Charttechnik

Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Quo Vadis?

Quo Vadis?

01. Juli 2009 Mut muss der Anleger haben. Ohne die Bereitschaft, Risiko zu schultern, lassen sich keine Renditen an den Finanzmärkten erzielen. Wer tapfer war und auf dem Höhepunkt der Panik im März einen kühlen Kopf bewahrte und investierte, wurde reichlich belohnt.

Jetzt scheint es ähnlich zu sein: nach der Kursrally müssen Investoren mit Blick auf die zweite Jahreshälfte wieder abwägen: Waren die Erholung, der Abbau der Risikoprämien, der Preisanstieg an den Rohstoffmärkten, der Kursgewinn an den Börsen nachhaltig und setzt sich die Rally fort, oder kommt nach der Euphorie die Ernüchterung?

Charttechniker: Korrektur vor weiterem Auftrieb

Wieder schätzen technisch orientierte Analysten und solche, die sich lieber an den Fundamentaldaten orientieren, die Märkte unterschiedlich ein. Im März warnten die Fundamental-Analysten, die das Marktgeschehen nach Konjunktur- und Unternehmensdaten abklopfen, noch vor den Gefahren der Kreditklemme und der Rezession. Die technischen Analysten witterten das Gegenteil: Nach ihrer Theorie sind die Kurse bereits ein Spiegelbild aller Ängste an den Märkten. Gerade wenn diese Panik am höchsten ist, dreht der Markt, und die Kurse steigen wieder. Nach der rein technischen Analyse warten die Analysten nun darauf, dass die Märkte ihre Erholungsrally vollenden.

Dabei besteht unter den Technikern lediglich ein Dissens, wie viele Elliott-Wellen in den bisherigen Index-Anstieg hineininterpretiert werden, wo die Indizes in der derzeitigen A-B-C Korrektur stehen und wie weit die Reise noch geht - bis 5.300 Zähler beim Dax oder letztlich gar bis über 6.000 Punkte. Zahlreiche technische Analysten sehen im Hochsommer eine deutliche Korrektur auf die Aktienmärkte zukommen, im Herbst aber wieder eine Erholung. Immer weniger Skeptiker fürchten, der Markt könnte wieder in den Bärenmarkt abtauchen und gar die Tiefstände von März unterbieten.

Die Fundamentalisten wollen von dieser technischen Sicht nichts wissen. Da die Theorien der Techniker innerhalb der Banken oft wenig anerkannt werden und zumindest der Konsens einer „Hausmeinung“ erzielt werden soll, prägt die fundamentale Sichtweise die Prognosen von Banken. Dies heißt nicht, dass sich Fondsmanager nur auf diese fundamentalen Prognosen verließen. Der sehr technisch reagierende Markt zeigt dies immer wieder. Danach sind Fibonacci-Widerstände, Elliott-Wellen und Zeitreihen durchaus wichtig und in Computerprogrammen der Fondsmanager berücksichtigt. Fundamentale Ereignisse werden im Nachhinein oft nur als Erklärung für das Marktgeschehen herangezogen.

Fundamentalisten sind optimistisch

Im Gegensatz zum März sind die Fundamentalisten jetzt ausgesprochen optimistisch: „Wir bleiben mit Blick auf die Anleihe- und Aktienmärkte im dritten Quartal bullish und erwarten eine fundamental getriebene Rally“, heißt es zum Beispiel bei Barclays Capital. Die zyklischen Werte an den Finanzmärkten seien zwar nicht mehr niedrig bewertet, als ob die große Depression bevorstünde. Aber das neue Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten und Europa, die höhere Produktivität nach den scharfen Kosteneinsparungen und die deshalb überraschend erfreulichen Gewinne seien nicht in den Kursen einberechnet.

„Deshalb glauben wir, dass die großen Indizes im dritten Quartal noch mal 20 Prozent zulegen werden.“ Barclays Capital setzt auf Industrie- und Technologieaktien, Energieaktien und rohstoffintensive Märkte wie Brasilien, Kanada und Australien und den hinterherhinkenden europäischen Aktienmarkt. Auch J. P. Morgan ist optimistisch, rechnet damit, dass die Unternehmensgewinne und Gewinnprognosen positiv überraschen werden und sich vor allem Investitionsgüter, Banken, Konsumwerte, Minenaktien und Technologie gut entwickeln werden: „Erst haben die Aktien von der sinkenden Risikoprämie profitiert, als Nächstes werden sie von den besseren Gewinnen beflügelt.“

Manchen Fondsmanagern ist die Rally schon etwas zu weit gelaufen. So rechnet die Fondsgesellschaft Pioneer Investments im dritten Quartal mit eher seitwärts tendieren Börsen. Der Fondsmanager stuft die Attraktivität von europäischen Aktien, Finanzwerten, Automobilaktien und zyklischen Konsumwerten gar ab, steht Rohstoffaktien, Versorgern und dem Agrarsektor jedoch positiv gegenüber. Allerdings äußert sich der Fondsmanager mit Blick auf Gesundheitswerte und Energiewerte eher skeptisch: „Die Luft ist etwas raus“, meint Thomas Radinger, Europa-Fondsmanager bei Pioneer.

Text: bes., F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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