Druck und strukturellem Wandel ausgesetzt sein werden, was in den kommenden ein oder zwei Jahren zu einem anhaltend negativen Trend bei der Bonitätseinstufung führen wird. Der Abschwung wird für zahlreiche Institute nach wie vor Überraschungen bereithalten, insbesondere für solche mit einem hohen Anteil an riskanteren Kreditpositionen und/oder Kreditengagements in den von der Krise am stärksten getroffenen Volkswirtschaften.

Rodrigo Quintanilla ist Kreditanalyst bei Standard & Poor's Ratings Services. Tanya Azarchs ist Managing Director von Standard & Poor's Ratings Services.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: BIZ, FAZ.NET

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