Von Rafael Barth
03. Juli 2009 Das ist die beste Schulstunde des Jahres. Lehrerin Elke Heidl vom Frankfurter Goethe-Gymnasium sitzt mit Elftklässlern eines Französisch-Grundkurses im Grüneburgpark auf der Wiese, weil es einfach schöner ist, das Schuljahr so ausklingen zu lassen“. Es gibt Baguette, Nutella, Obsttorte und Lahmacun. Und ein bisschen Melancholie. Vorbei die Zeit, als man gemeinsam Krimis las, den Nobelpreisträger Le Clézio und Balzacs Das Mädchen mit den Goldaugen“. Lehrerin Heidl hat ihre Schüler gemocht, nun muss sie den Kurs abgeben. Leider, aber es ist so.“ Derweil denken die Gymnasiasten an die Sommerferien, die übernächste Woche anfangen. Marissa fährt nach Lloret de Mar, Mirko nach Kroatien. Die beste Zeit des Jahres beginnt.
Von der Terrasse eines Kaufhauses an der Hauptwache sieht man das dösende Frankfurt. Die U-Bahn-Rolltreppe schaufelt Menschen zutage. Auf den Straßen gehen, schlendern oder schlurfen sie. Aber keiner rennt. Das hessische Gesundheitsministerium hat die Hitzewarnstufe zwei ausgerufen — wegen der anhaltend starken Wärmebelastung von mehr als drei Tagen in Folge mit einer gefühlten Temperatur von mehr als 32 Grad“. Die Bürger sollten große körperliche Aktivität vermeiden, mahnt der Minister. Und die Bürger gehorchen. Auf der Terrasse pudert sich eine Frau das Gesicht, eine Freundin zieht ihr mit einem Stift die Augenbrauen nach. Die Dritte im Bunde fächelt sich Luft zu mit einem roten Reclam-Heft. Robert Bloch ist der Autor, Psycho“ der Titel.
Postkartenidylle ist dahin
Auch auf der Zeil ist Rot die gefragte Farbe. Kaum ist der Sommer da, müssen die Sommersachen unters Volk. Überall Prozentzeichen und Schilder mit Sale“, Soldes“, Rebajas“, Saldi“. Doch die meisten Leute bummeln einfach so umher. Ohne riesige Einkaufstüten. Ein großer Herrenausstatter hat wegen Umbaumaßnahmen die Preise gesenkt. Für ein orangenfarbenes Poloshirt mit weißen Streifen verlangt er 69,90 Euro, immerhin 20 Euro weniger als zuvor.
Die Frage nach den Umsätzen beantwortet Hans-Jürgen Schemberg, Büfettier im Standesämtchen“ auf dem Römerberg, mit einem Wort: katastrophal“. Normalerweise kommen die Amerikaner zuhauf in das Fachwerkhaus und bestellen auch an heißen Tagen Rippchen mit Sauerkraut oder Haxe, Hefeweizen oder Apfelwein. Nun aber bauen Arbeiter, denen die Sonne den Rücken rötet, eine Tribüne auf, von der aus das Publikum am Sonntag den Teilnehmern des Ironman zujubeln wird, die vor dem Rathaus ins Ziel einlaufen. Die Postkartenidylle ist dahin, Umleitungen halten Touristen vom Römer fern. Überhaupt scheinen nicht allzu viele in der Stadt zu sein. Oder jedenfalls nicht auf den Straßen, nicht auf den Brücken, nicht in den Doppelstockbussen. Schemberg blickt auf die Rückseite der Tribüne: Ab Dienstag wird hier wieder Normalität eintreten.“
Welterklärer der Nation
Zum Alltag des Restaurants Gerbermühle am Mainufer gehört, dass es zwischen Mittag und Abendessen nur wenige Gäste hat, zu den Mahlzeiten aber viele. Die Leute möchten einfach raus“, sagt Betriebsleiterin Janka Krauzpaul-Hoch im Biergarten, der Juni war viel zu schlecht. Heute Abend wird es wieder brechend voll.“ Als Gast angesagt hat sich der Welterklärer der Nation, Peter Scholl-Latour.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Nauck