Von Gregor Derichs, Madrid
28. August 2008 Für die Befürchtung von Trainer Fred Rutten über unangenehme Nachwirkungen des Desasters war Kapitän Marcelo Bordon das lebende Beispiel. Das Spiel zu verarbeiten, wird von der Psyche ganz schwer, sagte Rutten. Der Niederländer sah selbst ziemlich deprimiert aus, als er über die möglichen Folgen des 0:4 (0:1) bei Atlético Madrid sprach.
Auch die Mannschaft des FC Schalke 04 verließ niedergeschlagen das Estadio Vicente Calderón. Besonders hart schien es Bordon getroffen zu haben. Der Frust ist groß, sehr groß. Wir wollten doch alle in der Champions League spielen, sagte der Brasilianer. Der große Kerl, der sich als einziger kompromisslos und ohne Furcht dem Sturmlauf der Spanier entgegen gestemmt hatte, war vor dem Einsteigen in den Mannschaftsbus ganz kleinlaut. Was soll ich dazu sagen? Es war ein schwieriges Spiel. Von uns kam viel zu wenig, erklärte der 32 Jahre als Abwehrrecke.
Ruttens Sorgen
Bordon rang nach Worten, hob an und brach aber nach einem Satzstummel wieder ab. Ihm lag wohl auf der Zunge, einigen Mitspielern ordentlich die Leviten zu lesen für einen Auftritt ohne Biss und Leidenschaft. Aber das hätte auch für ihn als Kapitän unangenehme Folgen gehabt. Denn Rutten selbst übt öffentlich keine Einzelkritik an seinen Spielern. Somit ist ein aufklärendes Wort auch anderen untersagt.
Der Niederländer, in der Sommerpause von Twente Enschede nach Gelsenkirchen gekommen, hatte die Hoffnung im Verein genährt, dass die Mannschaft ihr Potenzial stärker freilegen könnte. In vier Pflichtspielen hatte das Team nur ein Gegentor kassiert, beim 1:1 in Bremen am Samstag, und war ungeschlagen geblieben. Doch nach der Abfuhr durch die Atlético-Spieler sorgte sich der 45 Jahre alte Coach, dass der ernüchternde Abend böse Folgen haben könnte.
Einnahmeausfall von 15 Millionen
Das tut allen Fans von Schalke weh, aber es tut auch der Mannschaft weh, sagte Rutten. Für das Aufarbeiten des Negativerlebnisses, das den Schalkern ihre mangelhafte internationale Wettbewerbsfähigkeit sehr krass vor Augen führte, hatte Rutten kein probates Mittel zur Hand. Es ist gut für den Kopf, eine Nacht darüber zu schlafen, meinte er. Doch nach dieser Niederlage würden alle Spieler kaum Schlaf finden. Also war nur wenig Gutes für den Kopf zu erwarten bis zum Abflug nach Münster/Osnabrück am Donnerstagmorgen um 10 Uhr.
Am morgigen Samstag trifft Schalke nun in einem Derby auf Bochum. Ohne Sieg würde die zehntägige Länderspielpause wohl zur Qual mit anhaltenden Diskussionen über die wahre Qualität des Teams und des Trainers. Kurzfristige Verstärkungen des Spielerkaders sind kaum zu erwarten: Am Montag schließt der Transfermarkt. Zudem bedeutet die Nicht-Qualifikation für die Gruppenspiele der Königsklasse ein Einnahmeausfall von rund 15 Millionen Euro.
Auswärtstore sind Mangelware
Der Uefa-Cup, wo vor der Gruppenphase erst einmal die erste Runde zu überstehen ist, bildet eine wesentlich dürftigere Geldquelle. Wenn am Mittwochabend in Madrid der Begriff Uefa-Pokal fiel, löste er bei den Schalkern Reaktionen aus, als wären ansteckende Krankheiten erwähnt worden.
Entweder fliegt man in der ersten Runde raus oder man gewinnt den Uefa-Cup, sagte Fabian Ernst. Auf den kleinen Europacup-Wettbewerb waren die Königsblauen nicht eingestellt. Sie hatten in der vorigen Saison am großen Fußball geschnuppert und Geschmack gefunden. Auf Dauer, so Vereinspräsident Josef Schnusenberg, müsse man sich in der tollen Champions League einrichten. Aber die Mannschaft war dafür nicht gut genug. Wie bei den Auswärtsspielen der Champions League gegen Chelsea, Valencia, Porto und Barcelona wurde bei Atlético kein Tor erzielt.
Offenbarungseid in der Schlussphase
Wir sind erst wach geworden, als es zu spät war, sagte Ernst und sprach damit ein kurzes Aufbäumen nach dem 0:2 nach etwa einer Stunde Spielzeit an. Zwei Tormöglichkeiten zum 1:2, das Schalke unter die besten 32 Teams des Kontinents geführt hätte, wurden von Heiko Westermann und Ernst vergeben. Aber Torchancen dieses Kalibers hatten die Gastgeber während der Partie fast im Minutentakt. Wir haben mehr drauf, als wir heute gezeigt haben, sagte Westermann.
Zum Schalker Offenbarungseid wurde die Partie in den letzten zehn Minuten, als die Defensive gelockert wurde. Zwei Gegentore waren die Folge, Christian Pander sah noch die Rote Karte. Am Ende war es egal, wie hoch wir verlieren, sagte Westermann.
Hoffnung ruht auf Engelaar und Farfan
Die bisherige Forderung von Rutten, Spiele durch kluge Ballkontrolle zu gestalten, sollten für die 90 Minuten von Madrid nicht gelten. Lediglich das 1:0 aus dem Hinspiel sollte verteidigt werden. Deswegen rückte auch Jermaine Jones in die Elf, der angeblich schwerer verletzt war. Er versuchte seine müden Kollegen anzutreiben, aber spielerisch bot er wie alle anderen eine zweitklassige Leistung, gemessen am Niveau, das Atlético zeigte.
Eventuell hätten die Schalker mit ihren verletzten Neueinkäufen Orlando Engelaar und Jefferson Farfan besser mitgehalten. In der Bundesliga, wo ihre Erfolgschancen ohne die anstrengende Champions League steigen könnten, sollten mit dem Duo wieder bessere Tage kommen. Aber viel schlechtere als in Madrid sind auch kaum vorstellbar.
Atletico Madrid - Schalke 04 4:0 (1:0)
Madrid: Franco - Perea, Heitinga, Ujfalusi, Pernia - Maniche (73. Paulo Assuncao) - Maxi Rodriguez, Raul Garcia, Simao - Agüero (87. Sinama Pongolle), Forlan (71. Luis Garcia). - Trainer: Aguirre
Schalke: Schober - Westermann, Höwedes, Bordon, Pander - Jones (78. Asamoah), Ernst, Kobiaschwili (65. Rafinha) - Altintop, Kuranyi, Rakitic (90. Krstajic). - Trainer: Rutten
Schiedsrichter: Frank De Bleeckere (Belgien)
Tore: 1:0 Agüero (19.), 2:0 Forlan (51.), 3:0 Luis Garcia (82. ), 4:0 Maxi Rodriguez (87., Foulelfmeter)
Zuschauer: 55.000 (ausverkauft)
Rote Karte: Pander nach einer Notbremse (86.)
Gelbe Karten: Maxi Rodriguez, Pernia, Forlan - Ernst (2), Jones (2), Altintop
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS