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„2009 wird das Jahr der Nullrunden“

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20. Februar 2009 Ganz Deutschland zittert vor der Rezession. Doch wann und wie werden Arbeitnehmer sie im Portemonnaie zu spüren bekommen? Personalberater Marco Reiners hat dazu mehrere Umfragen gemacht. Im Interview erklärt er, in welchen Branchen es als erstes Nullrunden geben wird - und wo die Arbeitnehmer weniger stark um ihr Gehalt zittern müssen.

Herr Reiners, ganz Deutschland diskutiert über gierige Manager und maßlose Gehälter. Ist diese Debatte in den Unternehmen angekommen? Reagieren die Personalabteilungen darauf?

Definitiv. Das zeigen unsere Umfragen. Wir machen jedes Jahr im Mai und Juni eine Umfrage unter 400 Unternehmen und fragen die Gehaltserhöhungsbudgets für das kommende Jahr ab. Das haben wir auch im vergangenen Jahr getan. Und damals hatte die große Mehrzahl der Unternehmen keine Pläne, ihre Budgets zu reduzieren. Es gab damals im Schnitt noch Gehaltserhöhungsprognosen von etwa vier Prozent. Aber nach der Lehmann-Pleite hat sich die wirtschaftliche Gesamtsituation noch einmal rapide verschlechtert. Deshalb haben wir uns entschlossen, im Oktober und November nochmal zu fragen. Und da hat die große Mehrheit der Unternehmen schon gesagt: Wir reduzieren die Gehaltserhöhungsbudgets um mindestens ein Prozent.

Hört sich nach gar nicht so viel an, angesichts der derzeitigen Lage...

Ich diskutiere aktuell sehr viel mit den Personalabteilungen diverser Unternehmen und aus diesen Gesprächen lässt sich schließen: Wenn wir heute ein weiteres Mal nachfragen würden, würde das noch deutlich weiter nach unten gehen.

Das heißt konkret?

Es wird das Jahr der Nullrunden. An vielen Stellen sind wir jetzt schon so weit. 60 bis 70 Prozent der Unternehmen sagen: Für 2009 gibt es keine Gehaltserhöhungen. Der Rest wartet noch einmal ab.

Bei den Grundgehältern geht es also bergab. Was ist mit anderen Gehaltsbestandteilen?

Wir haben im November auch gefragt, ob die Unternehmen andere Maßnahmen ergreifen, um die Kostensituation in den Griff zu bekommen. Ein Großteil der Unternehmen hat gesagt, dass sich einiges ändert bei den variablen Vergütungen, sprich bei Boni und Tantiemen für 2009. Die werden eingefroren oder sie sinken - in vielen Fällen sicher auch auf Null.

Gilt das quer über alle Branchen?

Die Umfrage haben wir zwar nicht branchenspezifisch ausgewertet. Was ich aber aus der Erfahrung sagen kann ist, dass die Finanzbranche am meisten betroffen sein wird. Während für 2008 die Banker-Boni noch Schlagzeilen produzieren, wird die große Mehrheit der Banker 2009 den Gürtel enger schnallen müssen. Einfach weil sie in vielen Fällen durch ihre Gehaltsstruktur sehr stark von der variablen Vergütung abhängig sind.

Wo gibt es außerhalb der Finanzbranche die größten Effekte?

In der Automobilindustrie und bei den Zulieferern. In diesen Industrien werden wir 2009 extreme Einbußen für die Unternehmen sehen, was eben auch heißt, dass Gewinnbeteiligungen oder Boni für die Mitarbeiter - vor allem der höheren Hierarchieebenen - gering ausfallen oder auf Null gehen werden.

Wieviel vom Gehalt fällt denn dann weg?

Bei den Investmentbankern sind es sicher bis zu 60 oder 70 Prozent. Im Automobilbereich könnte ich mir vorstellen, dass 40 oder 50 Prozent der Gesamtvergütung für die Top-Führungskräfte weg sind.

Gibt es auch Branchen, die besonders wenig berührt sind?

Die Pharmabranche. Das ist insofern verständlich als sich hier auf der Nachfrageseite wenig verändert hat. Die Leute werden natürlich weiterhin krank und benötigen Medikamente - Krise hin oder her. Das heißt jetzt nicht notwendigerweise, dass die Pharmaunternehmen komplett um Gehaltsmaßnahmen herumkommen. Aber momentan sind sie nur vergleichsweise wenig betroffen.

