30. Oktober 2008 Zum ersten Mal, seit Garri Kasparow die Schachwelt vor 15 Jahren teilte, gibt es wieder einen unumstrittenen Weltmeister. Und dazu einen, dessen Stil den Freund des Spiels so begeistert wie den neutralen Fußballfan ein WM-Sieg der Brasilianer gegen Italien. Viswanathan Anand steht für den Mut zum Risiko und zu turbulenten, aufregenden Spielabläufen.
So gelang ihm ein überlegener Sieg gegen Wladimir Kramnik (siehe auch: 11. Runde der Schach-WM: Anand spielt seinen Lieblingszug), den Verwalter winziger Positionsvorteile, dessen Spiel wirkungslos blieb. Im Zeitalter des Schach-Computers, mit dem sich komplexeste Spielmuster durchspielen lassen, hat sich an der Weltspitze mit Leuten wie Topalow, Aronjan und dem 17 Jahre alten Magnus Carlsen eine neue, jugendliche Lust am Risiko etabliert. Als deren Vorreiter steht nun der 38 Jahre alte Anand ganz oben.
Weltmeister Anand ist über jeden Zweifel erhaben
So schön unübersichtlich das moderne Schachspiel geworden ist, so wohltuend übersichtlich könnten bald die neuen Schachstrukturen sein. Vorbei scheinen die Boxverhältnisse, als in verschiedenen Verbänden und mit unterschiedlichen Modi Weltmeister gekürt wurden, deren Namen die Öffentlichkeit kaum noch wahrnahm: wie Khalifman, Ponomarjow, Kasimjanow. Anand dagegen ist über jeden Zweifel erhaben.
Er hat WM-Titel in allen Wettkampfformen gewonnen, im K.o.-System, im Rundensystem, nun im Zweikampf. Mit der Rückkehr zu diesem Modus, in dem zwischen Titelverteidiger und Herausforderer von 1886 bis 1993 der alleinige König des Schachs bestimmt worden war (mit nur dreizehn Weltmeistern in 107 Jahren), hat Schach eine alte Stärke wiederentdeckt.
Kreativität und epochale Fortschritte der Denkkunst
Kenner der höheren Schachkunst bemängeln zwar, dass die spielerische Bandbreite und die Qualität der Partien bei einem Topturnier, bei dem jeder gegen jeden spielt, höher seien als bei einem WM-Duell, bei dem einer zwölfmal gegen immer denselben antritt. Doch die beiden Siege Anands mit Schwarz zeigten, dass auch im mehr von Nervenstärke und Vorbereitungsfleiß abhängenden Duellmodus höchste Kreativität und epochale Fortschritte der Denkkunst möglich sind.
Nun kommt es darauf an, das Unumstrittene, das den Weltmeister auszeichnet, auf den Modus zu übertragen, der die künftigen Herausforderer bestimmt – keine Undurchsichtigkeiten mehr, keine Privilegien, wie sie Kramnik lange bekam. Der Weg, mit dem Anands nächster Gegner wohl bestimmt wird – ein Duell zwischen dem Bulgaren Topalow und dem Amerikaner Kamsky –, ist noch eine Altlast aus den Zeiten der Zersplitterung.
Die globale Resonanz an der Schach-WM war enorm
Der übernächste Herausforderer aber muss, wenn der Weltverband nicht wieder den Zug verpassen will, in einem transparenten, langfristig angelegten System ermittelt werden. Sei es ein Ausscheidungsturnier der Besten der Weltrangliste, sei es ein Turnierzyklus aus Weltcup und Grand Prix.
Die WM in Bonn hat gezeigt, dass Schach, der Zweikampf der Hirne, als Zweikampf auch am besten vermarktbar ist. Die globale Resonanz war enorm. Und der Inder Anand, Held eines Milliardenvolkes, steht für den gewaltigen Schwung, den Schach in den aufstrebenden Nationen der Welt gewinnen kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters
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