Sind die Einbußen in Deutschland im europäischen Vergleich eher am oberen oder am unteren Ende?

Verglichen mit anderen EU-Ländern sehen wir in Deutschland vergleichsweise hohe Einschnitte. Das liegt daran, dass wir so extrem exportabhängig sind. Ob Autohersteller oder Maschinen- und Anlagenbauer - bei denen ist die Krise im Prinzip von heute auf morgen angekommen und die reagieren jetzt sehr schnell. Aber später im Jahr wird es bei unseren Nachbarn kaum anders aussehen.

Werden sich auch die Gehaltsstrukturen und -systeme ändern?

Bei den Unternehmen steht alles auf dem Prüfstand. Von den Gehältern über die Gehaltsstrukturen bis hin zu den Dienstwagen oder Kantinenzuschüssen. Sicher ist, dass die variablen Gehaltssysteme überprüft werden. Ist der Anteil der variablen Vergütung an der Gesamtvergütung richtig festgelegt? Sind die Kriterien, die zur Auszahlung eines Bonus führen, die richtigen? Erreiche ich mit meinem Gehaltssystem tatsächlich eine bessere Performance des Unternehmens? Wir sehen ja jetzt ganz plastisch bei den Bankern: Ihre Boni für 2008 müssen sie zum Teil ausgezahlt bekommen, auch wenn ihre Performance für Unternehmen und Aktionäre unter aller Kanone war.

In welche Richtung wird sich das Ihrer Meinung nach verändern?

Man könnte versuchen, den kurzfristigen Bonus nicht direkt am Jahresende für das laufende Geschäftsjahr auszuzahlen, sondern Teile der kurzfristig angelegten Boni längerfristig zurückzuhalten. Zum Beispiel könnte man sagen, dass 50 Prozent des kurzfristigen Bonus in Firmenaktien investiert werden muss, die der Betreffende dann erst wieder in zwei oder drei Jahren verkaufen kann. Das wäre ein mögliches Modell. Ansonsten sollte man sich auch noch mal die langfristigen Anreizsysteme anschauen und möglicherweise den Auszahlungszeitpunkt noch weiter nach hinten verlegen.

Ihre Umfrageergebnisse erwecken den Eindruck, dass das Drehen an der Gehaltsschraube vielerorts nicht ausreichen könnte. Wie sieht es mit den Stellen aus? Wie großflächig werden die Unternehmen 2009 entlassen?

Das wird großflächig kommen. Im Moment versuchen es viele ja noch mit Kurzarbeit. Das wird aber nicht ausreichen. Das geht vielleicht noch zwei bis drei Monate gut und dann wird das Radiergummi herausgeholt, dann geht es um Jobs. Wir sehen das jetzt schon in großen amerikanischen Unternehmen. Und zeitverzögert wird uns diese Entwicklung auch treffen. Der Boden der Krise ist noch nicht erreicht.

Und in Zahlen heißt das?

Ein Ergebnis unserer Studie war, dass 70 Prozent der Unternehmen gesagt haben: Leute zu entlassen ist eine Maßnahme, die wir momentan in Betracht ziehen. Und ich bin mir sicher: Inzwischen hat fast jedes deutsche Unternehmen Stellenstreichungspläne in der Schublade. Auch wenn sie das in der Öffentlichkeit vielleicht noch bestreiten.

Spekulieren Sie mal - bei wie viel Prozent der Unternehmen müssen tatsächlich Leute gehen?

Das hängt davon ab, wie lang die Krise anhält. Viele große deutsche Unternehmen können problemlos bis Mitte des Jahres durchhalten. Die haben sich in den letzten Jahren schlank aufgestellt, Kosten und Prozesse optimiert. Die können das verkraften. Aber wenn die Krise länger dauert oder sich die Lage verschlechtert, dann sehe ich schwarz. Dann werden 50 bis 60 Prozent der Unternehmen Leute entlassen müssen.

Marco Reiners ist Leiter der Vergütungsberatung für Deutschland und Österreich bei dem Beratungsunternehmen Hewitt Associates.

Das Gespräch führte Nadine Bös



Text: FAZ.NET

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